Kinder können und dürfen auch einmal traurig sein.  Das muss aber nicht gleich zur Verschreibung eines Medikaments führen. Und nicht jede Traurigkeit ist eine Depression.
Kinder können und dürfen auch einmal traurig sein. Das muss aber nicht gleich zur Verschreibung eines Medikaments führen. Und nicht jede Traurigkeit ist eine Depression. | Foto: dpa

Landkreis Karlsruhe

Depressionen bei Kindern?

Nimmt man sich nur die Zahlen vor, ist die Sache einfach. Beim Jugendamt des Landkreises Karlsruhe steigen sie von Jahr zu Jahr. „Laufende und beendete Fälle“, so Jugendamtsleiterin Margit Freund, gab es 2009 rund 1 700, im vergangenen Jahr waren es knapp 2 300. Das entspricht einer Steigerung von 35 Prozent in sechs Jahren. Parallel dazu kennen die Aufwendungen in der Eingliederungshilfe im Rahmen der Jugendhilfe insgesamt auch nur einen Weg: nach oben. Die Debatte um die Ursachen wird regelmäßig geführt und produziert die meist gleichen Erkenntnisse. Es gibt eben mehr auffällige Kinder, die Zahl der Problemfamilien steigt, der Leistungsdruck nimmt zu. Die auffällige Steigerung hat aber noch eine weitere Ursache, die Klaus Neumann benennt. Der Beauftragte für Kinderrechte im Berufsverband Deutscher Psychologen spricht von einer „steigenden Besorgnisintensität der Eltern und sinkenden Pathologisierungsgrenze“. Ob das auch für den Alltag eines Jugendamtes zutrifft, hat unser Redaktionsmitglied Matthias Kuld mit Margit Freund und Alexandra Hofer diskutiert. Freund leitet das Jugendamt beim Landkreis Karlsruhe, Hofer kommissarisch dessen psychologische Beratungsstellen in Graben-Neudorf und Karlsruhe.

Margit Freund leitet das Jugendamt beim Landkreis Karlsruhe.
Margit Freund leitet das Jugendamt beim Landkreis Karlsruhe. | Foto: Alabiso

Ihre Fallzahlen steigen. Gibt es einen besonders auffälligen Bereich?
Freund: Ja. Wir sehen in den letzten Jahren eine Zunahme an Auffälligkeiten schon bei kleinen Kinder, was sich auch am steigenden Bedarf an Integrationshilfen bei Kindern im Kindergarten niederschlägt.
Also Kleinkinder?
Freund: Das stimmt. Immer öfter erleben wir, dass Erzieherinnen auf uns zukommen und sagen, wir schaffen das nicht mehr bei so vielen auffälligen Kindern.

Alexandra Hofer leitet die psychologischen Beratungsstellen des Landkreises Karlsruhe.
Alexandra Hofer leitet die psychologischen Beratungsstellen des Landkreises Karlsruhe.

