Explosionsort
Mexikanische Soldaten am Ort der Explosionskatastrophe in Tultepec. Foto: Mario Guzman

Katastrophe in Mexiko

Inferno aus Feuerwerk: Dutzende sterben bei Explosionen

Tultepec (dpa) – Als die ersten Feuerwerkskörper explodieren, gibt es kein Entkommen mehr. Ein Böller entzündet den nächsten, Raketen zischen durch die Luft, heftige Detonationen erschüttern den Pyrotechnikmarkt von Tultepec.

Eine riesige graue Wolke schraubt sich in den Himmel, im Inneren zucken weiter Blitze. Als sich der Staub legt, sind Hunderte Buden und Verkaufsstände dem Erdboden gleich gemacht.

«Die Leute sind losgerannt und plötzlich sind sie zwischen dem Rauch und den Funken der Raketen verschwunden», erzählt ein Sicherheitsmann des Marktes der Zeitung «Reforma». «Es waren 25 Minuten des Horrors.» Die Wucht der Explosionen ist noch in mehreren Kilometern Entfernung zu spüren. «Ich dachte zuerst, es sei ein Erdbeben», sagt die Anwohnerin Guadalupe Sánchez Cruz. «Alle sind auf die Straße gelaufen, die Kinder haben geweint.»

In dem Inferno kommen mindestens 31 Menschen ums Leben, rund 70 weitere werden zum Teil schwer verletzt. «Alles ist zerstört worden», sagt der Händler Raúl. «Kein Stein ist auf dem anderen geblieben und viele Menschen sind auf schreckliche Weise gestorben. Einige haben Arme und Beine verloren.» Drei schwer verletzte Kinder werden in eine Spezialklinik nach Galveston im US-Bundesstaat Texas geflogen.

Rettungskräfte aus der Region und der nahegelegenen Hauptstadt eilen zur Unglücksstelle und versorgen Verletzte. Über dem Markt kreisen Hubschrauber. Spezialeinheiten der Polizei suchen mit Spürhunden in den Trümmern der Buden nach Verschütteten. «Der Markt ist komplett zerstört», sagt der Leiter des Nationalen Zivilschutzes, Luis Felipe Puente.

«Als die Explosionen an meiner Seite angefangen haben, bin ich losgelaufen», sagt die Ladenbesitzerin Eréndira Solva im Fernsehsender Imagen. «Ich bin gerannt und gerannt, habe das Feuer schon gespürt.» Ein Anwohner erzählt der Zeitung «El Universal»: «Ich habe einen Haufen Tote gesehen. Sie lagen übereinander – nicht wenige, sehr viele.» 

Tultepec ist das Zentrum von Mexikos Pyrotechnik-Industrie, fast das ganze Dorf stellt Raketen und Böller her. Auf dem Markt San Pablito sollen 80 Prozent allen Feuerwerks in Mexiko verkauft werden. Aus dem ganzen Land kommen Leute in den Ort rund 40 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt, um sich mit Raketen, Böllern und Feuerwerk einzudecken.

In Mexiko wird traditionell viel geböllert. Ob Geburtstagsfeiern, katholische Prozessionen oder Dorffeste – Raketen und Böller gehören einfach dazu. Besonders gut läuft das Geschäft zum Nationalfeiertag im September und im Dezember, wenn die Wallfahrt der Jungfrau von Guadalupe, Weihnachten und Silvester anstehen.

Von August bis Jahresende sollen in San Pablito nach Angaben der Marktverwaltung 100 Tonnen Feuerwerk verkauft werden. «300 Händler vertreiben legal ihre Produkte, mit der Genehmigung des Verteidigungsministeriums», sagt Markt-Chef Germán Galicia Cortes. Kunden dürfen höchsten zehn Kilo Feuerwerk kaufen und werden über die Sicherheitsregeln informiert.

San Pablito sei der sicherste Pyrotechnik-Markt in ganz Lateinamerika, sagte der Generaldirektor des mexikanischen Pyrotechnik-Instituts, Juan Ignacio Rodarte Cordero, noch vor wenigen Tagen. «Es besteht ausreichend Abstand zwischen den Ständen, damit es im Falle von Funkenflug keine Kettenreaktion gibt.»

Es seien Feuerlöscher, Wasser, Löschsand und Werkzeuge vorhanden, sagt Markt-Leiter Galicia Cortes. Die Händler wüssten zudem, was im Falle eines Brandes zu tun sein. Dennoch ereigneten sich allein in diesem Jahr laut einem Bericht der Zeitung «Milenio» bereits vier Explosionen in der Ortschaft.

Ermittler der Generalstaatsanwaltschaft suchen nun nach der Unglücksursache. «Ich habe gehört, dass sich eine Rakete in einem Marktstand entzündet hat und dann zu den anderen Hütten geflogen ist», sagt der Stabschef der Provinzregierung, José Manzur, im Fernsehsender Televisa.

Auch in anderen Regionen Mexikos kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. 2013 kamen bei der Explosion von Feuerwerksraketen während einer Prozession im Bundesstaat Tlaxcala 16 Menschen ums Leben, 153 weitere wurden verletzt. An Silvester 2003 wurden bei einer Explosion auf einem Pyrotechnik-Markt im Bundesstaat Veracruz 28 Menschen getötet.

Auf dem Markt von Tultepec waren zum Zeitpunkt des Unglücks nur recht wenige Kunden unterwegs, sagt der Händler Armando Senecio im Fernsehsender Foro TV. Auf dem Markt werde nur handgemachtes, harmloses Feuerwerk verkauft. «Das Verteidigungsministerium erlaubt uns nicht, gefährliches Material zu verkaufen», sagt er.

Bei einer verheerenden Kettenreaktion wie am Dienstag können allerdings auch viele kleine Raketen und Böller zusammen eine gewaltige Explosion auslösen. Für die Opfer der Katastrophe endet der vorweihnachtliche Pyrotechnik-Einkauf in einem Flammenmeer.