Die Boeing 737-300 Karlsruhe in der Luft.
Die Boeing 737-300 Karlsruhe in der Luft. | Foto: Bollhorst

Lufthansa gibt 737-Flotte auf

Die Karlsruhe verlässt Europa

Montag, elf Uhr. Die Sonne scheint, es sind rund zwölf Grad auf dem Rollfeld des Frankfurter Flughafens. Zahlreiche Menschen stehen vor einer Boeing 737-300. Der Maschine, mit der die Lufthansa seit Jahrzehnten quer durch Europa geflogen ist. Kameras klicken. Anweisungen werden gerufen. Im Hintergrund starten und landen Maschinen.

Eigentlich sind am Flughafen immer Menschen zu beobachten, die sich von einem geliebten Verwandten oder Freund verabschieden. Geliebt – das stimmt. Mensch nicht. Denn die Lufthansa hat zu einem Flug nach Hamburg mit dieser speziellen Boeing geladen, weil sie sich von ihren 737-Maschinen trennt. Die leicht kühl klingende Begründung: Flottenharmonisierung. Eine betriebswirtschaftliche Entscheidung trifft auf starke Emotionen. Denn viele Stewardessen und Piloten haben mit dem Bobby genannten Modell ihre ersten Schritte über den Wolken gemacht.

Die 737, die gleich fliegt, trägt die Registrierung D-ABEC, gerufen wird sie mit den letzten beiden Buchstaben in der Fliegersprache: Echo-Charlie. Aber ihr Taufname lautet Karlsruhe.

Die vierte Karlsruhe in der Lufthansa-Flotte

Es ist das insgesamt vierte Flugzeug mit diesem Namen bei der Lufthansa. Den Anfang machte am 23. August 1965 eine Boeing 727-030 mit der Kennung D-ABIQ. Sie wurde auf dem Flughafen Stuttgart-Echterdingen von Hanna Klotz, der Ehefrau des damaligen Karlsruher Oberbürgermeisters Günther Klotz, getauft. Ihre Wünsche an die Maschine damals: „Ich wünsche dir allzeit einen guten Start, guten Flug und gute Landung.“

Die Hoffnungen ihres Ehemanns, dass der Flughafen Karlsruhe-Forchheim wieder eine beträchtliche Rolle in der deutschen Luftfahrt spielen würde, haben sich nicht erfüllt. Dafür haben die Worte von Hanna Klotz aber auch den beiden anderen Karlsruhe-Maschinen D-ABCI und D-ABKH Glück gebracht.

Echo-Charlie wurde in Frankfurt getauft

Auch Echo-Charlie natürlich, die am 14. April 1992 auf dem Frankfurter Flughafen von Bürgermeister Elmar Kolb getauft wurde. Generell scheinen badische Städte bei der Lufthansa beliebt zu sein: Es gab auch schon 737-Maschinen mit den Taufnamen Pforzheim, Bruchsal und Baden-Baden.

Kurz vor dem Start der Echo-Charlie spricht Lufthansa-Vorstandsmitglied Harry Hohmeister noch über die Lautsprecheranlage zu den Passagieren. Er fliegt zwar nicht mit, hat aber eine spezielle Beziehung zu dieser 737: „Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, wer die Bestellvorlage geschrieben hat – der steht nämlich hier vorne.“

Nach seiner Ansprache verlässt Hohmeister das Flugzeug, dann geht es los. Schließlich muss der Flug mit der Nummer LH 9922 einen Plan einhalten. Nach längerem Ruckeln über das Rollfeld gibt Echo-Charlie um 11.59 Uhr richtig Gas, die Reifen verlassen den Boden, der Magen macht den üblichen Hüpfer, dann erhebt sich die Karlsruhe über Frankfurt. Die Silhouette der Großstadt am Main wird schnell kleiner.

Ein Stück Identiätsverlust

Lufthansa gibt mit seiner Entscheidung, die 737-Flugzeuge in Rente zu schicken, auch ein Stück Identität auf. Schließlich war der Konzern maßgeblich an der Entwicklung der Maschine durch Boeing beteiligt. Insgesamt sind Flugzeuge dieses Typs in 48 Jahren rund 2,3 Milliarden Kilometer durch Europa geflogen und haben etwa 250 Millionen Passagiere befördert. Zur Flotte gehörten 148 Maschinen.

Das Interesse der Journalisten ist dementsprechend groß – allein aus dem Ausland sind zwölf gekommen. Aus Russland, Spanien, Portugal, auch ein junger Youtuber aus Schweden, von dem der 15-jährige Sohn einer der Stewardessen ein großer Fan ist. Sie alle wollen die letzten Flugmeilen der Karlsruhe erleben. Denn die Europa-Strecken der 737 werden künftig vom Airbus A 320 übernommen. „Das hat für uns den großen Vorteil, dass wir alle Crews und Mechaniker gleich schulen können, dass wir ein identisches Ersatzteillager haben. Homogenität nennen wir das und das ist betriebswirtschaftlich außerordentlich sinnvoll“, erklärt Klaus Froese, verantwortlich für das Drehkreuz der Lufthansa in Frankfurt, während des Flugs.

