Ein Lied für die Ewigkeit: Vor genau 200 Jahren schrieb Joseph Mohr den Text zu „Stille Nacht, Heilige Nacht“. An den Geistlichen, der den Ruhm seiner Komposition nicht mehr erlebte, erinnert ein Fenster in der Stille-Nacht-Gedächtniskapelle im österreichischen Oberndorf.
Ein Lied für die Ewigkeit: Vor genau 200 Jahren schrieb Joseph Mohr den Text zu „Stille Nacht, Heilige Nacht“. An den Geistlichen, der den Ruhm seiner Komposition nicht mehr erlebte, erinnert ein Fenster in der Stille-Nacht-Gedächtniskapelle im österreichischen Oberndorf. | Foto: dpa

"Stille Nacht, Heilige Nacht"

Das gesungene Friedensgebet

In den flämischen Schützengräben des Dezembers keimt ein Funken Hoffnung in friedloser Zeit. Für einige Augenblicke ist alles vergessen – die mörderischen Artilleriegefechte, die geschundene Erde hinter den Stacheldrahtverhauen, die getöteten Kameraden im Niemandsland eines wahnwitzigen Stellungskrieges. Es ist ein eisigkalter Heiligabend, als deutsche Soldaten mit Kerzen geschmückte Tannenbäumchen auf die Wälle der Schützengräben stellen und das Lied von der Stillen, der Heiligen Nacht anstimmen.

Joseph Mohr schrieb vor 200 Jahren den Text zu "Stille Nacht, heilige Nacht"
Joseph Mohr schrieb vor 200 Jahren den Text zu „Stille Nacht, heilige Nacht“ | Foto: dpa

Frieden mit dem Feind

Und was keiner für möglich hält, in dieser Zeit des Weltenbrandes, des erbarmungslosen Ringens um jeden Meter Erde, des tausendfachen sinnlosen Todes: Aus den Reihen des Feindes stimmt ein vielstimmiger Chor in das berühmte Weihnachtslied ein, was Zeitzeugen wie ein Wunder erscheint. „Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, notiert ein gewisser Josef Wenzl über den legendären Weihnachtsfrieden von 1914, als Zehntausende Soldaten der Westfront spontan beschlossen, ihren Frieden mit dem Feind zu machen. Und sei es auch nur für die Dauer des hohen Festes der Christenheit.

Eigentlich ein Wiegenlied

Das Lied, das solch subversive Kraft entfaltete, ist eigentlich ein Wiegenlied: ein Wiegenlied für den holden Knaben im lockigen Haar, für den Heilsbringer in Menschengestalt; ein Wiegenlied aber auch für die Trost suchende Menschheit, die sich damals wie heute nach Frieden sehnt, nach einer Heiligen Nacht ohne Neid, Hass und Missgunst, nach einer stillen Nacht voll göttlicher Gnade. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ mit seinen sechs Strophen ist fromme Utopie, weil die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht.

Sehnsucht nach heiler Welt

Doch vielleicht ist gerade die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Frieden und Gerechtigkeit für alle Völker des Erdballs mit ein Grund dafür, warum das Herzergreifende, das Feierliche dieses gesungenen Gebetes so viele Menschen berührt, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Religion. Ob auf deutsch oder englisch, auf samisch, gälisch oder kaschubisch – das berühmteste aller Weihnachtslieder, dessen Text vor genau 200 Jahren in Mariapfarr, einem Dorf unweit von Salzburg geschrieben wurde, vermittelt Hoffnung, ist das ebenso schlichte, wie eindringliche Versprechen auf eine bessere Zukunft.

Übersetzt in 350 Sprachen

Übersetzt in mehr als 350 Sprachen und Dialekte, gesungen von über zweieinhalb Milliarden Menschen rund um den Globus, weil – wie es in der eher selten gesungenen vierten Strophe heißt – Jesus als Bruder huldvoll alle Völker der Welt umschließt – ist „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ein Stück für die Ewigkeit. Keine Komposition von Bach oder Beethoven erreicht so viele Menschen wie die feierliche Melodie aus dem Alpenraum, kein Werk der Beatles, Stones oder Michael Jackson kann es mit seiner Unvergänglichkeit aufnehmen.

