Mit offenen Worten äußert  Unternehmer Özkan Özogul Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan.
Mit offenen Worten äußert Unternehmer Özkan Özogul Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan. | Foto: Heintzen

Staatspräsident Erdogan sorgt für emotionale Debatte unter Deutsch-Türken

„Ich habe Angst vor einem Bürgerkrieg“

Beim Fußball sind sich die Türken einig: Das nächste EM-Spiel gegen Spanien am Freitag müssen sie gewinnen. In politischen Dingen dagegen ist die türkische Gemeinde gespalten. Viele stehen den jüngsten Äußerungen des türkischen Präsidenten sehr kritisch gegenüber, doch nur wenige haben den Mut, das auch öffentlich zu sagen. Einer von ihnen ist der Unternehmer Özkan Özogul aus Bruchsal.

Atatürk muss mit aufs Foto. Darauf besteht Özkan Özogul beim Treffen mit den BNN in seinem Betrieb im Stadtteil Untergrombach. Damit macht der 47-jährige Türke auf einen Blick deutlich, wo er steht, dass er Anhänger des Reformers und Gründers der Republik Türkei ist. Und das Bild zeigt auch: Özogul ist ein Kritiker Recep Tayyip Erdogans, des aktuellen türkischen Präsidenten. Spätestens seit dem Skandal um das Schmähgedicht des Moderators und Satirikers Jan Böhmermann taucht das türkische Staatsoberhaupt verstärkt in den deutschen Medien auf. Aktuell weil er gegen türkischstämmige Abgeordnete hetzt, die für die Armenien-Resolution im Bundestag gestimmt haben. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir beispielsweise steht deshalb unter Polizeischutz.

Wer Erdogan kritisiert, gilt schnell als Terrorist

Atatürk, sagt Özogul, habe viel für die Freiheit in der Türkei getan, für die Modernisierung des Landes: „Ich habe Angst, dass Erdogan das jetzt zerstört.“ Presse- und Meinungsfreiheit werden immer mehr ausgehebelt, politische Gegner ausgeschaltet. „Was Erdogan tut, ist Unrecht.“ Doch so etwas in der Türkei öffentlich zu sagen, werde immer schwieriger. Viele befürchten inzwischen Repressalien und schnell gelte man als Terrorist, berichtet Özogul, der selbst noch eine große Familie in seinem Vaterland hat. Auch deutsche Medien sollen systematisch nach Türkei-Kritikern durchsucht werden, heißt es.
Jedenfalls hält es Fürüzan Kübach auch hier in Deutschland für außergewöhnlich, dass Özogul den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hat. Die Integrationsbeauftragte der Stadt Bruchsal beobachtet, dass unter den Türken Bruchsals über die Politik Erdogans viel diskutiert wird. „Viele formulieren ihre Ängste, wohin sich die Türkei entwickelt“, sagt sie. Öffentlich sagen, mögen das jedoch die wenigsten. Nicht so Özogul: „Die Leuten können ruhig wissen, was ich denke.“

Entweder man ist für ihn oder gegen ihn

Sein Vater kam 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland, acht Jahre später holte er seine Familie nach. Sein Sohn Özkan ist seit 1992 selbstständig, seit 2001 führt er seine Lackiererei in Untergrombach. Die politische Diskussion unter Türken sei eine andere als unter Deutschen, findet Özogul. Da werde direkt diskutiert, sehr emotional und nicht unbedingt sachlich, da kann es schnell mal Streit geben. „Bei Erdogan ist es so, entweder man ist für ihn oder gegen ihn.“ Mit seiner deutschen Kundschaft tauscht er sich dagegen kaum über Politik aus, aber auch mit türkischen Kollegen oder Geschäftspartnern gehe es ihm so. Das Thema und somit auch Spannungen werden vermieden. „Erdogan hat hier viele Anhänger“, ist sich der Geschäftsmann sicher.
Vor einiger Zeit hatte er es satt, sich mit Erdogan zu beschäftigen. Bestimmt ein halbes Jahr habe er die Berichterstattung aus der Türkei nicht verfolgt. Doch das sei auch nicht der richtige Weg, und so schaut und liest er wieder türkische Nachrichten. Der Präsident sei ein sehr guter Rhetoriker und geschickt in seiner Argumentation. „Er appelliert an die türkische Ehre, gibt Vorgaben, wie ein guter Türke oder eine gute Türkin seiner Meinung nach sein sollen.“ Und deswegen sei der Angriff gegen die türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten auch so ungeheuerlich. Ihr Blut sei „verdorben“, so Erdogan: Für Türken ist das eine tiefe Beleidigung.
Mit großer Sorge blickt Özogul auf die Zukunft der Türkei. „Ich habe Angst vor einem Bürgerkrieg“, bekennt er.