Boeing 737-300 D-ABEC
Die Boeing mit der Bezeichnung 737-300 D-ABEC und dem Taufnamen Karlsruhe hat eine Spannweite von 28,9 Metern. Sie ist 33,4 Meter lang und 11,1 Meter hoch. Ihre Höchstgeschwindigkeit beträgt 795 Kilometer pro Stunde, das maximale Startgewicht rund 56,4 Tonnen. In ihr haben 140 Passagiere Platz und die Karlsruhe hat in rund 25 Jahren fast 52 000 Flüge absolviert.

Hanseatischer Empfang für die Karlsruhe

Je weiter die Karlsruhe nach Norden fliegt, desto dichter wird die Wolkendecke. Der Landeanflug auf Hamburg ist etwas holprig, er erinnert an den Gang über eine Hängebrücke. Auch das Wetter ist nicht einladend. Auf der Rollbahn haben sich Pfützen gebildet, es hat gerade geregnet – hanseatische Verhältnisse eben. Der Flug hat gerade mal 48 Minuten gedauert. In Hamburg wird die Karlsruhe von zwei Feuerwehrwagen mit einer Wasserfontäne empfangen – sie schießen Wasserstrahlen so über die Maschine, dass die Passagiere den Eindruck eines Torbogens bekommen. Schließlich kommt Echo-Charlie in einer Halle zum Stehen, wo schon viele Menschen auf sie warten.

Boeing 737 gilt als „Arbeitspferd“

Johannes Bußmann, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Technik AG, ergreift das Wort bei einer kurzen Rede. Er bezeichnet die 737 als „Arbeitspferd“ und erklärt, dass die erste Maschine die gleiche Kennung hatte wie die letzte – D-ABEC. „Heute heißt sie Karlsruhe, damals hieß sie Osnabrück.“ Irgendwann kämen die Flugzeuge in ein gewisses Alter und es sei wichtig, dass man das Durchschnittsalter der Flotte möglichst gering halte. Für Ulrich Pade, 737-Flottenchef und Kapitän der Karlsruhe bei diesem Flug, bedeutet diese Entscheidung eine Zäsur. Er hat vergangenen Samstag seine Flotte verloren, als die letzten Linienflüge der Bobbys stattfanden.

Direkteres Fliegen mit der 737

Für Echo-Charlie ging es mit Flugnummer LH 247 von Mailand nach Frankfurt. Generell ist sie in ihren letzten Lufthansa-Tagen nochmal ganz schön rumgekommen in Europa: Brüssel, Warschau, Kopenhagen, London. Die 737 zu fliegen – für Pade ein besonderes Gefühl: „Wir haben noch eine Steuerung, bei der wir Seile haben, die an die Steuerflächen gehen.“ Dabei spüre er das Flugzeug viel direkter. Deswegen lässt es sich der gebürtige Badener – Pade kommt aus Mannheim – auch nicht nehmen, die Karlsruhe auf ihrem allerletzten Flug zu begleiten: Im Januar 2017 überführt er sie über mehrere Zwischenstopps zu ihrem neuen Besitzer in den USA. Endstation Sanford, Florida. Was der Käufer mit Echo-Charlie plant, ist noch nicht bekannt.

Pforzheimerin begleitet die Karlsruhe auf den letzten Flügen

Nach der erneuten, dieses Mal etwas langwierigen, Sicherheitsüberprüfung – die strengen Luftfahrtregeln sind nicht außer Kraft gesetzt – startet die Karlsruhe um 15.36 Uhr wieder in Richtung Frankfurt. Maximale Flughöhe: acht Kilometer – so hoch über den Wolken und bei strahlendem Sonnenschein ist das schlechte Wetter in Hamburg schnell vergessen.

Auch für Stewardess Cornelia Batz ist der Rückflug mit der Nummer LH 9923 etwas Besonderes: Die 51-Jährige lebt wegen des schönen Wetters im spanischen Marbella und pendelt nur zum Arbeiten nach Deutschland. Aber sie wurde in Pforzheim geboren und hat auch den letzten Linienflug der Echo-Charlie begleitet. Bis auf einen firmeninternen Charterflug ist das also ihre letzte Reise mit der Karlsruhe. Für Batz ein gelungener Abschied: „Absolut genial. Das ist Extrastolz. Ich liebe die Gegend, meine Verwandtschaft wohnt auch noch in Pforzheim. Das ist meine Heimat.“

„Mit Sicherheit gibt es wieder eine Karlsruhe“

Zurück nach Frankfurt braucht Echo-Charlie 49 Minuten. Sie wird vom Wetter erneut freundlich empfangen – und auch wieder von einer Wasserfontäne. Nachdem alle Passagiere ausgestiegen sind, schließt Kapitän Pade die Tür und klopft zweimal auf die Maschine. Ein Stück deutsch-amerikanische Luftfahrthistorie ist fast beendet. Die Geschichte Badens bei der Lufthansa aber nicht. Denn Pade sagte schon in Hamburg: „Karlsruhe ist eine derart bedeutende, zudem badische Stadt – mit Sicherheit gibt es wieder eine Karlsruhe.“