STIMMEN IMMOBILIENWERT, EIGENKAPITAL UND EINKOMMEN, dann gab es bislang auch relativ einfach eine Finanzierung. Doch nun hat Berlin eine EU-Richtlinie umgesetzt. Der Aufschrei bei Banken und Sparkassen ist groß.
STIMMEN IMMOBILIENWERT, EIGENKAPITAL UND EINKOMMEN, dann gab es bislang auch relativ einfach eine Finanzierung. Doch nun hat Berlin eine EU-Richtlinie umgesetzt. Der Aufschrei bei Banken und Sparkassen ist groß. | Foto: dpa

Neue Regeln erzürnen Banken und Kunden in der Region

Aus der Traum vom eigenen Haus?

Ausgeträumt: Wer genügend Eigenkapital und Einkommen hat, der bekam bislang meistens auch problemlos ein Darlehen für den Hausbau oder den Kauf einer Immobilie. Doch nun hat der Bund die Voraussetzungen für Baukredite kräftig verschärft. Schon sind erste Interessenten frustriert. Vor allem junge Familien und Senioren sind betroffen und fluchen über die Wohnimmobilien-Kreditrichtlinie (WKR). BNN-Redakteur Dirk Neubauer hat zu dem Thema Fragen und Antworten zusammengestellt:
Warum hat der Bund die Daumenschrauben angezogen?
Die Europäische Union (EU) will eine neue Finanzkrise verhindern. Die Bundesregierung hat die Vorgaben aus Brüssel nun zum 21. März in deutsches Recht umgesetzt – allerdings weitaus strenger, als andere EU-Länder wie beispielsweise Österreich. Hintergrund sind auch die derzeit extrem niedrigen Zinsen. Die könnten beispielsweise in zehn Jahren erheblich höher sein. Und wer sich keinen längerfristigen Vertrag gesichert hat, könnte dann Probleme mit den Zins- und Tilgungszahlungen haben.
Was sagen die beiden Verbände dazu, die im Südwesten die Kreditinstitute mit den meisten Kunden hinter sich haben?
„Die Wohnimmobilienkredit-Richtlinie ist ein markantes Beispiel dafür, wie durch eine gigantische Bürokratie ein in Deutschland bisher problemlos funktionierender Markt plötzlich ausgebremst wird“, schimpft der Pressesprecher des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, Stephan Schorn. Verärgert ist auch Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes. „Deutschland hat die Spielräume nicht genutzt, die Europa gegeben hat.“
Wie agierten die Banken bisher?
Bislang war für die Geldhäuser vor allem wichtig, dass die von ihnen finanzierte Wohnung oder das Haus nicht an Wert verliert. Denn die Immobilie dient ihnen per Grundpfandrecht als attraktive Sicherheit. Klappt die Rückzahlung nicht, können sie diese zur Not verkaufen, ohne mit größeren Verlusten rechnen zu müssen. Auch ein Blick auf Eigenkapital und regelmäßige Einkommen war für seriöse Banken Pflicht. Das Geschäftsmodell funktionierte auch deshalb in Deutschland prima, weil dort für einen langen Zeitraum fixierte feste Zinsen für ein Baudarlehen üblich sind – und nicht variable Zinsen, wie in anderen Ländern. Außerdem sind hohe Beleihungswerte die Ausnahme. So fuhren beide Seiten, Banken und Kunden, gut.
Was ist neu für die Geldhäuser?
Der Eigentümer und seine Kreditwürdigkeit rückt nun in den Mittelpunkt. Banken müssen versuchen hochzurechnen, wie sich etwa sein Gehalt in Zukunft entwickeln wird. Denn das Darlehen soll spätestens bis zum Lebensende getilgt werden.

