Das berüchtigte Bankräuber-Ehepaar entwischte der Polizei immer wieder - obwohl es mehrfach von Überwachungskameras gefilmt wurde. Foto: Polizei/dpa

Neuer Krimi über Gangsterpaar

„Der Lebensstil der Gentlemen-Räuber war bizarr“

Autorin Marianne Paschkewitz-Kloß im BNN-Gespräch

Das blutige Ende der sogenannten Gentlemen-Räuber am 10. Dezember 2010 ist vielen Menschen in Erinnerung geblieben: Bei einer Schießerei mit der Polizei mitten in Karlsruhe starb der männliche Bankräuber (40), seine 38-jährige Frau erschoss sich selbst. Die Karlsruher Journalistin Marianne Paschkewitz-Kloß hat nun einen Kriminalroman über das tschechische Bankräuberpaar veröffentlicht. Jahrelang hat sie dafür recherchiert, hat Akten der Ermittler ausgewertet, zahllose Gespräche geführt und die südböhmische Heimat der Bankräuber besucht. Ihr Buch „Die Gentlemen-Räuber“ verwebt die wahre Geschichte mit literarischer Fiktion. Über das Buch und verblüffende Recherche-Ergebnisse sprach BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger mit der Autorin.

Marianne Paschkewitz-Kloß hat jahrelang über das kriminelle Duo recherchiert und nun den Kriminalroman „Die Gentlemen-Räuber“ veröffentlicht. Foto: Fabry

Was hat Sie dazu angetrieben, ein Buch über die Gentlemen-Räuber zu schreiben?

Paschkewitz-Kloß: Ich dachte, das kann doch nicht sein: Da hält dieses Räuberpaar die Polizei über 15 Jahre in Atem, schließlich kommt der große Showdown mit Schießerei – und danach erfährt man so gut wie nichts mehr über die Täter und deren Doppelleben. Da beide Bankräuber tot waren, gab es ja keinen Prozess und somit keine öffentliche Aufarbeitung. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.

Das Gangster-Duo erbeutete mehr als 1,9 Millionen Euro

Sie haben alle möglichen Akten eingesehen. Wie viel Geld haben die Gentlemen-Räuber denn in all den Jahren tatsächlich erbeutet?

Paschkewitz-Kloß: Es waren 1,9 Millionen Euro – um genau zu sein: eine Million und 930 252 Euro. Und zwar ohne den 21. Überfall. Wenn die Bankräuber den überlebt hätten, wären es weitere 131 200 Euro Beute gewesen.

Wo ist das Geld geblieben? Das schlichte Häuschen der Bankräuber in Tschechien zeugt ja nicht von einem luxuriösen Lebensstil.

Paschkewitz-Kloß: Die beiden haben den letzten Banküberfall nicht gemacht, weil sie Geld hatten, sondern weil sie wirklich Geld brauchten. Das Geld ist in verschiedene Kanäle versickert. Das frühere Armenhaus, das die Täter gekauft und notdürftig renoviert hatten, ist wirklich schlicht.

Hier schreitet das Gangsterpaar zu seinem 21. und letzten Banküberfall. Nach dem Raub in der Karlsruher Volksbank eröffnete der Täter die tödliche Schießerei.                       Foto: dpa

Für manche Dorfbewohner waren die beiden Helden

Wofür haben die Räuber dann das Geld ausgegeben? Sind Sie da auf Überraschendes gestoßen?

Paschkewitz-Kloß: Vielleicht beantwortet die Meinung der Dorfbewohner in Böhmen über das Täterpaar Ihre Frage. Sie sagten, sie seien zwar immer belogen worden, aber sie würden trotzdem nicht schlecht über das Paar reden. Für manche im Dorf sind die beiden sogar Helden, denn sie hätten den Reichen genommen und den Armen gegeben.

Die Bankräuber haben Geld verschenkt oder gespendet?

Auch, ja…

Bankräuber mimte den Buchmacher

Wie tarnten sich die Bankräuber? Welche Scheinexistenz hatten sie sich aufgebaut?

Paschkewitz-Kloß: Er gab sich im Dorf als Buchmacher aus – dabei waren Fußballwetten offensichtlich sein Privatvergnügen. Darüber hinaus führte das Paar ein sehr zurückgezogenes Leben in der südböhmischen Provinz.

Hatte das Verbrecherpaar kostspielige, außergewöhnliche Hobbys?

Paschkewitz-Kloß (lächelt schelmisch): Da bin ich auf einiges gestoßen. Ich will es mal so sagen: Der Lebensstil der beiden war bizarr.

Vorliebe für Butch Cassidy

Im Buch heißt der männliche Bankräuber mit Vornamen Butch – warum?

