Die Martinskirche in Ettlingen ist eines von mehreren die Ettlinger Altstadt prägenden Gebäude.
Die Martinskirche in Ettlingen ist eines von mehreren die Ettlinger Altstadt prägenden Gebäude. | Foto: Werner Bentz

Erinnerung an Lothar v. Kübel

Betstuhl des „Bekennerbischofs“ in Ettlingen

„Betstuhl für Martinskirche angekauft; er gehörte zuletzt dem 1931 in Mörsch beerdigten Pfarrer Otto Peitz; dieser hatte ihn seiner Zeit von dem früheren Pfarrer von Wolfach. Der erste Besitzer, für den er angefertigt wurde, ist aber der frühere Weihbischof Lothar von Kübel gewesen.“ Diese Sätze hat Augustin Kast, Dekan und Pfarrer in der Ettlinger Herz-Jesu Pfarrei, in seinem Verkündigungsblatt Sankt Martinsglöcklein am 17. April 1932 geschrieben. Und Kast begründet, weshalb er dem „Betstuhl“ einen „besonderen Platz“ in der Martinskirche zukommen ließ: „Nicht bloß weil es ein schönes Stück ist, haben wir ihn für unsere Martinskirche gerettet.“ Weihbischof Lothar von Kübel sei ein leutseliger, volksnaher Bischof gewesen, von „allen rechten Katholiken wurde er geliebt wie kein Bischof vor und nach ihm“.
Augustin Kast nennt ihn „Bekennerbischof“. Wer war von Kübel? Im Kulturkampf war der Freiburger Weihbischof eine herausragende Gestalt auf Seiten der Katholiken in der Auseinandersetzung mit dem Karlsruher Großherzog, dessen Regierung und Ständeparlament. Dabei ging es unter anderem um den badischen Schulstreit – Stichwort konfessionelle oder gemischte Schule – , aber auch um die Mitsprache des Großherzogs und der badischen Regierung bei der Besetzung von Bischofs- und Kirchenämtern. In der Zeit von Bischof von Kübel ging es um die Nachfolge des greisen Freiburger Erzbischofs Hermann von Vicari. Das zuständige Organ der katholischen Kirche wollte nach Vicaris Tod den bekannten Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel Ketteler, bekannt als Arbeiterbischof, zum Nachfolger wählen, was aber der „liberalen“ badischen Regierung nicht genehm war. Sie lehnte den Namen ab. Das ging sogar soweit, dass die Karlsruhe Regierung ihren „eigenen“ katholischen Bischof einsetzen wollte.

Vor dem Josefsaltar in der Martinskirche steht der Betstuhl, der ehedem Bischof von Kübel gehörte.
Vor dem Josefsaltar in der Martinskirche steht der Betstuhl, der ehedem Bischof von Kübel gehörte. | Foto: Johannes-Christoph Weis

Augustin Kast kaufte Betstuhl

Die katholische Seite machte dabei nicht mit und brachte Kübel, Leiter des Freiburger Seminars für angehende Priester, ins Gespräch. Er war Domdekan, Generalvikar und Weihbischof zur Zeit von Vicaris Tod am 14. April 1868. Die Hoffnung jedoch – wie aus dem Buch „Das Erzbistum Freiburg in Vergangenheit und Gegenwart“ von Wilhelm Burger, erschienen 1927 bei Herder, zu entnehmen ist – die Karlsruher Regierung werde vielleicht Kübel unbeanstandet auf der Erzbischofsliste lassen, erfüllte sich nicht.

Streit mit dem Großherzog

Kübels Name wurde 1868 gestrichen und er blieb Bistumsverweser.
Wie weit die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat damals ging, zeigt, als einige Jahre später vom Erzbistum neue Erzbischofskandidaten „angeboten“ wurden. Diese hätten sich verpflichten müssen, nicht nur alle staatlichen Gesetze, „sondern auch alle ministerialen Verordnungen zu beachten“. Der aus dem mittelbadischen Sinzheim bei Bühl aus einer einfachen Bauernfamilie stammende von Kübel, ein vom Charakter milder und gütiger Geistlicher, wurde, so Burger weiter, durch ein „merkwürdiges Geschick“ zum „Kämpfer“.