Gibt es dafür eine Erklärung?
Hofer: Ich denke, dass das Fenster, was als „normal“ angesehen wird, und wo Sorgen um vermutete Auffälligkeiten beginnen, immer enger wird – hinzu kommen Rahmenbedingungen und Leistungsdruck, die nicht jedem Kind gut tun. Ich sehe die erhöhte Nachfrage aber auch vor allem positiv im Sinne einer steigenden Bereitschaft, frühzeitig Unterstützung beziehungsweise Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Leistungsdruck bei einem Dreijährigen? Können Sie das mal erklären?
Freund: Ein einfaches Beispiel. Es gibt aktuelle pädagogische Konzepte, die von Kindern Entscheidungen verlangen: In welche Gruppe möchtest du heute? Was willst du spielen? Wer da nicht mitkommt, wird das schnell bei sich als Problem spüren.
Aber das muss doch nicht gleich Erziehungshilfe erforderlich machen …
Hofer: Nicht immer natürlich. Das muss im Einzelfall betrachtet werden – liegt es an den Rahmenbedingungen, bringt das Kind Entwicklungsprobleme mit, benötigen Erzieher und/oder Eltern Beratung. Dabei stellt sich immer die Frage, „was ist auffällig, was ist normal, wo fängt eine Krankheit an?“
Trotzverhalten ist in diesem Zusammenhang ein immer wieder auftauchendes Thema…
Freund: Im konkreten Fall muss man einfach schauen, ist das ein normaler Prozess oder ein exzessives Verhalten?
Hofer: Das kann man dann auch gut mit den Eltern besprechen. Und in vielen Fällen müssen die sich dann auch keine Sorgen machen. Aber es ist schon so, dass solche Fragestellungen häufiger sind.
Gibt es den kritischen Sachverhalt häufiger oder haben die Eltern früher Bedenken?
Freund: Für die Beratung gibt es ein Diagnosehandbuch, welches allerdings eigentlich der medizinischischen Diagnostik dient, und das mit der Zeit um vieles dicker geworden ist. Es wird immer mehr dazu tendiert, belastende Gefühle vorschnell zu pathologisieren. Nehmen Sie beispielsweise das Thema „Traurigkeit“. Zum einen ist es ganz normal, dass ein Kind auch mal traurig ist, zum anderen muss nicht jede Symptomatik gleich zur Verschreibung eines Medikaments führen. Nicht jede Traurigkeit ist gleich eine Depression.
Das Verhalten der Kinder hängt doch vom Umgang der Eltern mit ihnen ab?
Freund: Das ist sicherlich ein mitbestimmender Faktor. So ist es zum Beispiel ganz wichtig, dem Kind Strukturen in seinem Leben zu geben und es nicht zu überfordern. Das ist ein zentrales Thema etwa bei der Wahl der Schule. Zur Überforderung kommen dann auch Versagensängste.
Hofer: Man muss Kindern einfach eine kindgemäße Entwicklung zugestehen. Kinder müssen auch spielen dürfen. Es braucht ein größeres „Fenster“, was als Normalität und individuelle Eigenschaft angesehen wird. Da sind Eltern wie andere Erziehende gefragt.
Dennoch: Die Zahl psychischer Auffälligkeiten steigt.
Hofer: Dies entspricht auch unseren Erfahrungen, hängt meiner Meinung nach aber auch damit zusammen, dass man heute mit den Auffälligkeiten anders umgeht. So gibt es zunehmende Diagnosemöglichkeiten, wodurch Auffälligkeiten eher zugeordnet und erfasst werden.
Freund: … und es muss nicht soweit gehen wie in den USA, wo Dreijährigen schon Depressionen bescheinigt werden.
Wie wird sich das Thema weiter entwickeln?
Freund: Wir gehen von weiter steigenden Zahlen bei der Eingliederungshilfe aus.
Gibt es dafür eine Ursache?
Freund: Eine Ursache dafür sind steigende soziale Belastungsfaktoren, denen vor allem Alleinerziehende, Patchworkfamilien und Empfänger von Sozialleistungen ausgesetzt sind. Aus diesem Kreis heraus gibt es eine Korrelation zur Zahl von Kindern und Familien mit Unterstützungsbedarf. Das hat aber nichts mit den Personen direkt zu tun. Es sind die jeweiligen Lebensumstände, die Stress mit sich bringen, und veränderte Herausforderungen an die Erziehung beziehungsweise Beziehung mit Kindern stellen können, was auch auf die Kinder durchschlägt. Auch der zunehmende Leistungsdruck kommt hier wieder zum Tragen.
Wo gibt es Hilfe für die Betroffenen?
Hofer: In den Beratungsstellen des Landkreises. Das reicht von einem Einmaltermin bis zu mehreren Gesprächen und Hilfsangeboten. Wenn Beratung nicht ausreicht oder eine Diagnostik erforderlich ist, ist eine Abklärung durch Fachärzte bzw. ggfs. eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie empfehlenswert. Da gibt es allerdings aktuell lange Wartezeiten.


Service
Psychologische Beratungsstellen des Landkreises Karlsruhe
Bruchsal: (0 72 51) 9 15 00
Bretten: (0 72 52) 9 51 30
Östringen: (0 72 53) 2 43 43
Ettlingen: (0 72 43) 51 51 40
Graben-Neudorf: (07 21) 93 66 86 00
Karlsruhe: (07 21) 93 66 70 50