Die Störche sind zurück: Im Elsass läuft das Projekt zur Wiederansiedlung deshalb aus.
Die Störche sind zurück: Im Elsass läuft das Projekt zur Wiederansiedlung deshalb aus. | Foto: Uwe Anspach

Wiederansiedlung hat geklappt

Die Erfolgsgeschichte vom Storch im Elsass

Von Bärbel Nückles

Der Storch geht in den Sinkflug, gleitet über das Flachdach eines luxuriösen Apartmenthaus in bester Straßburger Lage. Jogger wie Politiker lieben diesen Teil der Großstadt. Villen aus der Gründerzeit, der Europarat, zahlreiche Botschaften und Konsulate umgeben den beliebten Park, die Orangerie. Ausgesprochen wohl fühlen sich auch Straßburgs Störche. Um sich vom Ausmaß seines Wohlergehens ein Bild zu machen, muss man gar nicht ins Zentrum der Orangerie vordringen, wo lange ein Auswilderungsgehege bestanden hat. Es reicht völlig aus, den Boulevard du Président Edwards abzuschreiten, eine der Straßen am Rande der Grünanlage, den Hals zu recken und nach oben in die dichten Baumkronen zu gucken. Dort sitzen sie, die Störche, klappern unbekümmert und genießen endlich mal wieder ein paar Sonnenstrahlen. Auf dem Boden: Ein Kranz aus Vogelkot um jeden Baumstamm. Der Storch landet in diesem Augenblick mit leisem Flattern in seinem Nest, Auge in Auge mit den Büros der mexikanischen Vertretung. „Wenn sie wenigstens nicht so viel Lärm und Dreck machen würden..“, kommentiert eine Mittdreißigerin im adretten Sommerkleid ärgerlich, zweifellos eine Mitarbeiterin, und schlägt das Metalltor hinter sich zu. Der Storch sitzt jetzt unbeweglich im obersten Stock auf dem Balkongeländer. Observiert er etwa mögliche Feinde?

Kranz von Vogelkot unter jedem Baum

Nach drei Jahrzehnten intensiver Pflege fühlt sich der Weißstorch wieder pudelwohl im Elsass. Die Straßburger Orangerie mit allein 100 Nestern ist sicher eines der prominentesten, sicher aber eines von vielen Beispielen, wo es gelungen ist, eine Spezies wieder anzusiedeln, die Mitte der 1970er-Jahre aus dem Elsass so gut wie verschwunden war. Dabei gehörte der Storch als Symbol des Wohlstandes einfach dazu. Was war das Elsass noch ohne dieses eine der berüchtigten fünf „C“, die zusammen die bildliche Identität dieser Region ausmachen: Cathédrale (das Münster), Choucroute (Sauerkraut), Colombages (Fachwerk), Coiffe (die Trachtenhaube) und eben Cigognes (Störche)?
Ab 1960 bis 1974 war die Population der stolzen weiß-schwarzen Zugvögel mit den schmalen roten Schnäbeln von 150 auf neun Paare zurückgegangen. Ein einziges Storchenpaar hatte man noch im Südelsass erfasst. Viele Tiere verendeten an Starkstromleitungen. Ausschlaggebend für den dramatischen Rückgang waren vor allem aber mehrere meteorologisch schlechte Jahre. Nasse, kalte Frühjahrstage machten ihnen den Garaus.

Allgemeines Wehklagen im Elsass

Was also war zu tun? Auf das Verschwinden des Storchs aus der kleinen Region am Rande Frankreichs folgte ein allgemeines Wehklagen. Störche gab und gibt es auch anderswo. Im Elsass fühlte man sich ihm ganz besonders verbunden. Nur mit den Störchen war diese beschauliche Welt so, wie sie sein sollte. Hansi alias Jean-Jacques Waltz, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Bild vom idyllischen Elsass mit seinen Motiven geprägt hatte, platzierte ihn gerne inmitten dörflicher Szenen. „Wir als Elsässer konnten nicht ohne Störche leben“, sagt Gérard Wey, zu dessen Lebensaufgabe – zumindest in den zurückliegenden drei Jahrzehnten – die Wiederansiedlung des Weißstorchs werden sollte.
Erst zehn Jahre nach der Diagnose folgte der Eingriff.

