Mini-Me-Look: Manche Promieltern lieben es, ihren Nachwuchs wie sich selbst zu kleiden. Doch das kann peinlich werden.
Mini-Me-Look: Manche Promieltern lieben es, ihren Nachwuchs wie sich selbst zu kleiden. Doch das kann peinlich werden. | Foto: dpa

Kardashian, Cruise &Co

Promikinder: Last des Namens

Der Weg zur eigenen Identität ist holprig und schwer. Als Art Garfunkel, das amerikanische Stimmwunder mit der rotblonden Zauselmähne vor einigen Jahren ein Konzert in Berlin gab, mit den größten Hits aus dem Simon-and-Garfunkel-Repertoire, da holte er sich einen Duettpartner auf die Bühne: der junge Mann mit der blassen Haut, der schlaksigen Gestalt und den ungezügelten rotblonden Locken sah aus wie ein jugendliches Spiegelbild seines Gesangspartners. James Garfunkel, damals noch ein Teenie, hätte dem berühmten Vater gerne nachgeeifert, doch außer einigen Auftritten kam nicht viel heraus. Seine Musikerkarriere währte nicht einmal einen Sommer; auch der Versuch als Schauspieler floppte kläglich. Zuletzt wandelte der Millionärssohn auf den Spuren eines Donald Trump: als Immobilienhai. „Ich nehme den Namen Garfunkel, der Rock-Königtum bedeutet, und hebe ihn auf die nächste Stufe, Immobilien-Königtum“, verkündete der heute 25-Jährige großspurig. Doch auch als seriöser Geschäftsmann hatte der Sohn einer Poplegende keinen Erfolg.

Berühmte Eltern

Berühmte Eltern als „Businessplan“: Für den Nachwuchs von Musikern, Schauspielern und Top-Models ist es ja auch naheliegend, in Papas oder Mamas große Fußstapfen zu treten. Der berühmte Name öffnet Tür und Tor, hilfreiche Kontakte sind vorhanden und das nötige Kleingeld auch. Verwandtschaftliche Bande können aber auch zur Last werden, weil jeder eigene Schritt von der Öffentlichkeit verfolgt und kommentiert, jedes Fehlverhalten registriert und jede Stufe auf der Erfolgsleiter mit den Riesensprüngen der Erzeuger verglichen wird. „Der Sohn von Rod zu sein, ist ein Fluch“, bekannte Sean Stewart einmal freimütig. Während der Herr Papa als Rock-Röhre und als Womanizer von sich reden machte, schlug sich der Sohn seit der High School-Zeit vor allem mit Drogen, Alkohol und Entzug herum. Mal randalierte er in einem Nachtklub, mal attackierte er ein Paar mit einem Ziegelstein. Und immer dabei – die Regenbogenpresse.

Belagert von Reportern

Ben Teewag, von Wikipedia als „Schauspieler, Filmproduzent, Regisseur, Drehbuchautor und ehemaliger Sänger“ gelistet, weiß aus eigener Erfahrung, dass er, der Sohn von Schätzchen Uschi Glas, weder auf Diskretion, schon gar nicht auf Milde hoffen kann. Wenn er auf Ibiza sein Allrad gegen eine Leitplanke donnert – was auch schon Altersgenossen passiert sein soll –, gar einem Escort-Girl das Jochbein bricht, sind dem 40-Jährigen die großen Lettern auf den Titelseiten sicher. Selbst die unappetitlichsten Details, die schmerzhaftesten Einzelheiten aus dem Leben des Enfant terrible werden von Klatschreportern ausgeplaudert, für die scheinbar missratene Promi-Kinder eine schier endlose Quelle gewinnbringender Geschichten sind. Als Marcus, der Sohn des ehemaligen Basketballstars Michael Jordan, auf Twitter ein Foto seines besten Stücks postete, verdrängte dies in den Abendnachrichten selbst die Berichte von Krieg und Gewalt auf die hinteren Plätze. Und als Bobby Kristina Brown, Tochter von Whitney Houston, bewusstlos in einer Badewanne aufgefunden wurde, überschlugen sich die US-Medien mit Kapiteln aus der wechselhaften Familiengeschichte des musikalischen Clans.

Wann immer solche Geschichten erzählt werden, sind psychologische Erklärungen nicht weit. Die Einschätzung von der Wohlstandsverwahrlosung als exklusives VIP-Problem macht die Runde, oder einfacher ausgedrückt: Ruhm und Reichtum verderben den Charakter. Wer auf so ausgefallene Namen wie Shilo, Harper Seven, Suri oder Fifi Trixibelle hört, wer verwöhnt und verhätschelt wird und Paparazzi womöglich für eine Naturerscheinung hält, hat alles, nur keine normale Kindheit. Suri, die Tochter von Katie Holmes und Tom Cruise, soll bereits vor der Einschulung 150 Paar Schuhe besessen haben, darunter maßgefertigte Louboutin-Exemplare für ein paar Tausend Euro. Kein Wunder, dass sich Modeschöpfer wie Roberto Cavalli und Giorgio Armani darum reißen, Kleider für das Prinzesschen entwerfen zu dürfen, das schon im Kleinkindalter als Stilikone galt, auf Bildern aber häufig nicht sonderlich glücklich wirkt und gelegentlich zu Wutausbrüchen gegenüber den allseits präsenten Promifotografen neigt. Blue Ivy, Tochter von Beyonce und Jay-Z, ist nicht nur stolze Besitzerin einer diamantbesetzten Barbiepuppe für 60 000 Euro; überdies residiert der Wonneproppen auch ausgesprochen nobel: bescheidene 720 000 Euro soll die Erstausstattung für ihr Kinderzimmer gekostet haben. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch die unterhaltsame armenisch-amerikanische Großfamilie der Kardashians ihr jüngstes Mitglieder entsprechend ausstaffiert. Die wehrlose North, zarte drei Jahre alt, wird bei Auftritten ihrer Publicity-süchtigen Eltern Kim Kardashian und Kayne West nicht nur als lebendiges Accessoire missbraucht; ihre Outfits, die stets zu denen der Mutter passen, dienen auch als Beweis für den „guten“ Geschmack der Eltern. Mini-Mes werden diese modischen Abziehbilder genannt, die lediglich dem Bekanntheitsgrad der Erwachsenen nutzen. Denn der kleinen Dame dürfte es sicherlich egal sein, ob sie in teuren Designerklamotten steckt. Den Eltern offensichtlich nicht.

