Kinderkram
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Neues aus dem Elternleben

Das Orakel des Elends

Unsere Familie hat ein eigenes Orakel. Doch, wirklich! Es nennt sich „Liste mit den aktuellen Krankheiten“ und hängt direkt am Eingang unserer Kita. Seit unsere Kinder dorthin gehen, sagt dieses Orakel mit beeindruckender Treffsicherheit unsere nahe Zukunft voraus. Es geht eine Grippe in der Maikäfer-Gruppe um? Na, dann können wir die Zoo-Pläne fürs Wochenende direkt streichen. Drei Kinder aus der Hüpffrosch-Gruppe sind von einem Magen-Darm-Infekt befallen? Gut zu wissen, so kann ich den wichtigen Interview-Termin nächste Woche wieder absagen. Unsere Kinder sind übrigens weder in der einen noch der anderen Gruppe. Mitnehmen tun sie trotzdem alles. Jedes Betreten der Kita ist mit einer Mischung aus hoffnungsvoller Erwartung und nackter Angst verbunden. Was hat das Orakel uns wohl heute zu sagen? Vor allem im Winter gleichen die Prophezeiungen einem Marathon, zu dem wir ohne jegliches Training zwangsverpflichtet wurden: Drei Tage Kita, fünf Tage daheim, zwei Tage Kita, vier Tage wieder daheim. Selbstverständlich individualisiert jedes unserer Kinder diesen Rhythmus dergestalt, dass möglichst keine Arbeitstage für uns übrig bleiben. Und wenn doch, sorgen sie mit vordergründig niedlichen Knutschattacken, die jedoch in Wirklichkeit gezielte Angriffe auf unsere Gesundheit sind, dafür, dass auch wir von dem schier endlosen Strom an Viren und Bakterien niedergestreckt werden. Am liebsten dann, wenn es ihnen gerade wieder besser geht. Wer einmal mit über 39 Grad Fieber im Bett lag, während zwei Kleinkinder quietschvergnügt um ihn herumtobten, weiß Bescheid.

Blick in eine dunkle Zukunft: Das Kita-Krankheitsbrett.
Blick in eine dunkle Zukunft: Das Kita-Krankheitsbrett. | Foto: mast

Erschwerend kommen die lieben Nachfragen und guten Ratschläge anderer Eltern und Kollegen hinzu: „Mensch, deine Kinder sind aber oft krank. Also Theo hatte nur im November einen Schnupfen.“ (Unausgesprochene Antwort: „Schön, dass es jetzt wenigstens dir besser geht“). „Sie sehen aber nicht gut aus, sie sollten ein paar Tage im Bett ausruhen.“ (Unausgesprochene Antwort: „Danke für den Tipp, das mache ich sofort, wenn meine Kinder aus dem Gröbsten raus sind – so in fünf bis zehn Jahren“). Ein paar positive Seiten hat dieses Elend aber doch: In der Kinderarztpraxis werden wir von den Sprechstundenhilfen inzwischen geduzt. Und als ich meiner Hausärztin kürzlich fieberglühend und unter Tränen ein Foto unseres persönlichen Orakels zeigte, auf dem sechs Krankheiten standen, die wir wirklich allesamt mitgenommen hatten, da umarmte sie mich. Plus: So ein Orakel gibt zumindest Planungssicherheit.