In Colmar wurde 1983 ein Verein zum Schutz des Storchs gegründet, die Association pour la Réintroduction de la Cigogne en Alsace Lorraine, kurz Aprécial. Gérard Wey war damals eigentlich für Flurbereinigung und Forstwirtschaft im südlichen Elsass zuständig gewesen. Man fand wohl, dass er der Richtige für den Job des amtlichen Storchenschützers war. 1987 sattelte er um. Wey trieb dann gleich den Ausbau der Aufzuchtstationen voran. Im Laufe der Jahre entstanden mehr als 20 Auswilderungsgehege.

„Die Population ist stabil“

Bis heute war die Arbeit des Aprécial so erfolgreich, dass er in diesem Sommer aufgelöst worden ist. An die 800 Paare leben wieder im Elsass. „Die Population ist quasi wild geworden, und sie ist stabil“, freut sich Gérard Wey. Vier von fünf der ersten, ausgewilderten Generation seien damals in der Region geblieben. Nach zwei oder drei Jahren in den Gehegen, blieben die Tiere, suchten sie nicht gleich das Weite, wenn sie in die Freiheit entlassen wurden. Erst die nächste Generation nahm die natürlichen Gewohnheiten an und zog wieder über Spanien bis Gibraltar und auf den afrikanischen Kontinent.
Odysseus fliegt gerade über Weißrussland. Lola, wie Odysseus und ein paar Dutzend andere Störche mit einem Sender ausgerüstet, entdeckt Wey am Bodensee. Mit einem Wisch über sein Smartphone kehrt Gérard Wey zur Übersicht mit den Flugrouten seiner Vögel aus den vergangenen Wochen zurück. Rot eingefärbte Netze bilden die Signale ab und ziehen sich wie über Stecknadeln gespannte Bindfäden über das digitale Bild.

Die Tiere folgen dem Futter

Gezüchtet und ausgewildert wird nun nicht mehr. Einige „centres de soins“, Gehege wie in Turckheim und Ensisheim, in denen verletzte oder kranke Tiere versorgt werden können, hat man beibehalten. Wey und seine Intuition wird man höchstens dann noch benötigen, wenn eine neue Gefahr droht oder wenn einzelne Vögel von ihrem vorgesehenen Weg abweichen. Zuletzt kam es immer wieder vor, dass Störche statt gen Süden zu ziehen, lieber im Bannkreis einer Müllhalde überwintern wollten.
„Störche sind dort, wo es ihnen gut geht, wo sie Futter finden“, sagt Wey. Müllkippen seien ein Übel, weil sie manche Vögel von ihrer Reise nach Afrika zurückhalten. Wie man sie von dort fernhält? Wey nimmt einen Holzgriff mit beweglichem Teil zur Hand. Er schüttelt es kräftig hin und her und erzeugt ein lautes Kleppern, dem warnenden Schnabel-Geklapper eines Storchs nicht unähnlich. „Wenn sie das eine Weile anwenden, sobald sich Störche nähern, kapieren sie es.“

Kojoten und Uhus zur Abschreckung

Rund um Deponien wie in Retzwiller und Wintzenbach ließ er Kojoten und Uhus aus Plastik in den Boden rammen. Ein Erfolg. Ähnlich unkonventionell erfand er Vorrichtungen für Strommasten zum Schutz der stolzen Vögel. Das aber klappt nicht überall. Wey blickt wieder auf den kleinen Bildschirm. Er zieht die Augenbrauen missbilligend zusammen und wischt mit der Fingerspitze über die glatte Fläche. „Da, sehen sie, wo Reichertshofen gelandet ist? Auf einer Müllkippe bei Malpartida in der spanischen Extremadura.“