Paschkewitz-Kloß: Als Stilmittel habe ich Analogien zum Western „Butch Cassidy und Sundance Kid“ eingesetzt. Dieser Western zählte zu den Lieblingsfilmen des Bankräubers. Über ihn habe ich ungleich mehr erfahren als über seine Frau. Über sie hielt sich im Dorf hartnäckig das Gerücht, sie habe früher im Rotlichtmilieu gearbeitet.

Vom Doppelleben des tschechischen Ehepaars als Kriminelle ahnten der Sohn und die Menschen zuhause im südböhmischen  Dorf angeblich nichts.                                                                                                                                                                       Foto: dpa

Der Bankräuber als eine Art Held. War das eine Gratwanderung?

Paschkewitz-Kloß: Das Buch erzählt aus der Täterperspektive. Du musst als Autorin ein Stück weit in diese Rolle, in dieses Wissen schlüpfen und trotzdem Distanz wahren. Das war fast qualvoll an manchen Stellen. Aber es gibt eine zweite – fiktive – Hauptfigur im Roman: Eine Karlsruher Journalistin, die frühere Schachpartnerin des Bankräubers, die in einer „Oberrheinischen Tageszeitung“ über die Bankraubserie berichtet und zu seiner Gegenspielerin wird.

Kindheit in Baden

Der Bankräuber sprach so gut Deutsch, dass er bei seinen Überfällen nicht als Ausländer auffiel. Was ist die Erklärung dafür?

Paschkewitz-Kloß: Es gibt einen klaren Bezug ins Badische. Der Mann ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Erst im Erwachsenenalter kehrte er nach Tschechien, ins Heimatland seiner Eltern, zurück.

Im Leichensack werden die Bankräuber am 10. Dezember 2010 von ihrem letzten Tatort in der Karlsruher Innenstadt weggebracht. Die Schießerei auf offener Straße hatte Panik und Entsetzen ausgelöst.                                                                                                            Foto: dpa

Was ist aus dem Sohn des Bankräuberpaares geworden?

Paschkewitz-Kloß: Er war 20 Jahre alt, als seine Eltern bei der Schießerei starben – und er hat zuerst von Reportern davon erfahren. Ich stelle mir das grausam vor. Er hat gegenüber tschechischen Medien immer wieder beteuert, dass er vom Doppelleben seiner Eltern nichts wusste. Wobei der Bankräuber nur sein Ziehvater war. Der Sohn stammte vom verstorbenen ersten Ehemann der Bankräuberin. Er war zum Zeitpunkt meiner Recherchen in Südböhmen nach allen Informationen in einer sehr problembehafteten Situation, weshalb ich von einem Interview mit ihm absah. Seine Eltern hatten ihm übrigens ihr Haus schon Jahre vorher überschrieben. Es ist für mich eindeutig: Sie hatten vorgesorgt, falls sie geschnappt würden.

Keine Beweise gegen dritten Verdächtigen

Die ersten Banküberfälle wurden ja von zwei Männern verübt. Was haben Sie über diese dritte Person im Kreis der Gentlemen-Räuber in Erfahrung bringen können?

Paschkewitz-Kloß: Es gab Ermittlungen gegen einen dritten Tatverdächtigen, einen Tschechen. Er hatte eine Verbindung zu dem Räuber-Ehepaar. Der Mann saß zum Zeitpunkt des letzten Überfalls wegen anderer Delikte im Gefängnis. Man konnte ihm allerdings nichts nachweisen. Auch deshalb kommt er in meinem Buch nicht vor – und aus der Überlegung heraus, dass er noch lebt.

Die Bankräuber erhielten den Spitznamen „Gentlemen-Räuber“, weil sie sich nach einigen Banküberfällen entschuldigten. Waren die beiden das wirklich?

Paschkewitz-Kloß: Nach meinem Dafürhalten nicht, aber unter diesem Spitznamen wurden sie bekannt. Psychische Gewalt ist auch Gewalt. Für mich waren sie eiskalte Kriminelle.

 

 

Das neue Buch von Marianne Paschkewitz-Kloß ist im Lauinger-Verlag erschienen.

