Das Handwer ist mit dem bisherigen Verlauf des Geschäftsjahrs zufrieden - gerade im Baugewerbe profitiert man von derzeit gut gefüllten Auftragsbüchern.
Das Handwer ist mit dem bisherigen Verlauf des Geschäftsjahrs zufrieden - gerade im Baugewerbe profitiert man von derzeit gut gefüllten Auftragsbüchern. | Foto: Fotolia/industrieblick

Kammerpräsident im Interview

Das Handwerk steht vor Herausforderungen

Knapp 19000 Handwerksbetriebe gibt es im Bezirk der Handwerkskammer Karlsruhe – große wie kleine Unternehmen sind maßgeblich an der wirtschaftlichen Stärke des Südwestens beteiligt. Der Erfolg ist kein Selbstläufer. Bei Bewältigung der Herausforderungen – vom demografischen Wandel bis hin zur zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaftskreisläufe – steht die Handwerkskammer mit ihren Experten den Firmen stets als Ansprechpartner zur Verfügung. Im Interview erläutern Handwerkskammerpräsident Joachim Wohlfeil und Hauptgeschäftsführer Gerd Lutz, wie sich die derzeitige Situation im Kammerbezirk darstellt und wie das Handwerk auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reagiert.

Herr Wohlfeil, sie fragen regelmäßig die Auftragslage der Handwerksbetriebe im Kammerbezirk ab. Wie stellt sich denn derzeit die konjunkturelle Lage der Unternehmen dar?

Wohlfeil: Insgesamt ist die Stimmung im Handwerk recht gut, über 60 Prozent der Unternehmen ist mit dem Verlauf des zweiten Quartals zufrieden. Lediglich knapp drei Prozent gaben dem abgelaufenen Quartal die Note „mangelhaft“. Im Vergleich zum ersten Quartal hat sich bei knapp 40 Prozent der Unternehmen eine Auftragsverbesserung ergeben. Und viele Betriebe blicken positiv nach vorne, knapp 30 Prozent erwarten steigende Umsätze binnen der kommenden zwölf Monate. Ich freue mich auch, dass knapp jedes zehnte Unternehmen zusätzliche Mitarbeiter eingestellt hat. Und beinahe ebenso viele überlegen, noch weitere Arbeitskräfte einzustellen.

Das Geschäftsklima hat sich also zur Zufriedenheit der Betriebe entwickelt?

Wohlfeil: Das ist richtig. Wir befanden uns schon Anfang des Jahres auf hohem Niveau, konnten uns aber noch einmal steigern. Maßgeblich dafür ist die Nachfrage im privaten Bereich, ein Ergebnis der guten Arbeitsmarkt- und Einkommenssituation.

Handwerkskammerpräsident Joachim Wohlfeil im Gespräch. Er sieht das Handwerk vor Herausforderungen, die man aber anzugehen bereit ist.
Handwerkskammerpräsident Joachim Wohlfeil im Gespräch. Er sieht das Handwerk vor Herausforderungen, die man aber anzugehen bereit ist. | Foto: jodo

Wie ist es um die Bautätigkeit bestellt? Bemerkt das Gewerbe den Boom auf dem Immobilienmarkt?

Wohlfeil: Speziell das Baugewerbe profitiert derzeit von anhaltend hohen Investitionen im Sektor. Die hohe Nachfrage nach Wohnraum spiegelt sich in den Auftragseingängen wider – gerade in Städten wie Karlsruhe, in denen viele Studenten bezahlbare Wohnungen suchen, ist das ein Thema. Gleichzeitig nimmt auch die Zahl derer zu, die sich für höherwertigen Wohnraum entscheiden und entsprechend Geld in die Hand nehmen. Das kommt den Betrieben zugute.

Probleme bereitet den Betrieben jedoch nach wie vor die Lage am Ausbildungsmarkt, oder?

Wohlfeil: Ja, in der Tat. Längst nicht alle Betriebe können ihre offenen Stellen besetzen, es fehlen schlicht die Bewerber. Dabei ist jedoch nicht jede Branche gleichermaßen betroffen. Obwohl das Kfz-Gewerbe bei den jungen Menschen sehr beliebt ist, gibt es noch freie Lehrstellen. Friseure, das Bauhandwerk und die Nahrungsmittelgewerke haben mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Grundsätzlich lässt sich am Ausbildungsmarkt der demografische Wandel erleben: Die Zahl der Schulabgänger ist weiter rückläufig, das spüren auch unsere zahlreichen Ausbildungsbetriebe.

