Der Neun-Milliarden-Dollar-Mann: Tom Hanks ist der erfolgreichste Schauspieler Hollywoods.
Der Neun-Milliarden-Dollar-Mann: Tom Hanks ist der erfolgreichste Schauspieler Hollywoods. | Foto: dpa

Tom Hanks wird 60

Der personifizierte Gutmensch

Verkniffenes Lächeln! Spröder Charme! Gar ein Hauch von Spießigkeit! Der Mann, der am 9. Juli seinen 60. Geburtstag feiert, wirkt keineswegs wie ein Hollywoodstar. Dass gestandene Weibsbilder in Kreisch-Arien ausbrechen wie bei Kollege George Clooney, ist bei dem Burschen aus Concord, Kalifornien, nicht zu befürchten. Und in Fitnessstudios verausgabt er sich ebenfalls nicht, um wie Tom Cruise ein veritables Sixpack vor der Kamera zu präsentieren. Was nicht heißt, dass er sich auf seine Leinwandrollen nicht akribisch vorbereitet. Für „Cast away“, eine moderne Version von Robinson Crusoe, musste sich der Süßigkeitenfan regelrecht schinden, sich in kürzester Zeit viele Kilos anfressen und noch mehr runterhungern. Doch solche Torturen sind eher die Ausnahme für einen Mann, der immer ein wenig zu brav, bodenständig und bieder wirkt. Ein langweiliger Typ könnte man meinen, einer, der zu allem Überfluss auch noch hundsnormale Schreibmaschinen sammelt. Irgendwie spricht es fast Bände, dass seine berühmteste Rolle jene des naiven Dauerläufers mit dem unterirdischen IQ war, dessen Lebensweisheiten („Die Welt ist wie eine Pralinenschachtel“) als „Gumpismen“ in den Sprachschatz eingingen. Als Forrest Gump holte sich Tom Hanks 1994 seinen zweiten Oscar als bester Schauspieler, nachdem er die begehrte Trophäe schon ein Jahr zuvor für das Aids-Drama „Philadelphia“ eingeheimst hatte. Ein solches Kunststück war zuvor nur dem Schauspieler Spencer Tracy gelungen.


Hanks, der vom britischen Magazin „Empire“ zu den 100 größten Filmstars aller Zeiten gezählt wird, ist der Neun-Milliarden-Dollar-Mann. So viel haben seine Filme eingespielt, was ihn zum erfolgreichsten Schauspieler aller Zeiten macht, noch vor Tom Cruise, Harrison Ford oder Johnny Depp. Der Workaholic, der es im Lauf seiner fast 40 Jahre währenden Karriere auf über 60 Filme brachte, schuf nicht nur den liebenswerten Forrest Gump; er war einer der Astronauten in dem Weltraumdrama „Apollo 13“, turtelte in „Splash“ mit der Sirene Daryl Hannah und bestand als Polizist neben einem Sabberhund („Scott & Huutsch“). Romantischen Naturen ist er als einsamer Single in „Schlaflos in Seattle“ an der Seite von Meg Ryan in Erinnerung geblieben. Und im brutal-guten Zuchthausfilm „The Green Mile“ mimte ein füllig gewordener Tom Hanks den sanftesten Wärter aller Zeiten. Die Liste seiner brillanten Auftritte ließe sich mühelos fortsetzen: In Steven Spielbergs Oscar-gekröntem Weltkriegsdrama „Der Soldat James Ryan“ führt der Mime eine symbolträchtige Rettungsaktion an, vier Jahre später lässt ihn der Meisterregisseur im Gangster-Epos „Catch Me If You Can“ einen überkorrekten FBI-Agenten spielen, der sich verbissen an die Fersen eines Nachwuchsgauners heftet. Normalerweise ist Hanks in seinen Filmen als das personifizierte gute Gewissen unterwegs, doch gelegentlich erliegt er der Verwandlungslust. In „Road to Perdition“ überzeugte er als böser Berufskiller, der den Mord an seiner Frau und seinem Sohn rächt. Der profilierte Charakterdarsteller, der neben den Oscars auch vier Golden Globes einstrich, ist sich auch für nette Spielereien nicht zu schade. Einen sehr kurzen und zudem noch wortlosen Auftritt hatte der Vielbeschäftigte 2004 in dem Film „Elvis Has Left The Building“. Darin wird er als Motorradfahrer von einem Briefkasten tödlich getroffen und bleibt in diesem stecken.

Glücklich verheiratet: Tom Hanks und Rita Wilson.
Glücklich verheiratet: Tom Hanks und Rita Wilson.

Hollywoods Erfolgsgarant sorgt privat eher selten für Schlagzeilen. Seit 28 Jahren ist Hanks mit Schauspielkollegin Rita Wilson verheiratet, die er am 1985 am Set des gemeinsamen Films „Volunteers“ kennenlernte und deretwegen er zum griechisch-orthodoxen konvertierte. Im schnelllebigen Hollywood, wo viele prominente Ehen nur ein äußerst kurzes Haltbarkeitsdatum haben, gelten die beiden als Vorzeigeehepaar, das auch in schlechten Zeiten zusammen hält. Rita Wilsons Brustkrebserkrankung, die jahrelange Drogensucht des jüngsten Sohnes Chester haben die beiden noch enger zusammen geschweißt. Hanks ist nicht nur auf der Leinwand der amerikanische Durchschnittsbürger, sondern auch im wirklichen Leben, der selbst der tragischsten Situation noch komische Seiten abgewinnen kann: Angesprochen auf seine Diabetes-Erkrankung gab sich das Schauspielphänomen, das sich kindlich naiv über 20 Millionen US-Dollar Gage pro Film wundert, durchaus selbstkritisch: Er sei Teil jener faulen amerikanischen Generation, die einfach blind durchgefeiert habe und sich jetzt mit der einen oder anderen Krankheit auseinandersetzen müsse, erklärte der Star in einem Interview. Um gleich nachzuschieben, dass er keinerlei Lust auf Diäten habe.