Vorläufer der heutigen CDU

Die katholische Kirche ging gestärkt aus der Auseinandersetzung hervor: In von Kübels Zeit als Erzbistumsverweser und damit quasi Erzbischof in Freiburg gründeten badische Abgeordnete die der katholischen Weltanschauung“ nahestanden, die „Katholische Volkspartei“, aus der kurze Zeit später die Zentrumspartei, Vorläufer der heutigen CDU, hervorging. Sein Widerstand gegenüber dem Bestreben des Großherzogs und dessen badischer Regierung eine Staatskirchenhoheit durchzusetzen, machten ihn zusehends in der katholischen Bevölkerung populärer. Als Bischof musste er einiges hinnehmen. So wurde er wegen Missbrauchs seines geistlichen Amts verurteilt und kam in Haft. Nicht nur der Kirche, sondern auch ihm persönlich, wurde wie bei Augustin Kast nachzulesen ist, persönliches Eigentum konfisziert.

Lothar von Kübel
Lothar von Kübel Quelle: Wilhelm Burger, Herder 1927

Darunter könnte auch jener Betstuhl gewesen sein, der heute in der Martinskirche vor dem von Oskar Becht zur Neueröffnung der Martinspfarrei 1934 geschnitzten Josefsalter steht. Apropos von Kübel: Er hinterließ außer dem besagten Betstuhl noch bei einem Besuch in Ettlingens  eine andere Spur: Er weihte, wie Pfarrer i. R. Engelbert Baader einem Artikel aus dem Sankt Martinsglöcklein (Nr.29/1932 im Archiv der Martinspfarrei) entnahm, am 29. Juni 1877, als Karl Kirn, Stadtpfarrer und Dekan war, nach einer umfassenden Kirchenrenovation drei neue Altäre, darunter einen dem Heiligen Martin gewidmeten Hochalter. Er ersetzte einen wurmstichigen Barockaltar aus der Zeit von Markgräfin Augusta Sibylla. „Gerne würde ich wissen, wie beide ausgesehen haben“, sagt Baader. Der aus der Kirn-Zeit werde als weißer Marmoraltar beschrieben, der hoch bis an die Decke ging, aber im Gegensatz zu dem Barockaltar den Blick ins Chörle mit den neuen Farbfenstern, die bis heute erhalten sind, freigab. Wie sehr der Kulturkampf auch innerkirchlich Wirkung zeigte, ist daraus zu entnehmen, dass der Großherzog Kirn auf einer Vorschlagsliste als Freiburger Domherr ließ und ihm später das Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens erster Klasse verlieh.

Absetzungsverfahren gegen Stadtpfarrer Kirn

Andererseits verweigerte die Stadt Ettlingen Kirn den gesetzlich zustehenden Zuschuss für die Kirchenrenovation. Kirn „rächte“ sich auf sublime Weise. Er verkaufte das Stiftsherrengestühl der Ettlinger Chorherren aus dem Jahre nach 1461, als der Markgraf noch beabsichtigte, in Ettlingen eine Universität zu gründen. Dazu gehörte auch der Verkauf weiteren Inventars, so der barocken Martinsfigur, die später wieder über den Weg Museum Ettlingen zurück in die Martinskirche kam. Kirn finanzierte damit seine neuen Glasfenster. Der Stiftungsrat der katholischen Pfarrei Sankt Martin war mit dem Verkauf überhaupt nicht einverstanden und beantragte beim Bischof ein Absetzungsverfahren gegen Kirn. Dem kam allerdings 1882 der Tod des Geistlichen zuvor, der dann streng nach dem Grundsatz „De mortuis nihil nisi bene“ (über Tote rede man nur gut) mit größten Ehrenbezeugungen und größten militärischen Ehren zu Grabe getragen wurde. Apropos Ehrerweisungen: Fast schon spaßig dürfte der Hinweis sein, dass Bischof Kübel seinen persönlichen Adelstitel 1870 von König Karl von Württemberg erhielt.