Das Bäckerhandwerk ringt um Nachwuchs - vor allem die Arbeitszeiten stören die Jugendlichen auf Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Das Bäckerhandwerk ringt um Nachwuchs – vor allem die Arbeitszeiten stören die Jugendlichen auf Suche nach einem Ausbildungsplatz. | Foto: Fotolia/Kzenon

Dabei ist mit der Kampagne „Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ und Aktionen wie dem „Tag des Handwerks“ schon viel Positives erreicht worden.

Gerd Lutz: Wir haben mit der Kampagne das Handwerk neu positionieren können und gleichzeitig vermittelt, wie wichtig gesunde Unternehmen für eine funktionierende Gesellschaft sind. Der Verbraucher merkt das beispielsweise, wenn ein Gebrauchsgegenstand wie ein Auto kaputt ist und man damit in die Werkstatt muss. Dann steht das Handwerk im Fokus. Tatsächlich ist es aber schon viel früher der Fall, denn ohne das Handwerk wäre das Auto nie vom Band gelaufen. Dabei treten die Betriebe dennoch ganz bescheiden auf, auch beim Tag des Handwerks. Man darf schließlich nicht vergessen, dass 99 Prozent der Betriebe kleine Unternehmen mit nur wenigen Mitarbeitern sind. Der Tag des Handwerks, der nun in seinem sechsten Jahr durchgeführt wird, hat schon viel dazu beigetragen, das Handwerk in die Öffentlichkeit zu tragen und die Betriebe zu präsentieren.

Kleine wie große Betriebe sehen sich seit einigen Jahren mit der zunehmenden Digitalisierung konfrontiert. Wie geht man beim Handwerk damit um?

Lutz: Die Digitalisierung hat bereits mehr im Handwerk eingesetzt, als es die meisten Menschen für möglich halten. Automatisch generierte Bestellungen aufgrund sinkender Warenbestände sind längst Alltag, auch in kleineren Betrieben. „Just in time“, wie es auf neudeutsch heißt, ist längst im Handwerk angekommen. Ein anderes Beispiel ist der 3D-Druck, der in vielen Betrieben schon angewandt wird. Ebenso haben die Betriebe seit geraumer Zeit die sozialen Medien für sich entdeckt – für Unternehmen ein nicht mehr wegzudenkendes Kommunikationsmittel. Auf der obersten Ebene stellen vier digitale Kompetenzzentren im Bundesgebiet Führungskräften in Betrieben Fachwissen für die Praxis zu Verfügung. Entsprechend

Auch in anderen Bereichen stellt die Handwerkskammer ihre Kompetenz den Mitgliedsbetrieben zur Verfügung, Stichwort Nachfolge. Hier gibt es einiges zu beachten, oder?

Wohlfeil: Als eine der wenigen Handwerkskammern im Land führen wir eine Betriebsbörse, so dass anstehende Betriebsübergaben möglichst schnell und reibungslos umgesetzt werden können. Wir begleiten die Unternehmer auch bei Firmennachfolgen mit einem Moderationsservice. Schließlich hat sich gezeigt, dass Betriebsnachfolgen zahlreiche Stolperfallen für die Beteiligten bereithalten können. Mit speziellen Kursen wollen wir angehende Firmenchefs auf die Praxis vorbereiten – gerade hinsichtlich einer erfolgreichen Betriebs- und Mitarbeiterführung kann das entscheidend für den Erfolg sein.

Lutz: Die Herausforderung wächst seit Jahren, da immer weniger Betriebe in Familienhand bleiben, familiäre Nachfolgen sind längst nicht mehr die Regel. Die Betriebsstrukturen haben sich in den vergangenen Jahren auch aufgrund dessen geändert. Unser Angebot ist daher für das gesamte Handwerk von zunehmender Bedeutung.

Eine weitere Herausforderung ist auch sicherlich auch die große Zahl an Flüchtlingen im Land, viele auf Arbeitssuche. Wie kann das Handwerk hier helfen?

Wohlfeil: Mittlerweile haben wir zwei sogenannte Kümmerer im Bezirk, die als Moderator zwischen Betrieben und Flüchtlingen vermitteln, um den Menschen eine Arbeit, bestenfalls eine Ausbildung hier bieten zu können. Hier stehen wir noch am Anfang – aber das Handwerk kann helfen, die Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren und entsprechende Werte zu vermitteln. Voraussetzung ist der Wille dazu und ausreichende deutsche Sprachkenntnisse.

Lutz: Aller Schwierigkeiten zum Trotz begreifen wir die neu Angekommenen auch als Chance für das Handwerk. Wir gehen offen auf die Menschen zu und können so einen entscheidenden Beitrag zur erfolgreichen Integration leisten.

Mehr erfahren zum Thema? Was macht der Kümmerer? Wie werden Betriebe energieeffizienter? Das und mehr in der Sonderbeilage zum „Tag des Handwerks“.