Für den deutschen Regisseur Tom Tykwer, der Hanks in seinem neuesten Werk „Hologramm für einen König“ als abgehalfterten Firmenvertreter durch Saudi-Arabien stolpern lässt, ist der Erfolgsmensch der „Cheerleader der Baby-Boomer-Generation, die immer wusste, wo es langgeht, und nun keine Ahnung hat, wo sie steht“. Hanks, der in den 80er-Jahren vor allem durch Komödien bekannt wurde, brauchte Jahre, um der Charakterdarsteller zu werden, der er heute ist. „An einem Punkt in meinen Mittdreißigern, als ich viele Filme machte, in denen ich den albernen Kerl spielte, der keinen Sex hatte, erkannte ich, dass ich anfangen muss, ein sehr, sehr schwieriges Wort zu Menschen zu sagen, und das ist Nein“, verriet das Geburtstagskind, das 2002 als bis dahin jüngster Schauspieler mit dem Life Achievement Award des amerikanischen Filminstituts ausgezeichnet wurde. Sein Wunsch nach Langlebigkeit im Filmgeschäft hat sich erfüllt.
Diese „Langlebigkeit“ ist weder Zufall, noch ist sie allein Hanks Arbeitspensum sowie den unzähligen Auszeichnungen geschuldet. Vielmehr ist das Sehnen nach etwas Bleibendem ein wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit. Der Leinwandstar, der sich selbst als Sturkopf und Narzissten bezeichnet, als selbstsüchtigen Schauspieler, musste schon als Kind seinen Mann stehen. Aufgewachsen in turbulenten Familienverhältnissen, zwischen etlichen Stiefvätern und – müttern, musste er schon als Elfjähriger zwischen den Wohnsitzen der Eltern pendeln – alleine im Bus. Damals wurde womöglich der Grundstein für seine Schauspielkunst gelegt: „Ich habe mich in eine imaginäre Welt begeben“, sagte der Schauspieler in einem Interview, „habe den Reisenden zugesehen, mir Geschichten überlegt, ihre Gesichter studiert.“ Diese Erfahrung von Einsamkeit, mal erbaulich, mal schmerzlich, prägen bis heute die Rollen des Mannes, dem es sogar gelang, dem Kinopublikum das Trauma Vietnam als skurrile Episode unter vielen zu verkaufen. Erste Bühnenerfahrungen während der High–School–Zeit, ein Studium der Schauspielerei, Arbeit beim „Great Lakes Theater Festival“ in Cleveland waren weitere Stationen auf dem Lebensweg, der Hank schließlich nach New York führte, wo er erste Film- und Fernsehrollen erhielt. Regisseur Ron Howard, mit dem er etliche Male zusammengearbeitet hat, erkannte das komödiantische Talent des Nachwuchsschauspielers und vermittelte ihm die Hauptrolle in „Splash“. Am Anfang auf die Rollen eines jugendlichen Mr. Charming abonniert, eines meist ungelenken, aber höchst romantischen Sympathieträgers schaffte Hanks schließlich den Sprung zu ernsthafteren Rollen. So brach er sogar mit seinem Gutmenschen-Image. Im Remake der Coen-Brüder von „Ladykillers“ gibt er als mit jeder Menge falscher Zähne ausgestatteter Professor Goldthwait Higginson Dorr den personifizierten Unsympath.
Hanks, der übrigens entfernt mit Abraham Lincoln verwandt ist, kann nämlich auch böse und das keineswegs nur auf der Leinwand. Als er vor Jahren auf der Couch von „Wetten, dass..?“ Platz nehmen und allerlei alberne Spielchen über sich ergehen lassen musste, ergoss sich Hollywoods Vorzeige-Schauspieler in hämischen Kommentaren und ließ die Nation wissen, in den USA wäre jeder Verantwortliche nach solch einer Fernsehshow gefeuert worden. Dabei ist der Publikumsliebling Deutschland gegenüber wohlgesonnen – nicht nur wegen der Dreharbeiten in Babelsberg, Berlin sowie der Sächsischen Schweiz und einer Erika, Modell „E/10“, die der begeisterte Schreibmaschinenfan bei einem Besuch im DDR-Museun Radebeul geschenkt bekam. In der „Late Show“ von David Lettermann schwärmte der Schauspieler über deutsche Autobahnen und die Freiheit auf vier Rädern.

Er sei in gefühlten 17 Minuten von Dresden nach Berlin gerauscht, und seine Wangen seien von der Beschleunigung wie in einer Zentrifuge nach hinten gezogen worden, verriet Hanks der Talkshow-Legende mit entsprechenden Gesten. Bei soviel Begeisterung für Geschwindigkeit müsste sich der Star-Trek-Fan, nach dem ein Asteroid bekannt wurde, doch eigentlich einen Zweitwohnungssitz in Deutschland zulegen? An fehlender Kohle dürfte es jedenfalls nicht mangeln, zumal der gar nicht spröde, gar nicht spießige Mr. Hanks nicht nur bei der Auswahl seiner Filmrollen ein glückliches Händchen hat. Vor der Saison hat der Bursche 100 Pfund auf die Meisterschaft der Fußballer von Leicester gesetzt und die wurden bekanntermaßen sensationell Meister. Ob die Gewinnsumme allerdings darüber hinweg tröstet, dass Tom Hanks Lieblingsverein Aston Villa sang- und klanglos abgestiegen ist, steht auf einem anderen Blatt.