Dabei weiß der Volksmund schon lange, dass man sich mit Geld nicht alles kaufen kann – schon gar keine glückliche Kindheit. Zwar weiß niemand, was aus Suri Cruise oder North West einmal werden wird; aber dass Kinder, die als Vierjährige Mörder-High-Heels für ein paar Tausend Dollar tragen oder per Privat-Jet zum nächsten Auftritt auf dem roten Teppich kutschiert werden, möglicherweise ein leicht schräges Verhältnis zur Realität bekommen, kann man sich ausrechnen. Für den Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther ist der materialistische Entwurf begüterter Familien, die fehlende Nestwärme durch tonnenweise Spielzeug, Designerklamotten und Luxus-Computer zu kompensieren versuchen, fast so schlimm wie soziale Vernachlässigung in ärmeren Schichten. „Der Mensch braucht, damit sich das Gehirn strukturiert, Erfahrungen und Probleme, an denen er wachsen kann“, so der angesehene Wissenschaftler. Soll heißen: Kinder, die nie Probleme lösen müssen, die verhätschelt und über alle Maßen verwöhnt werden, kommen im Leben deutlich schwerer zurecht, entwickeln im schlimmsten Fall ein narzisstisches Selbstbild.
Für die indische Psychologin Surabhika Maheshwari steht fest, dass Promi-Kinder reichlich viel Extragewicht schultern müssen. So sehr sich der Nachwuchs auch müht: In den Augen der Allgemeinheit reicht er an die Leistungen von Vater oder Mutter häufig nicht heran. Man tut Jakob Dylan sicherlich nicht Unrecht, wenn man behauptet, dass er weder als Bandmitglied, noch als Solokünstler die Genialität des näselnden Bobs erreichte. Ähnliches gilt für Zak Starkey, der seinen Vater Ringo Starr so bewunderte, dass auch er das Schlagzeugspiel zum Lebenswerk erkor, mit einem Tournee-Aushilfsjob bei der britischen Band Oasis als Höhepunkt der Karriere.

Wer nur als Sohn oder Tochter von Irgendwem wahrgenommen, ständig auf die berühmten Eltern angesprochen wird, läuft Gefahr, die eigene Persönlichkeit aus dem Blick zu verlieren. Flatratesaufen, Schulversagen, Schlägereien sind – wie auch bei den Altersgenossen aus ärmeren Schichten – Ausdruck der Selbstzweifel und gleichzeitig Mittel zum Zweck: Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn es besonders schlimm kommt, wird aus dem Über-die-Stränge-Schlagen verfestigtes Verhalten. Das bekannteste Beispiel ist Charlie Sheen, dessen Drogen- und Sexsucht, garniert mit heftigen verbalen Ausfällen, für mindestens ebenso viele Schlagzeilen sorgten wie seine Schauspielkunst. Immerhin hat er es mit seiner endlosen Adoleszenz geschafft, auf seine ganz eigene Weise berühmt zu werden.

Schlägt häufig über die Stränge: Charlie Sheen.
Schlägt häufig über die Stränge: Charlie Sheen. | Foto: dpa

Bisweilen ist der elterliche Laisser-faire-Lebensstil für die Heranwachsenden bedenklich, im schlimmsten Falle fatal. Wer wie Theodora Richards einen „Rollenden Stein“ zum Vater hat, der zeitlebens jede Droge ausprobiert hat, die der willfährige Kurier auftreiben konnte, wird vermutlich ein wenig zu furchtlos mit bewusstseinserweiternden Substanzen experimentieren. Peaches Geldof, deren Eltern das turbulente Leben von Rockstars führten und die sich mit 16 Jahren als It-Girl ihrer eigenen Realityshow präsentierte, starb mit 25 Jahren den Drogentod. Wie ihre Mutter Paula Yates, neben deren Leiche Peaches dreijährige Schwester saß.

Starb den Drogentod: Peaches Geldof.
Starb den Drogentod: Peaches Geldof. | Foto: dpa

Cameron Douglas, Sohn der Hollywood-Ikone Michael, brachten die Drogen für sieben Jahre in den Knast. Jetzt, mit 37 Jahren, ist der Schauspieler wieder auf freiem Fuß und plant angeblich ein Buch: darüber wie hart es für ihn war, die eigene Identität zu finden, als Sohn und Enkel von Hollywood-Ikonen.