Vier von sieben Kindern der Familie Pfetzer an Weihnachten 1916 in Bühl.
Vier von sieben Kindern der Familie Pfetzer an Weihnachten 1916 in Bühl. | Foto: pr

Kriegsweihnacht 1916 in Bühl

Bescherung im Schnee an der Bühlot

Ernst schauen die Kinder in die Richtung des Fotografen. Dass sie sich nicht über die Geschenke freuen, die sie in den Händen halten, bedeutet das keineswegs. Vielleicht ist es für sie das erste Mal, dass sie fotografiert werden, und entsprechend ernst nehmen sie den ungewohnten Vorgang; vielleicht aber spiegelt sich trotz ihrer jungen Jahre in den Gesichtern einfach auch der Ernst der Zeit wieder: „Kriegsweihnacht 1916“ hat jemand mit Bleistift auf die Rückseite der Aufnahme geschrieben.
Das Bild fand sich im Nachlass des schon vor Jahrzehnten gestorbenen Bühler Schreinermeisters Karl Pfetzer. In einem Karton mit Bildern überdauerte es die Jahre und ist heute im Besitz von Elisabeth Koesling, einer Nichte von Karl Pfetzer. Zuhause war die Familie in der Wiedigstraße. Sieben Kinder zählten dazu, die vier jüngsten sind auf dem Bild zu sehen: Alois, Berta, Frieda und Marie (Karl gehörte zu den drei älteren Kindern). Sie halten Puppen und Spiele (oder auch Bilderbücher) in der Hand, vor ihnen steht ein Stoffhund,  auch ein Spielzeugklavier ist zu erkennen. Für das Bild haben sich die vier Pfetzer-Kinder neben den kleinen Christbaum gestellt. Entstanden ist das Bild im Garten des Hauses gegenüber vom Stadtgarten, direkt an der Bühlot: „Hier sieht es heute noch genauso aus“, weiß Elisabeth Koesling.
Möglicherweise hat der ernste Blick seinen Grund auch darin, dass der Vater im Krieg war. Schreinermeister Richard Pfetzer war im Ersten Weltkrieg im Kriegseinsatz, wie Elisabeth Koesling weiß. Es gebe nicht nur Bilder von ihm in Uniform, ein solches existiere auch aus seiner Zeit in der russischen Gefangenschaft: „Darauf ist zu sehen, wie er eine Treppe repariert“. Ob er das Weihnachtsfest 1916 zuhause oder in der Ferne feierte, ist allerdings ungewiss. Sicher hätte er sich über die Schlagzeile gefreut, die der ABB am 23. Dezember 1916 (Heiligabend fiel auf den Sonntag) auf seiner Titelseite druckt: „Der Friede zieht auf leisen Schwingen durch die Welt“ (während gleichzeitig zahlreiche Meldungen aktuelle „Kriegserfolge“ beschrieben). Das bezog sich auf eine Initiative des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Auch wenn sie letztlich nicht zum Ziel führte: Nach fast zweieinhalb Jahren erbitterter Kämpfe an den verschiedensten Fronten sehnten sich die Menschen nach Frieden, und gerade die Weihnachszeit dürfte diesen Wunsch noch verstärkt haben.
Auch wenn der Krieg in Russland, Flandern oder Frankreich tobte, so war er doch in der Heimat zu spüren, nicht nur weil Väter und Söhne an der Front waren. Dinge des täglichen Gebrauchs wurden rarer und damit immer teurer: So war ausgerechnet zu Weihnachten 1916 zu lesen, dass die Kohlenpreise erhöht wurden. Ein wenig Zerstreuung war in einer solchen Zeit sicher willkommen. Ein solches Angebot unterbreitete in Bühl beispielsweise der Katholische Gesellenverein, der für den zweiten Weihnachtsfeiertag die Aufführung eines „Weihnachtsdramas in drei Akten“ ankündigte. Und vielleicht half einfach auch ein Spaziergang in der Natur, durch schneebedeckte Landschaften. Weiße Weihnachten: Das Bild mit den vier Kindern der Familie Pfetzer aus der Wiedigstraße zeigt, dass es so etwas auch mal in Bühl gegeben hat….