Sängerfamilien trugen es in die Welt

Einige wenige Aufführungen des Stückes reichten aus, um ihm einen festen Platz im Kanon der Kirchenlieder zu sichern. Sängerfamilien wie die Strassers und Rainers aus dem Zillertal trugen es hinaus in die Welt, nahmen es mit auf ihre Tourneen durch Europa, Russland und die USA, nachdem sich schon Jahre zuvor Österreichs Kaiser Franz Joseph und Russlands Zar Alexander entzückt über „das ächte Tiroler Volkslied“ geäußert hatten. Das Stück, seit 2010 Bestandteil des immateriellen Kulturerbes der Unesco, eroberte innerhalb weniger Jahrzehnte den Globus, und das ohne Unterstützung von Tonträgern, Radiosendern und YouTube.

Schöpfer in Vergessenheit geraten

Als sich die Königlich–Preußische Hofkapelle in Berlin 1854 beim Chorregenten der Pfarrkirche in Hallein nach dem Verfasser der Volksweise erkundigte, waren die beiden Schöpfer gänzlich in Vergessenheit geraten. Komponist Franz Xaver Gruber, ein lebensfroher Zeitgenosse mit einem Dutzend Kindern, erlebte zumindest noch die Anfänge des Siegeszuges seiner Komposition mit.

Bescheidener Wohlstand

Als die Melodie längst in aller Munde war, schrieb er dessen Entstehungsgeschichte nieder und fügte als Beleg für seine Ausführungen das Original-Notenblatt bei. Der Lehrer, Organist und Mesner brachte es immerhin zu einem bescheidenen Wohlstand, ganz im Gegensatz zu Joseph Mohr, der die anrührenden Verse 1816 in seiner winzigen Stube zu Papier gebracht hatte. Der sozial engagierte Arme-Leute-Pfarrer, der gegen Armut aufbegehrte und sich nicht mit den Reichen, sondern mit den einfachen Leuten verbrüderte, war schon 1848 an einer Lungenlähmung gestorben, so arm wie eine Kirchenmaus. Sein Begräbnis in Wagrain, seiner letzten Wirkungsstätte als Geistlicher, konnte nur durch den Verkauf seiner geliebten Gitarre bezahlt werden.

Kein einziges Bildnis

Und als man dem Kirchenmann 1912 dort ein Denkmal setzen wollte, blieb dem Bildhauer nichts anderes übrig, als den Totenschädel als Vorlage zu nutzen: Von dem Bettelpriester existierte nämlich kein einziges Bildnis. Fertig wurde die Büste nie, weil den Auftraggebern das Geld und auch das Interesse ausging. Stattdessen schmückt ein schmiedeeisernes Kreuz das Grab jenes Mannes, dessen Friedensbotschaft an Heiligabend des Jahres 1818 erstmals in der Oberndorfer Pfarrkirche St. Nikolaus erklang.

Unzählige Legenden

Unzählige Mythen und Legenden ranken sich um die Entstehung von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und die beiden Männer, deren Lebensweg sich für kurze Zeit kreuzte. Auf der einen Seite der Texter Joseph Mohr, das uneheliche Kind eines Infanteriesoldaten, das wegen dieses Makels mit dem Henker als Paten vorlieb nehmen musste und dessen Laufbahn als Priester nur durch eine päpstliche Sondererlaubnis möglich wurde. Auf der anderen Seite der Organist Franz Xaver Gruber, ein Webersohn aus einfachen Verhältnissen, der Messen, Choräle und Kantaten komponieren wird. Die Verse, die es zu Weltruhm bringen, schreibt der junge Geistliche Mohr 1816 nieder, und in ihnen spiegelt sich die ganze Hoffnungslosigkeit jener Zeit wieder. Die napoleonischen Kriege haben Europa in Schutt und Asche gelegt, und – als wäre das nicht schon schlimm genug – die Menschen ächzen unter Wetterkapriolen, Missernten und Hungersnöten.

