Herrenschneider
Der vermutlich letzte Herrenschneider in der Region: Der Offenburger Herbert Martin legt Wert auf feinen Zwirn. | Foto: Reimold

Mit 77 Jahren noch immer aktiv

Der letzte Herrenschneider in der Ortenau

Von Karin Reimold
Dunkelgrünes Sakko, karierte Hose, hellblaues Hemd und dazu die passende Krawatte und ein rotes Einstecktuch. Dass hier ein Mann der Mode steht, erkennt man mit einem Blick. In seinem Atelier in der Offenburger Gerberstraße streicht Herbert Martin über die Stoffe, befühlt die Materialproben. Er kennt sie in- und auswendig. Vor mehr als 50 Jahren hat der Herrenschneider seine Meisterprüfung abgelegt. Dafür erhielt der 77-Jährige nun den Goldenen und Diamantenen Meisterbrief von der Kreishandwerkerschaft Ortenau. „Doch das war nicht der Anfang“, erzählt Martin. „Zuerst bin ich ja in die Lehre gegangen. Daheim“, sagt der gebürtige Allgäuer stolz.

Bei der Mutter fing alles an

Als die Eltern den damals 16-Jährigen fragten, was er denn mal für einen Beruf erlernen möchte, war schnell klar: „Ich geh’ erstmal zur Mutter.“ Denn die war schließlich Damenschneidermeisterin. Martin stammt aus einer echten Handwerkerfamilie, auch der Vater war Schneider. Bei seiner Mutter in Marktoberdorf lernte er zunächst die Damenschneiderei. Doch dann wollte er das Fach wechseln, ihn zog es weg von zu Hause. In Füssen legte er seine Gesellenprüfung in der Herrenschneiderei ab. Seine Wanderjahre waren da aber noch nicht vorbei. Denn der junge Mann hatte einen Traum. „Ich wollte zum berühmten Max Dietel nach München. Er war der größte und beste Schneider“. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche ging es in die bayerische Hauptstadt. Zwei Jahre blieb er dort im Modeinstitut und machte 1966 die Meisterprüfung in der Herrenschneiderei.

Offene Stelle in Offenburg

Nach diesem wichtigen Schritt kam Martin in Fahrt: „Ich wollte dann Zuschneider werden. Und die einzige offene Stelle war beim Bekleidungshaus Orth in der Steinstraße“, erinnert er sich. So landete der Meister aus dem Alpenvorland 1968 schließlich am Tor zum Schwarzwald. Und es gefiel ihm, Offenburg wurde seine neue Heimat. Hier wollte er sich etwas aufbauen. Nach zwei Jahren eröffnete er seinen Laden in der Steinstraße. Sesshaft ja, aber dabei immer mondän. Den kreativen Blick für Kleider schärfte Martin weiter als Modewart der Freiburger Innung. Dort entwarf er neue Richtlinien, führte seine Kollektion auf Kongressen in der ganzen Welt vor. Auf einem lernte er sogar seine Frau kennen – eine Schneiderin natürlich.

Fleißig und erfolgreich

Der Herrenschneider hat vier Kinder und ist stolzer Großvater von acht Enkeln. Ist ihm jemand in die Fußstapfen gefolgt? „Nein. Da muss man zu viel schaffen, sagen die“, lacht er. Fleißig war der Altmeister immer und das mit großem Erfolg. In Rom, Paris und in England – überall nahm er an Wettbewerben teil und die ein oder andere Goldmedaille entgegen. „Für ein Gesellschaftsteil habe ich den Wanderpreis gewonnen für die beste fachliche Leistung“, sagt der Schneider mit Stolz. Es ist die höchste Auszeichnung in seinem Gewerbe.

Um sieben beginnt der Arbeitstag

Heute reist der Altmeister zwar nicht mehr auf Kongresse, steht jedoch jeden Vormittag um sieben Uhr in seinem Atelier und erfüllt die Wünsche seiner Kunden. Selbstverständlich für ihn auch nach so vielen Jahren. „Früher gab es 30 Schneider hier in der Ortenau. Heute bin ich der letzte.“ Und der ist tüchtig – nach wie vor. „Ich schaue mir an, was zu dem Kunden passt und frage, was der Anlass für den Anzug ist“, erklärt er. Dann nimmt er Maß und verschwindet im Hinterzimmer. Dort macht Martin den Schnitt, seine langjährige Mitarbeiterin Nina Kutschenko näht sie zusammen, die erste Anprobe kann beginnen. Zweimal kommt der Kunde und der Schneider überzeugt sich, ob auch wirklich alles perfekt sitzt. Für einen ganzen Anzug braucht Martin mindestens 60 Stunden. Es ist seine Leidenschaft, die noch immer in Herbert Martins Augen aufleuchtet, sobald er die große, silberne Schere in die Hand nimmt, die Brille aufsetzt und zum Schnitt ansetzt.