Maren Ade, Regisseurin des Films "Toni Erdmann"
Maren Ade, Regisseurin des Films "Toni Erdmann" | Foto: dpa

Maren Ade im Interview

„Da muss der Film jetzt irgendwie durch“

Begeisterter Jubel beim Filmfestival von Cannes, Lizenzverkauf in rund 60 Länder, 100 000 Kinozuschauer nach sechs Tagen allein in Deutschland – mit ihrer Tragikomödie „Toni Erdmann“ hat die aus Karlsruhe stammende Regisseurin Maren Ade einen Volltreffer gelandet. Beim Kinotour-Besuch in ihrer Heimatstadt zu Beginn dieser Woche sprach die 39-jährige Filmemacherin mit BNN-Redaktionsmitglied Andreas Jüttner über Cannes, Komik und Konflikte.
Wie bitte schafft man es, in einem einzigen Film folgendes unterzubringen: Eine Nacktszene wie man sie noch nie im Kino gesehen hat, eine Sexszene wie man sie noch nie gesehen hat – und eine Furzkissenszene, für die das gleiche gilt?
Ade: (lacht) Ich wollte versuchen, dicken Witz mit Ernsthaftigkeit zu kombinieren und eine Komödie zu machen, im Idealfall auch etwas über Humor erzählt. Ausschlaggebend ist, dass hier der Vater die Komödie für seine Tochter spielt, um sie aus ihrer Karrierefixierung herauszuholen, und dass nicht ich die Komödie fürs Publikum mache. Die Nacktszene ist eine der Sachen, die durch diese Komödie des Vaters ausgelöst wird, und bei der Sexszene fand ich wichtig, dass sie auch wirklich etwas erzählt und nicht nur beweist, dass die Figur Sex hat. Die Szene ist auch ein Humorstreit zwischen Ines und ihrem Partner: Er sagt, sie soll nicht so humorlos sein, und darauf antwortet sie, indem sie sich einfach hängen lässt und gar nicht mitmacht.

