Bunte Luftballons stiegen beim  feierlichen Spatenstich für das neue Remchinger Rathaus in die Luft. 	Foto: Zachmann
Bunte Luftballons stiegen beim feierlichen Spatenstich für das neue Remchinger Rathaus in die Luft. Foto: Zachmann

Neues Remchinger Rathaus

Alt und Jung greifen zum Spaten

Von Julian Zachmann

Wer beim Remchinger Rathausneubau an Friedhofskerzen auf umgesägten Baumstümpfen, an Unterschriftenlisten oder an Protest-Flyer denkt, dem bot sich am Donnerstagabend mal ein komplett anderer Anblick auf dem San-Biagio-Platani-Platz (der Pforzheimer Kurier berichtete). Während viele der rund 300 Besucher rot-weiße Luftballons in den Remchinger Gemeindefarben in die Luft steigen ließen – verbunden mit guten Wünschen für den Neubau – schrieben vor allem die jungen Bürger ein Stück Remchinger Geschichte, als sie zusammen mit Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon den Spaten packten und symbolisch die ersten Schaufeln Erde für das Millionenprojekt durch die Luft wirbelten.

Zentrale Mitte wird geschaffen

Die gute Laune überwog, ob bei Bürgermeister-Nachwuchs Kaspar Prayon, der den Plastikspaten selbst im Kinderwagen griffbereit hielt oder bei Alt-Gemeinderat und Ortshistoriker Friedbert Pailer, der sein eigenes Gartengerät mitgebracht hatte und außerdem ein gläsernes Remchinger Wappen, das er kurzerhand vor den Erdhaufen hängte.  Mit Blick zu Pailer erinnerte Bürgermeister Prayon, dass es schon von der ersten Stunde der Gemeindefusion an ein zentrales Thema gewesen sei, eine zentrale Mitte zu schaffen. „Wir Menschen leben vom Miteinander, von Austausch und persönlicher Begegnung. Wir sind gesellige Wesen, brauchen den Schutz und brauchen einander. Dazu bauten wir von Anfang an Städte und Häuser“, rief der Bürgermeister in Erinnerung. „Das neue Rathaus ist ein Ort für alle. Da findet die Diskussion statt, da lebt die Demokratie.“

Gebäude für die Bürger entsteht

Der zentrale 13,7-Millionen-Neubau mit seinen fünf Ecken stellvertretend für die Ortsteile inklusive Sperlingshof sei der letzte große Meilenstein an der Neuen Ortsmitte – nach Altenpflegeheim, Diakonie und Kulturhalle (Prayon im Hinblick auf Diskussionen vor deren Bau: „Wer würde sie heute wieder hergeben wollen?“). „Hier entsteht kein reines Rathaus, sondern wirklich ein Gebäude für die Bürger“, stellte auch Architekt Thomas Steimle in Aussicht, der nach den vorbereitenden Arbeiten zur Leitungsverlegung in den nächsten Tagen mit dem gewaltigen Aushub der Tiefgarage beginnen will und im Sommer 2018 mit der Einweihung rechnet. „Es ist keine Kirche, die gebaut wird und trotzdem dürfen wir Gott um seinen Segen bitten“, freute sich der evangelische Wilferdinger Pfarrer Friedemann Zitt über das Zusammenleben von Kommune und Kirchengemeinde und schloss nicht nur die Arbeiten auf der Baustelle, sondern auch das Miteinander in der ganzen Gemeinde ins gemeinsame Gebet mit ein. Im Anschluss versammelten sich zahlreiche Festbesucher zu einem geselligen Umtrunk in der Kulturhalle.

Proteste bleiben aus

Beim Spatenstich selbst war zwar vereinzelt der eine oder andere kritische Blick in der Zuschauermenge zu erkennen, Protestaktionen blieben jedoch aus. Mit zwei Bürgerbegehren und einem Bürgerantrag hatten die Bürgerinitiative und der daraus entstandene Bürgerverein für Demokratie und Bürgerbeteiligung versucht, den Rathausneubau zumindest in der geplanten Form zu verhindern. Deren Gutachter rechnete wie berichtet mit 19,5 Millionen Euro für den Neubau, wodurch der Verein eine enorme Verschuldung der Gemeinde befürchtet und andere wichtige Projekte im Rückstand sieht. Beide Begehren hatte der Gemeinderat mehrheitlich zurückgewiesen, auch vor Gericht erreichte der Verein bisher keinen Baustopp. Spannend bleibt die Frage, wie es nun weitergeht.
„Der Spatenstich hat auf den Bürgerverein keinen Einfluss“, sagte gestern dessen stellvertretender Vorsitzender Lorenz Praefcke im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier, „mehr möchte ich dazu nicht sagen“.