Anton Hofreiter im Gespräch mit den BNN-Redakteuren.
Anton Hofreiter im Gespräch mit den BNN-Redakteuren. | Foto: Hora

Grünen-Politiker besucht BNN

Anton Hofreiter – bayrisch, staatsmännisch, grün

Karlsruhe als Geburtsstadt der Grünen

Nicht oft kommt ein Bundespolitiker einem der Gründungsorte seiner Partei so nah wie gestern Anton Hofreiter. Der Bundestagsabgeordnete und Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag besucht das Verlagshaus der Badischen Neuesten Nachrichten in Neureut. Nur rund fünf Kilometer Luftlinie von der Stadthalle entfernt, wo im Januar 1980 der Gründungsparteitag der Grünen abgehalten wurde. Hofreiter war damals noch keine zehn Jahre alt, trat aber schon sechs Jahre später in die Partei ein. Beim BNN-Redaktionsbesuch gibt sich Hofreiter gut gelaunt und konzentriert. Es wird eine rund 70-minütige Reise von der Landespolitik über die Autoindustrie bis zur Bundestagswahl.

Ungeschickte Ausdrucksweise von Winfried Kretschmann

Zu Beginn geht es in einer baden-württembergischen Zeitungsredaktion natürlich aktuell um die parteiinterne Kritik am grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Der BNN-Artikel „Bei den Grünen kracht’s“ darüber liegt auf dem Tisch vor Hofreiter. Er liest ihn aufmerksam, während er versucht, sich auf die Fragen von Redaktionsleiter Klaus Gaßner zu konzentrieren. Kretschmann hatte in einem „Zeit“-Artikel die klassische Ehe als bevorzugte Lebensform der meisten Menschen bezeichnet – und dass das auch gut so sei. Nach Unverständnis von der Parteibasis und Homophobie-Vorwürfen entschuldigte sich Kretschmann. „Ich glaube, dass er sich da ungeschickt ausgedrückt hat. Aber ich finde es daneben, ihm da bestimmte Dinge zu unterstellen“, sagt Hofreiter. Er als möglicher männlicher Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl 2017 möchte darin aber keinen Höhepunkt im Machtkampf zwischen linkem und Realo-Lager sehen.

Prinzip der uneingeschränkten Solidarität wichtig für Europa

Generell gibt sich Hofreiter staatsmännisch. Seine Antworten zu komplizierten Sachverhalten wie dem Umgang mit Flüchtlingen in der Europäischen Union kommen schnell, überlegt und sprachlich natürlich deutlich bajuwarisch gefärbt. Seinen Gesprächspartner schaut er meist direkt an, unterstreicht Argumente per Nicken. Die einzelnen Punkte seiner Argumentationen zählt er wahlweise an der linken oder rechten Hand ab. Eine Patentlösung für die gegenwärtige EU-Sinnkrise hat auch der promovierte Biologe nicht mit nach Karlsruhe gebracht, aber Hofreiter ist ein Punkt sehr wichtig: „Innerhalb der Europäischen Union kommen wir nur weiter, wenn das Prinzip Solidarität auch dann gilt, wenn man nicht gerade derjenige ist, der die Solidarität selbst braucht.“

Ungewöhnliches Faible für die Autoindustrie

Ein weiteres für Hofreiter sehr wichtiges Thema – nicht die erste Assoziation mit einem Grünen-Politiker – ist die Situation der deutschen Autoindustrie. Diese würde durch Firmen wie den US-amerikanischen Elektroauto-Konzern Tesla massiv bedroht. Wenn solch schnelle Entwicklungen, „Sprunginnovationen“ wie er es nennt, anstünden, müssten Unternehmen gigantische Summen investieren, um bei der neuen Technologie vorne dran zu sein. Die deutsche Politik müsse eine Doppelstrategie fahren, meint Hofreiter. „Sie muss locken, durch Forschungsprogramme und Kaufprämien, und sie muss schieben, durch eine klare Rahmengesetzgebung. Wir können es uns nicht leisten, die Autoindustrie in Deutschland zu verlieren.“ Aber natürlich dürfte der Klimaschutz nicht liegen gelassen werden – da ist der gebürtige Münchner der typische Grüne. Wie auch in der Erscheinung: lange blonde Haare, hellblaues Hemd, der oberste Knopf offen, dunkelblaues Jackett, Regenbogenfahne am linken Revers.

Grüne Koalitionsgedanken

Gegen Ende geht es dann auch noch um das zentrale politische Ereignis im nächsten Jahr: die Bundestagswahl. Dann könnten die Grünen das Zünglein an der Waage sein. Für eine Koalition mit SPD und den Linken. Oder für eine Koalition mit der Union. „Politik ist leider kein Wunschkonzert. Deswegen bereiten wir sowohl Rot-Rot-Grün als auch Schwarz-Schwarz-Grün vor. Aber wenn ich es mir frei wünschen könnte, würde ich sagen: Grün-Rot. Nur davon sind wir weit entfernt“, erklärt Hofreiter und muss dabei selbst lachen. Ein bisschen Selbstironie schadet auch Bundespolitikern nicht.