Es war also Ihr erklärtes Ziel, eine Komödie zu drehen?
Ade: Das war die Ausgangsidee, aber als Geschichte hat mich schon das Ernsthafte mehr interessiert, das Feststecken der Figuren in den Ritualen dieses Systems „Familie“, aus dem der Vater einen Ausbruch versucht mit der Frage: Was wäre, wenn man sich neu begegnen könnte?
Warum haben Sie die Geschichte im Milieu der Unternehmensberatung angesiedelt?
Ade: Mich hat das Thema „Frauen in Führungsrollen“ interessiert. Da kann ich aus meiner Erfahrung anknüpfen, weil man beim Inszenieren ja auch eine Führungsposition einnimmt. Trotzdem wollte ich, dass die Hauptfigur einen Beruf hat, der weiter weg ist von dem was ich mache. Und sie sollte einen Job haben, in dem sie sich eine starke Fassade aufbauen muss, denn mich hat das Rollenspiel der Figuren interessiert. Und in der Unternehmensberatung hat der Begriff der Performance eine große Bedeutung. Letztlich ist für sie auch die Tochter eine Rolle, die Freundin auch und die Liebhaberin – diese Rolle zum Beispiel hat sie sicher vor der erwähnten Sexszene ganz anders erfüllt. Deshalb ist die Szene ihr erster Schritt, sich von diesen Rollen zu lösen. Wobei sie sich diese Rollen ja selber geschaffen hat – das ist das Schlimme daran. Wenn ihr Chef sie abstellt zum Einkaufen mit seiner Frau, dann könnte sie sich dem auch entziehen. Aber sie ringt mit sich: Wie weit soll sie mitschwimmen im System?
Beantwortet sie diese Frage für sich bei der Nacktparty?
Ade: Einerseits ja, andererseits stellt sie fest, dass alles geht, wenn man das passende Label dafür hat. Wenn man eine Nacktparty unter Kollegen als „challenge“ für den „team spirit“ verkauft, dann ist sogar diese riesige Grenzüberschreitung wieder systemkonform verpackt.
Ihr Film erzählt von Familie, Generationengrenzen, Globalisierung, Zwang zum Rollenspiel, und auch das ist längst nicht alles. Ziehen Sie diese vielen Schichten gezielt ein oder „passiert“ Ihnen das beim Drehbuchschreiben einfach?
Ade: Wenn eine Figur einen bestimmten Job hat, dann will ich das auch richtig erzählen. Ich will dann aber nicht primär etwas über Wirtschaftsprozesse erzählen, sondern es interessiert mich eine Figur innerhalb eines Systems. Das schichtet sich nach und nach auf. Zum Beispiel habe ich viel in Rumänien recherchiert. Dadurch war das Buch am Ende auf fast alle Locations genau angepasst – die Ölfelder mit dem Bauern, der daneben wohnt, die gibt es genau so.
Hat die Recherche auch den Blick auf die Figuren geändert? Wenn man direkt vor Ort sieht, was „Outsourcer“ wie Ines anrichten?
Ade: Man führt da schon einen inneren „politischen“ Dialog, aber für mich ging es eher darum, die Positionen von Tochter und Vater gegenüberzustellen. Es gehen beide ratlos aus der Situation am Ölfeld heraus. Für sie ist das Outsourcing schwieriger geworden, er kann mit seiner menschlicheren Haltung nichts bewirken, weil er nichts tut, sondern nur diese Haltung hat. Interessant fand ich die Unlösbarkeit dieses Konflikts.
Wie haben Sie die Premiere in Cannes erlebt?
Ade: Es war ein irres Erlebnis, in diesem riesigen Saal den erst vier Tage vorher fertiggestellten Film zu sehen. Man sitzt da als Regisseur mit einer irrsinnigen Anspannung wenn man seinen Film zum ersten Mal zeigt, und ich habe dann auch eine Weile gebraucht, um beim Schlussapplaus aufzutauen. Zum Glück war er lange genug, dass ich das noch mitnehmen konnte. (lacht)
„Lange genug“ ist eine dezente Umschreibung für zehn Minuten Ovationen. Hilft die Bugwelle dieses Wirbels bei der Kinoauswertung, oder löst sie eher überzogene Erwartungen aus?
Ade: Das muss sich zeigen. Das Einzige, was mir aufgefallen ist: Der Film ist schon so gedacht, dass man ein paar Mal richtig überrascht werden soll. Und das finde ich nun schon ein bisschen schade, dass man mittlerweile vielleicht weiß, irgendwann erscheint so ein Zottelviech und irgendwann gibt es eine Nacktparty. In Cannes wusste niemand irgendwas, da hat der Film wirklich überrascht. Ich hoffe, dass das noch funktioniert, aber ich finde auch: Da muss der Film jetzt irgendwie durch.
Nicht überraschend, aber zumindest ungewohnt für viele Besucher dürfte die Länge von 162 Minuten sein – wie kam es dazu?
Ade: Ich hatte mich darauf eingestellt, dass es viel mehr Beschwerden über die Länge gibt und ich war deshalb total glücklich darüber, dass so viele gesagt haben, man spüre die Länge nicht und das sei richtig so. Ich habe lange versucht, den Film zu kürzen, fand aber, dass er dann länger wirkte. Das ist manchmal ganz komisch: Auch ein 130- oder 140-Minuten-Film kann sich sehr lang anfühlen. Deshalb war ich darüber sehr erleichtert.
Nach der Premiere in Cannes hat es schnell die Runde gemacht, dass die Figur Toni Erdmann vom Humor Ihres Vaters inspiriert ist, der in Karlsruhe als Lehrer arbeitet. Was war die erste Inspiration – war es das künstliche Monstergebiss?
Ade: Das ist in der Tat geklaut, aber es ist auch nur dieses Detail. Wer mich auch inspiriert hat ist ein Performer aus den 70er-Jahren, Andy Kaufman. Der hatte eine Reihe Alter Egos. Eines davon hieß Tony Clifton, das war so ein ganz dicker Barsänger. Überhaupt der Humor von Andy Kaufman – was er gemacht hat und die Konsequenz, mit der er in seinen Rollen geblieben ist und oft behauptet hat, er sei das gar nicht, das fand ich auch interessant.
Deswegen „Toni“ Erdmann?
Ade: Ja. Tony Clifton – Toni Erdmann. Es gab aber auch andere Anregungen. Gerhard Polt zum Beispiel hat mal nur auf der Bühne gesessen und Schweinsbraten gegessen. Das fand ich toll und dachte: Oh ja, der Vater sitzt erst mal nur im Hintergrund und isst diesen Hummer. Ewig lang. Und beim Dreh merkt man dann: Naja, sooo ewig lang sollte man’s dann auch nicht machen.