BETONGOLD: Vor allem für etliche junge Familien, Selbstständige und Senioren wird es schwieriger, eine Immobilie zu finanzieren.
BETONGOLD: Vor allem für etliche junge Familien, Selbstständige und Senioren wird es schwieriger, eine Immobilie zu finanzieren. | Foto: dpa

Wer ist besonders betroffen?
Junge Familien beispielsweise, denn wenn Kinder dazukommen, sinkt ja das Haushalts-Nettoeinkommen. Auch sehr gut verdienende Menschen könnten mitunter Probleme bekommen, so das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Denn relativ oft liege hier das Beleihungsvolumen bei 100 Prozent. Dabei ist es ein Unterschied, ob jemand 30 Prozent seines Nettoeinkommens von monatlich 15 000 Euro oder von 2 000 Euro für Zins und Tilgung einsetzt.
Und was ist mit den Senioren?
Die WKR „trifft vor allem Senioren mit Wohneigentum“, meint die Deutsche Leibrenten Grundbesitz AG. Denn die Einkommen sind im Rentenalter geringer. Auch die Lebenserwartungen müssen die Banker neuerdings mit in ihre Prognosen einbeziehen. Dabei komme es für neun von zehn Menschen im Rentenalter nicht infrage, Haus oder Wohnung zu verkaufen, hat eine Studie der Deutschen Leibrenten zusammen mit der Uni Köln ergeben.
Sind Selbstständige außen vor?
Im Gegenteil. „Besonders schwierig wird es für Selbstständige und andere Berufe ohne Festanstellung auf Lebenszeit, die in jungen Jahren nicht gleich Verträge mit festen Einkommen bis zur Rente vorweisen können“, so Sparkassenverbands-Sprecher Schorn. Hier erschwere die Richtlinie die Kreditvergabe enorm.
Diese gilt erst seit kurzem; wirkt sie sich bereits aus?
Der Genossenschaftsverband äußert sich hier zurückhaltend. Anders der Sparkassenverband. „Wie wir aktuell bereits sehen, geht die Kreditvergabe für Immobilien teilweise deutlich zurück. Dies liegt nicht an der Nachfrage, sondern an den Restriktionen, die mit der neuen Richtlinie einhergehen“, so Schorn weiter auf BNN-Anfrage. Ein differenziertes Bild zeichnet der Frankfurter Bankendienstleister Cofinpro AG: „Während sich viele Institute seit Inkrafttreten der neuen EU-Richtlinie bei der Kreditvergabe deutlich restriktiver verhalten, weiten andere Institute die Immobilienfinanzierung noch aus.“ Genossenschaftspräsident Glaser erhebt jedoch mahnend den Zeigefinger: „Wer die Richtlinie nicht umsetzt, bekommt womöglich Probleme mit der Bankenaufsicht und/oder sieht sich zivilrechtlichen Auseinandersetzungen entgegen.“ Das heißt: Wie viele Banken befürchtet er Prozessrisiken, wenn sie die WKR nicht sauber umsetzen.
Folge des neuen Gesetzes ist auch eine vergrößerte Informationspflicht. Was sagen die Banken zu diesem Punkt?
„Es kommt zu einer noch stärkeren Papierflut“, so Geno-Präsident Glaser, der selbst über viele Jahre an der Spitze der Volksbank Baden-Baden/Rastatt stand. „Man darf schon fragen, ob es zumutbar ist, diese Informationen alle auch zu lesen und zu verstehen. Mit Verbraucherfreundlichkeit hat das wahrlich nichts zu tun.“
Was könnte die Konsequenz der WKR sein?
Vor allem für Sparkassen und Volksbanken sind Baufinanzierungen ein wichtiger Bestandteil ihres Geschäftsmodells. Noch bedeutsamer sind sie für reine Privatkundenbanken wie die BBBank, PSD-Banken und Sparda-Banken. Ein eigenes Haus ist auch ein wichtiges Instrument zur Altersvorsorge der Menschen – gerade in Niedrigzinszeiten dürfte es der Politik eigentlich nicht egal sein, wenn hier etwas verrutscht. Deutschland hat nach wie vor eine relativ niedrige Wohneigentums-Quote. Laut Institut der deutschen Wirtschaft wohnen immer noch so viele zur Miete wie vor fünf Jahren – und auch Mietzahlungen fallen nicht weg, wenn eine junge Familie Nachwuchs bekommt oder ein älterer Mensch nur noch Rente bezieht.