Buchbesprechung
Rotlichtmilieu und Spitzengardinen: Die Anti-Helden des Kriminalromans leben in einer gebrochenen Dorfidylle
Der Bankräuber Butch Svoboda liebt es exotisch – zumindest wenn es um sein Haustier geht: In einer winzigen Kammer hält er einen Fidschi-Leguan namens Peter. Benannt ist die Echse nach dem eigenwilligen Journalisten Peter Scholl-Latour. Zärtlich krault Butch das Echsenmännchen, wenn er selbst gefangene Insekten-Leckerbissen verfüttert. „So, genug geschmust, mein Alter – ich habe zu tun“, unterbricht der Berufskriminelle eine solche Streicheleinheit. Dann kriecht er unter das Terrarium und holt sein Handwerkszeug aus dem kleinen Wandsafe: Seine Pistole, Kaliber 40, liegt dort in Lappen eingewickelt – und die Browning, mit der sich seine Ehefrau Dana für den nächsten Überfall bewaffnen will. Butch und Dana müssen mal wieder für einige Tage verschwinden, um in Deutschland zu „arbeiten“. Der neu erschienene Kriminalroman von Marianne Paschkewitz-Kloß mit dem Titel „Die Gentlemen-Räuber“ zeichnet die letzten Lebensmonate des Verbrecherpaares bis zum missglückten, tödlich endenden Banküberfall im Dezember 2010 in Karlsruhe nach. Den Leser nimmt die Autorin mit auf eine Reise in eine schrullige kleine Welt im Süden Böhmens. Hier lebt das Bankräuberpaar in einem schmuddeligen Ambiente zwischen Sonnenbank, Leguan, Eichenfurnier und Spitzenvorhängen. Die atmosphärischen Schilderungen aus dieser gebrochenen Dorfidylle sind eine große Stärke des Krimis, der zugleich das Erstlingswerk der Buchautorin ist.
Ihre Anti-Helden haben auch eine Zweitwohnung in der nahen Stadt, damit sie in Ruhe ein spezielles Hobby pflegen können: Ein kleines Sado-Maso-Studio haben sie sich eingerichtet. „Dana war glücklich. Ein wenig eckig lief er neben ihr her, genoss jedoch den kribbelnden Schmerz auf seinem Rücken und um die Oberschenkel“, so heißt es in der Szene, als sie ihr Versteck verlassen – die Peitsche und Fesseln in einer Tasche verstaut.
Die Bankräuberbraut kennt aus ihrer Vergangenheit auch Leute, die Domina-Dienste für Bares anbieten: Sie hat als Prostituierte gearbeitet, ehe sie mit ihrem Butch sesshaft wurde. In dem kleinen böhmischen Dörfchen, in dem das Ehepaar ein Haus gekauft hat, beäugen die Menschen sie deshalb misstrauisch. Doch wenn Spenden fürs Kinderheim gebraucht werden, dann sind Dana und Butch eine beliebte Anlaufadresse: Der angebliche Sportwetten-Buchmacher und seine Frau geben großzügig – selbst dann, wenn vom letzten Bankraub fast nichts übrig ist.
Freilich sind die Romanfiguren fiktive Personen. Dass in einem Kriminalroman eine gehörige Portion Fantasie steckt, ergibt sich von selbst. Die frei erfundene badische Journalistin Wiebke Wolant, die den Bankräuber aus Jugendzeiten kennt und in Polizeikreisen herumschnüffelt, verpasst dem Roman um die Gentlemen-Räuber einen unterhaltsamen zweiten Handlungsstrang – und viel Karlsruher Lokalkolorit. Paschkewitz-Kloß hat jedoch zu penibel für ihr Buch recherchiert, als dass die Leser ernsthaft fürchten müssten, es stecke mehr Dichtung als Wahrheit in dem 228 Seiten starken Krimi.
Dass die Gentlemen-Räuber bei ihren Überfällen bevorzugt den Großraum Karlsruhe heimsuchen, erklärt sich über die Herkunft der Krimi-Hauptfigur: Butch Svoboda stammt zwar aus Tschechien, ist aber in Karlsruhe aufgewachsen und zur Schule gegangen – ein intelligenter Bursche, der kurz vor dem Abitur hinschmeißt, herumjobbt und ins Drogen- und Kriminellenmilieu abrutscht. Erst bei der Heirat mit seiner Dana wird er zum Tschechen Svoboda.
Nachts plagen Butch im Herbst 2010 Albträume von Fußballstars, die den Ball ins falsche Tor donnern: Er hat bei Internet-Sportwetten viel Geld verspielt. Der nächste Beutezug lässt sich nicht mehr aufschieben. Nur noch 7,50 Euro haben die Bankräuber in der Tasche, als sie am 10. Dezember 2010 in Karlsruhe ankommen. Sie kaufen zwei Bratwürste auf dem Weihnachtsmarkt, ehe sie zu ihrem 21. und letzten Überfall aufbrechen. Elvira Weisenburger
Marianne Paschkewitz-Kloß: Die Gentlemen-Räuber. Lauinger-Verlag Karlsruhe, 15 Euro.