Vor grundlegenden Veränderungen steht das berufliche Schulwesen im Ortenaukreis. Das geht nicht immer reibungslos, in einem Fall musste erst das Kultusministerium die Beteiligten an einen Tisch bringen.
Vor grundlegenden Veränderungen steht das berufliche Schulwesen im Ortenaukreis. Das geht nicht immer reibungslos, in einem Fall musste erst das Kultusministerium die Beteiligten an einen Tisch bringen. | Foto: Daniel Karmann

Ortenaukreis streitet mit IHK

Der Kompromiss löst keine Begeisterung aus

Es ist eine Lösung bei der jeder, zumindest vorerst, sein Gesicht wahren kann. Der Kreistag in Offenburg  hat beschlossen, im zunehmend peinsamen Tauziehen um den künftigen Standort der beruflichen Schule für die Verwaltungsfachangestellten erst einmal gar nichts zu unternehmen. Ihnen bleibt damit der drohende Umzug nach Hausach fürs Erste ebenso erspart wie den Industriekaufleuten. Damit hat der Kreis in einem Konflikt mit der Industrie- und Handelskammer um die Neuordnung des beruflichen Schulwesens so etwas wie eine Atempause eingelegt. Gelöst ist die Frage damit aber nicht. Spätestens im kommenden Jahr wird sie, so vermuten Insider, wieder auf den Tisch gekommen.

Schlichtung ohne Erfolg

Die Kontroverse war zuletzt in einem erfolglosen Schlichtungsverfahren bis zum Kultusministerium getragen worden – ohne Erfolg. Die Stuttgarter machten deutlich, dass der Ortenaukreis bei einer abschließenden Ministerentscheidung wohl den Kürzeren ziehen würde. Das mag, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem umstrittenen Beschluss des Kreistags,  die Wogen im nötigen Maße geglättet haben. Indiz: Der Kompromiss, der nichts löst aber alle Beteiligten schont, hat den Kreistag einstimmig passiert.

Nach der Reform ist vor der Reform

Die beruflichen Schulen stehen vor tief greifenden Veränderungen. Die Demografie ebenso wie der Wandel in Wirtschaft und Berufswelt bringen lange fest gefügte Strukturen ins Wanken. Nach der Reform ist daher stets vor der Reform. Der Ortenaukreis überarbeitete 2015 die Strukturen seiner beruflichen Schulen erneut und musste dabei manche Zumutung verfügen. In einem Fall aber wollte der Kreistag den Schülerinnen und Schülern nicht allzu zu viel aufbürden. Die Verwaltungsfachangestellten, also die künftigen Mitarbeiter in den Rathäusern, sollten nicht wie zunächst geplant und auch vom Kultur- und Bildungsausschuss ohne rechte Begeisterung empfohlen,  von Offenburg nach Hausach wechseln – wo die berufliche Schule wegen der drastisch sinkenden Schülerzahlen bei den Einzelhandelskaufleuten ums Überleben kämpft. Stattdessen hätten die Industriekaufleute in Offenburg ihre Koffer packen müssen um das Aus der Schule im Kinzigtal zu verhindern. Zentrales Argument der Befürworter im Sommer 2015: Die Industriekaufleute seien älter und mobiler als die Angestellten der Kommunalverwaltungen.

Dass der Kreistag jetzt ein Moratorium über die knifflige Entscheidung verhängt, hat einen anderen, mindestens ebenso simplen Grund: Er hat keine andere Wahl. Gegen den Willen der Wirtschaft lässt sich solch eine Neuordnung nicht durchsetzen,  die Betriebe würden im Zweifel ihre Auszubildenden einfach auf andere Schulen schicken.

Den Weg zum Kompromiss ebnete zudem die Erkenntnis, dass das Land so genannte Kleinklassen mit weniger als 16 Schüler bis zu drei Jahren duldet; in Hausach kommt man mit der geschrumpften Klasse der Einzelhandelsangestellten jetzt aber erst ins zweite Jahr. Mit anderen Worten: Es gibt für die Schule eine zweijährige Gnadenfrist. Dann aber muss eine Lösung auf dem Tisch liegen.

Geharnischter Brief

Die Industrie- und Handelskammer hatte im vergangenen Juli mit einem  geharnischten Brief ans Regierungspräsidium auf die umstrittene Kreistagsentscheidung reagiert – und dem Ortenaukreis vorgeworfen, die Ergebnisse einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zu dieser Frage zu untergraben. Im Oktober 2015 folgte ein Schlichtungsgespräch, das zu dem nun verabschiedeten Kompromiss führte – nicht ohne dass der damaliger Kultusminister Andreas Stoch noch im April deutlich machen musste, dass man die Position des Ortenaukreises ablehnen werde, wenn es tatsächlich zu einer Entscheidung komme.

„Ortenaukreis ist nicht zufrieden“

Landrat Frank Scherer kommentiert die Lage vor dem Kreistag säuerlich: „Der Ortenaukreis ist nicht zufrieden mit der entstandenen Situation“. Das klang auch in den Stellungnahmen der Kreisräte mit, die auffallend knapp ausfielen. Das Thema, so war man sich einig, ist damit nicht ausgestanden.