Zeilen für die Christmette

Zwei Jahre lang schlummert das Blatt Papier in der Schublade seines Schreibtisches, bis zum Weihnachtsfest 1818: Die vertonten Zeilen sollen die Christmette retten. Ob nun die Orgel defekt war, weil Mäuse vor lauter Hunger die Bälge angeknabbert haben, wie eine schöne Mär zu berichten weiß, oder ob sich die beiden Männer ganz bewusst für ein schlichtes Lied mit Gitarrenbegleitung entschieden: Mohrs Gedicht und Grubers Melodie in Dur – weil es traurige Molltöne ja schon zu genüge gibt – beseelen die Gläubigen.

Siegeszug der Komposition

Der Siegeszug der Komposition, die mancher Amerikaner wegen der über 30 Millionen Mal verkauften Version von Bing Crosby für ein amerikanisches Volkslied hält, ist auch das Verdienst einer Hamburger Familie. Der Sozialreformer Johann Hinrich Wichern, der Wegbereiter der Diakonie in Deutschland, veröffentlichte die gefällige Symbiose aus Wort und Musik 1844 in einem Liederbuch, in gekürzter Fassung und mit einigen sprachlichen Veränderungen. Jeder von Wichern ausgebildete Sozialarbeiter oder Missionar bekam das Buch zum Abschied mit auf den Weg. „Sie wurden so zu wichtigen Multiplikatoren des Liedes“, sagt Renate Ebeling-Winkler von der Stille-Nacht-Gesellschaft mit Sitz in Oberndorf. Die ersten, die die Weise auf einer Schallplatte veröffentlichten, waren 1905 vier amerikanische Sänger, die sich Haydn-Quartett nannten.

Zeitweise aus Kirchenbüchern verbannt

So selbstverständlich wir die Botschaft vom „holden Knaben im lockigen Haar“ ins Umfeld des Weihnachtsfestes verorten: Es gab Zeiten, in denen der Klassiker in Ungnade fiel, gar aus kirchlichen Gesangsbüchern verbannt wurde. Der Zeitgeist der 60er und 70er-Jahre brandmarkte ihn als zu kitschig, zu emotional: die Protestbewegung verspottete ihn als „Christtagsjodel“. Die katholische Kirche versteckte das Lied vier Jahrzehnte lang ohne Melodie in ihrem Gesangbuch, und in den evangelischen Gesangsbüchern dauerte es bis in die 90er-Jahre, bis „Stille Nacht“ gemeinsam mit „Tochter Zion“, „Oh du Fröhliche“ und „Ihr Kinderlein kommet“ offiziell in den Weihnachtsliederteil aufgenommen wurde.

Glasfenster erinnern an Väter des Liedes

Ort: Die Stille-Nacht-Gedächtnis-Kapelle steht auf dem Platz der ehemaligen St.-Nikolaus-Kirche, wo das berühmte Weihnachtslied erstmals gesungen wurde. Die Musik hatte der Organist Franz Xaver Gruber geschrieben. Der Pappteller sollte Kindern in den 30er-Jahren das Weihnachtsfest versüßen.
Ort: Die Stille-Nacht-Gedächtnis-Kapelle steht auf dem Platz der ehemaligen St.-Nikolaus-Kirche, wo das berühmte Weihnachtslied erstmals gesungen wurde. Die Musik hatte der Organist Franz Xaver Gruber geschrieben. Der Pappteller sollte Kindern in den 30er-Jahren das Weihnachtsfest versüßen. | Foto: TV Oberndorf

Die Oberndorfer St. Nikolaus-Kirche, wo Hilfspfarrer Mohr und Organist Gruber vor 198 Jahren die sechs Strophen des späteren Welthits sangen, gibt es schon lange nicht mehr. Auf ihrem Grund steht die Stille-Nacht-Gedächtniskapelle, deren Glasfenster an die beiden Väter des Weihnachtsliedes erinnern. Wenn heute Abend Glaubende und Zweifelnde andächtig dem Weihnachtsevangelium lauschen, den Segen mit nach Hause nehmen und gemeinsam „Christ, der Retter ist da“ jubilieren, wird ihr Lied wieder gesungen. Von Milliarden Menschen, die eine Sehnsucht teilen: nach Frieden und Gerechtigkeit für die Völker dieser Welt.