Der neue Roman "Bühlerhöhe" von Brigitte Glaser findet im legendären Schlosshotel statt.
Der neue Roman "Bühlerhöhe" von Brigitte Glaser findet im legendären Schlosshotel statt. | Foto: Ulrich Coenen

Brigitte Glasers "Bühlerhöhe"

Opulentes Sittengemälde der jungen Bundesrepublik

Brigitte Glaser ist für kurzweilige Krimis bekannt, die bevorzugt in ihrer badischen Heimat und in ihrer Wahlheimat Köln spielen. Jetzt wagt sich die 61-jährige Schriftstellerin an ein größeres Genre. Ihre neues Werk „Bühlerhöhe“ ist gleichermaßen historischer Roman und Polit-Thriller. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein fiktives Attentat auf den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer auf der Bühlerhöhe im Sommer 1952, das von israelischen Terroristen geplant wird. Glaser knüpft damit an große Vorbilder an, wie „Der Schakal“ von Frederick Forsyth, der ein gescheitertes Attentat auf den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle beschreibt.

Parallelen zum „Schakal“ von Frederick Forsyth

Wie beim „Schakal“, in dem die Organisation de l’armée secrète (OAS) als Folge des Algerienkriegs zu Beginn der 1960er-Jahre de Gaulle ermorden will, hat „Bühlerhöhe“ einen realen Hintergrund. Ein Jahrzehnt zuvor trachteten extremistische Zionisten Adenauer nach dem Leben, um das Luxemburger Abkommen zu verhindern. Dieser Wiedergutmachungsvertrag mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Mark wurde am 10. September 1952 zwischen der Bundesrepublik, dem Staat Israel und Jewish Claims Conference (JCC) geschlossen. Das Abkommen wurde in Israel von der Terrorvereinigung Irgun unter der Führung des späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin abgelehnt, und zwar mit allen Mitteln. Bei einem Briefbombenattentat auf den Kanzler starb am 27. März 1952 ein deutscher Polizeibeamter. In der Bundesrepublik waren außerdem die Altnazis in allen Parteien gegen die Zahlungen, die das wirtschaftliche Überleben Israels sichern sollten.
Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt Glaser ihren Plot. Der Mossad hat von einem geplanten zweiten Attentat auf Adenauer erfahren, der von Irgun-Terroristen auf der Bühlerhöhe, zwischen 1953 und 1957 tatsächlich das bevorzugte Urlaubsziel des Kanzlers, getötet werden soll. Der israelische Geheimdienst warnt die deutschen Kollegen, die die Sache aber nicht ernst nehmen.

Mossad schickt Agenten

Der Mossad schickt den in Paris stationierten Topagenten Ari zur Bühlerhöhe. Zur Unterstützung reist getrennt aus Israel Rosa Silbermann an, die aus Köln stammt und als Kind mit ihrer Familie regelmäßig die Sommerferien auf Bühlerhöhe und Hundseck verbracht hat. Sie stammt aus gutem Haus und konnte sich gemeinsam mit ihrer Schwester als Teenager in den 1930er-Jahren durch Flucht nach Palästina vor dem Holocaust retten. Der Geheimdienst wirbt die in einem Kibbuz lebende versierte Schützin speziell wegen ihrer Ortskenntnisse an.
Rosa quartiert sich in der Bühlerhöhe ein und wartet zunächst mehrere Tage vergeblich auf Ari, den sie als ihren Ehemann ausgibt und der aus unerklärlichen Gründen verspätet ankommt. Ihre Gegenspielerin ist die opportunistische Hausdame Sophie Reisacher, Witwe eines gefallenen deutschen SS-Offiziers, die ihre elsässische Heimat nach dem Ende des 2. Weltkriegs aus Angst vor der Rache ihrer Landsleute verlassen musste und nun auf der anderen Rheinseite ihr Glück und vor allem eine gute Partie sucht. Sie ist eine der zahlreichen Geliebten des windigen Schweizer Waffenschiebers Xavier Pfister, der nach einem gescheiterten Geschäft in Tanger an der Schwarzwaldhochstraße auftaucht, um dort mit deutschen Fabrikanten, deren braune Vergangenheit unverkennbar ist, deren Wiedereinstieg in die Waffenproduktion zu besprechen. Dafür sucht Pfister vergeblich den Kontakt zum engsten Umfeld des Kanzlers.
Die dritte Protagonistin ist die unbedarfte Agnes Rheinschmidt aus Bühlertal, die am Empfang des Kurhauses Hundseck arbeitet. Sie und ihre ältere Schwester Walburga kennen Rosa aus Ferienzeiten in den 1930er-Jahren. Agnes und Walburga wurden gegen Ende des Krieges Opfer einer Vergewaltigung durch einen marokkanischen Soldaten und auch der taucht in Pfisters Schlepptau nun an der Schwarzwaldhochstraße auf.

Ein furioses Finale

Brigitte Glaser entwirft ein umfangreiches Sittenbild der Gründerjahre der Bundesrepublik, in die neben dem Luxemburger Abkommen mit der deutschen Wiederbewaffnung und den Kriegsverbrechen an Frauen weitere wesentliche Aspekte der Nachkriegszeit hineinspielen. Diese Handlungsstränge führt die Autorin geschickt zu einem ebenso überraschenden wie furiosen Finale zusammen. Auch wenn nicht jedes Detail stimmig und gut recherchiert ist: Das ist spannender und unbedingt lesenswerter Geschichtsunterricht.

Brigitte Glaser: Bühlerhöhe, gebunden mit Schutzumschlag, 448 Seiten, Verlag List-Ullstein, ISBN-13 9783471351260, 20 Euro.