FEINE ADRESSE: L’TUR, der europäische Marktführer für Last-Minute-Reisen, residiert bislang am Augustaplatz im Zentrum Baden-Badens (Gebäude in der Mitte). Ein Umzug an die Peripherie wird erwogen – das Unternehmen ist auf Sparkurs.
FEINE ADRESSE: L’TUR, der europäische Marktführer für Last-Minute-Reisen, residiert bislang am Augustaplatz im Zentrum Baden-Badens (Gebäude in der Mitte). Ein Umzug an die Peripherie wird erwogen – das Unternehmen ist auf Sparkurs. | Foto: Hertweck

Baden-Badener auf Sparkurs

Dominanz der TUI’aner bei L’TUR

Für den Baden-Badener Unternehmer Karlheinz Kögel sollte der Erfolg stets von außen sichtbar sein. Der Gründer des Last-Minute-Veranstalters L’TUR („Nix wie weg“) hatte bewusst auf die vornehme Adresse „Augustaplatz“ gesetzt. Damit könnte es künftig vorbei sein: Nach BNN-Informationen will der europäische Marktführer im Last-Minute-Segment – wohl auf Drängen des Mehrheitsgesellschafters TUI – mit seiner Zentrale umziehen. Dabei hat man offenbar sowohl Baden-Baden als auch Rastatt im Blick, jeweils in Bahnhofnähe, wie die BNN aus gut unterrichteten Kreisen erfuhren. Der Augustaplatz sei „zwar schön, aber einfach zu teuer“, laute dabei die Argumentation. Von L’TUR selbst gab es dazu auf BNN-Anfrage zunächst kein Statement.
Bereits im April wurde bekannt, dass sich L’TUR einem „Wachstums- und Strukturprogramm“ unterziehen wolle. Das ist üblicherweise eine Umschreibung, wenn ein Unternehmen Kosten reduzieren möchte. Damit reagiere man auf die allgemeine Buchungszurückhaltung – Hintergrund sind vor allem die Terroranschläge.
Mitarbeiter, die sich noch an generöse Zeiten – samt glanzvollen Firmenfeiern und Betriebsausflügen mit Kögel – erinnern, fürchten nun wohl nicht ohne Grund einen Job-Abbau. Dabei besteht bei einigen die Sorge, dass besonders qualifizierte Mitarbeiter das Unternehmen verlassen könnten.
Gleichwohl steht L’TUR innerhalb der Branche immer noch gut da: Im Geschäftsjahr 2014/15 schrieben die Baden-Badener einen Umsatz von 451 Millionen Euro. Im Vergleichszeitraum davor waren es 442,4 Millionen Euro. Laut „Wirtschaftswoche“ erzielte L’TUR zuletzt eine Umsatzrendite von knapp vier Prozent. Davon träumt die mächtige Mutter TUI.
Die Hannoveraner ließen die Baden-Badener bislang an der langen Leine, zumal die Zahlen stimmten. Doch die Niedersachsen wollen wohl mehr Einfluss in Baden – zumindest interpretieren dies Branchenkenner schon allein aufgrund der jüngsten personellen Veränderungen: Der langjährige L’TUR-Chef und Kögel-Intimus Markus Orth (52) hat seinen Vertrag „aus persönlichen Gründen“ nicht verlängert. Für ihn wurde Marek Andryszak, von der TUI Polen kommend, bestellt. Bereits vergangenes Jahr wechselte Benjamin Weiss als TUI-Mann an die Oos, wo er nun Produktvorstand ist. Nachfolger von L’TUR-Finanzvorstand Kai Klitzke wurde Volkmar Koch. Der war Berater des PwC-Konzerns und weiß, wie man Unternehmen auf Effizienz trimmt.
So wie übrigens auch Sebastian Ebel. Dem TUI-Deutschland-Chef untersteht L’TUR. Er war vor Jahren bereits als Vorstand für das Ressort Controlling des Branchenprimus TUI zuständig. Ebel steht dem Vernehmen nach für einen machtbewussten Führungsstil – daher auch das angebliche interne Kürzel „swd“ für „Sebastian will das“.
Für etliche L’TUR-Mitarbeiter wäre es nach Kenntnis der BNN aufgrund all der Veränderungen keine große Überraschung, falls L’TUR-Gründer Kögel nun auch noch seine verbliebenen 20 Prozent an dem Unternehmen verkaufen sollte und sich auf seine anderen Unternehmen konzentriert.
Wohin die neue Marschroute für L’TUR führt, dürfte ungewiss sein. Denn mehr Effizienz bei den Baden-Badenern ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die Hannoveraner von einer auch weiterhin motivierten Baden-Badener Mannschaft selbst profitieren könnten. Die müssten mit ihrer Flexibilität und ihrer ausgefeilten IT samt Algorithmen durchaus ein Vorbild für den Mutterkonzern sein.
Herausforderungen gibt es dennoch für L’TUR reichlich – nicht nur wegen der aktuellen Türkei-Krise. Denn längst ist der Markt um die Last-Minute-Reisenden hart umkämpft. Expedia, HRS, Trivago, booking, Ab-in-den-Urlaub oder flüge.de heißen einige der Wettbewerber, die teilweise massiv werben. Die beiden letztgenannten Portale sind mit der Firma Unister verzahnt, die Anfang der Woche Insolvenz angemeldet hat (die BNN berichteten).
Die Baden-Badener reagieren auf die Herausforderungen, indem sie neuerdings eine Nur-Flug-Webseite anbieten und mit der Produktlinie L’TUR Budget gezielt jüngere und besonders preissensible Gäste ansprechen. Auch will L’TUR mehr Städtereisen anbieten.
L’TUR hat nach früheren Angaben 214 Mitarbeiter in der Zentrale, 80 im Call Center in Freiburg und über 500 in den Shops. Rechenzentren gibt es im Baden-Badener Stadtteil Oos sowie in Karlsruhe.
Das Unternehmen kauft von über 250 Airlines und Betreibern von 25 000 Hotels Reise-Bausteine ein und baut daraus für L’TUR-Kunden die passenden Pauschalreise-Arrangements. So werden jeden Tag über 200 Millionen Last-Minute-Angebote produziert.