Rosa von Praunheim
Der deutsche Filmemacher Rosa von Praunheim (1991). | Foto: Hermann Josef Wöstmann

Krawallsendung

Vor 25 Jahren: Rosa von Praunheims Skandal-Outing

Berlin (dpa) – Spätabends an einem Dienstag im Dezember 1991: Rosa von Praunheim tritt in der RTL-Talkshow «Explosiv – Der heiße Stuhl» auf. In einer beispiellosen Aktion outet der Aktivist den TV-Liebling Hape Kerkeling, der nicht anwesend ist, vor etwa vier Millionen Zuschauern gegen dessen Willen als schwul.

Am Samstag (10.12.) jährt sich dieser Auftritt zum 25. Mal.

Rosa von Praunheim wurde in den 70er Jahren mit dem Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» bekannt. Dem Filmemacher ging es dann nach eigenen Worten Anfang der 90er darum, Sympathieträger, die nicht offen mit ihrem Schwulsein umgingen, zur Solidarität mit Homosexuellen zu bewegen, weil es bei ihnen die meisten HIV-Infizierten und Aids-Toten gab.

Dass er Kerkeling und auch Alfred Biolek outete, bereut der heute 74-Jährige keineswegs: «Beiden hat es ja nicht geschadet», sagte er erst jüngst dem Schwulenmagazin «Männer» (Dezember-Ausgabe). «Im Gegenteil, ich würde sagen, dass es sogar die Sympathie noch verstärkt hat für beide. Und beide haben sich ja auch Jahre später positiv geäußert.»

Der damalige RTL-Moderator Ulrich Meyer erinnerte sich bereits zum 20. Jahrestag in einem dpa-Interview: «Ich war wie vom Donner gerührt, als Praunheim plötzlich von Biolek und Kerkeling sprach. Ich habe mich in der Moderation noch bemüht zu relativieren, aufzufangen.» Aber das sei «unumkehrbar» gewesen.

Nach der Krawallsendung titelte die «Bild»-Zeitung am 12. Dezember 1991: «Pfui, Rosa! Schwulen-Verrat im TV» und machte damit das Outing erst so richtig bekannt. «Bild» schrieb auch: «Hape Kerkeling zum Geständnis gezwungen: Ja, ich bin schwul». Damals galt noch der sogenannte Schwulenparagraf 175, der Homosexualität ursprünglich unter Haftstrafe stellte und später zumindest noch ein höheres Schutzalter für gleichgeschlechtlichen Sex festlegte.

Etwa ein Jahr nach dem Outing sagte Kerkeling im Magazin «Der Spiegel»: «Sensiblere Naturen als ich hätten sich in einer Kurzschlusshandlung womöglich mit dem Fön in die Badewanne gelegt.» Doch das Publikum habe «irre normal reagiert».

Das Zwangs-Outing verlief demnach wie folgt: Einen Tag vor der «Explosiv»-Show – es war Kerkelings 27. Geburtstag – habe Praunheim ihn angerufen und gefragt, ob er schwul sei. «Ich habe ihm gesagt, das veröffentliche ich, wenn ich es für richtig halte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl.» Am Abend danach habe ihn eine Freundin angerufen: «Schalt sofort den Fernseher ein, es geht dir an den Kragen.»

Und wie steht es heute um den öffentlichen Umgang mit dem Thema gleichgeschlechtliche Orientierung, nachdem Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten einige Coming-outs erlebt hat, etwa von Klaus Wowereit, Anne Will oder Thomas Hitzlsperger?

Der Autor Johannes Kram sieht klare Unterschiede zwischen 1991 und 2016: «Damals war Homosexualität an sich schon ein Skandal. Es hat sich vieles entspannt und verbessert, aber die Skandalisierung findet auch heute statt, nur viel geschickter und teilweise auch gefährlicher.»

Johannes Kram, der für seinen «Nollendorfblog» («Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…») für den Grimme Online Award nominiert war, meint zum Beispiel: «Pegida, AfD und CSU behaupten, Lesben und Schwule nicht diskriminieren zu wollen, kritisieren es aber als «Frühsexualisierung», wenn Homosexualität im Schulunterricht als gleichwertige sexuelle Orientierung behandelt wird. Sie stellen sie somit wie eine ansteckende Krankheit dar, vor der man Kinder beschützen muss.»