Dylan
How does it feel? Bob Dylan fühlt sich wahrscheinlich geehrt – der 75-jährige Rock-Dichter hat überraschend den wichtigsten Literaturpreis der Welt erhalten. Bislang war er allerdings für keine Stellungnahme zu erreichen. | Foto: dpa

Überraschender Nobelpreis

Dylan: Singender Dichter oder „echter“ Schriftsteller?

In einer Reihe mit Ernest Hemingway, John Steinbeck oder TS Eliot – Bob Dylan bezeichnete sich über die Jahre selbst gerne als „Song- and Dance-Man“, als simplen Sänger, weit entfernt vom Dichterruhm. Und jetzt ist er der einzige Literaturnobelpreisträger außer George Berhard Shaw, der sowohl einen Oscar als auch einen Nobelpreis erhielt.

Dylan hat den „Status einer Ikone“

Die 18 Mitglieder der Stockholmer Akademie überraschten die Weltöffentlichkeit: Der Folk-Rebell als Preisträger. Erstmals bekam kein Schriftsteller im eigentlichen Sinn die begehrte Auszeichnung, sondern jemand, dessen literarische Klasse sich erst im Vortrag vor Publikum vollends offenbart. Der Musiker habe „den Status einer Ikone“, begründete die Nobelpreisjury ihre Wahl. „Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist tiefgreifend.“

Es passt, dass ausgerechnet Dylan als erster Songschreiber überhaupt den Literaturnobelpreis bekommt. 20 Jahre lang wurde er mit schöner Regelmäßigkeit vorgeschlagen. Jetzt traute sich die Jury. Sein Schatten, so hat Bruce Springsteen einmal gesagt, „schwebt über jedem Ort, an dem je große Rockmusik gemacht worden ist.“ Dylan selbst äußerte sich in seiner Karriere unterdessen höchst selten zu solcher Lobhudelei. „Seid Ihr verrückt? Verdammt, die Welt braucht mich nicht, ich bin doch nur 1,70 Meter groß“, blaffte er 1965 einen Journalisten an.

Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein Späßken

An Bob Dylan scheiden sich jedenfalls die Geister wie an kaum einem anderen Popstar des 20. und 21. Jahrhunderts. Die einen nennen ihn den „Shakespeare des Rock & Roll“, andere meinen, er singe wie ein oberägyptischer Ziegenhirte (ohne denen zu nahe treten zu wollen).
Manche munkeln nun, die Wahl Dylans sei ein Kompromiss. Die Akademie habe sich nicht einigen können. Schwedische Journalisten spekulieren, man habe den syrischen Dichter Ali Ahmad Said Esber alias Adonis im Auge gehabt, bei dessen jüngster Veröffentlichung es sich aber um eine polemische Abhandlung über den politischen Islam handelt. Das sei den Mitgliedern zu heiß gewesen, und so habe man sich eben auf den Dauerbrenner Dylan geeinigt. Literaturkritiker Denis Scheck glaubt gar an einen Scherz: „Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein ,Späßken’. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“

Der Alte mit der Krächzstimme

Konnte die Jury diesmal wirklich keinen „echten“ Schriftsteller finden? Jemanden, der höher zu bewerten ist als der kauzige Alte mit der Krächzstimme? Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu zum Beispiel hat überrascht und auch enttäuscht auf die Vergabe des Preises an Bob Dylan reagiert. „Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist“, schrieb Cartarescu bei Facebook. „Aber es tut mir so leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten.“

Was allerdings unbestritten ist: Dylan revolutionierte die Songtexte der amerikanischen und west-europäischen Populärmusik. Nach „Like A Rolling Stone“ , „The Times They Are A-Changin’“ oder „Mr. Tambourine Man“ Mitte der 60er-Jahre war nichts mehr, wie es vorher war. Durch Dylan fingen die Beatles an, ernsthaft zu texten. Pop-Songs wurden erwachsen. Springsteen, U2, Paul Simon und viele andere beziehen sich in ihrem Werk auf den singenden Dichter, der 1965 die Klampfe gegen die E-Gitarre tauschte.

Mehr noch: Dylan verstand es, traditionelle amerikanische Songlyrik in eine moderne Sprache zu übersetzen. Er adaptierte oder tradierte Lieder oder Liedfragmente und ist so nicht nur ein Bewahrer der englischsprachigen Blues- und Folktradition, er rettet diese auch in die Popmusik hinüber. Dylan benutzte für sein eigenes Werk – die „poetischen Neuschöpfungen“, wie es die Akademie formuliert – die hastige Lyrik der Beat-Poets und entlehnte von den französischen Symbolisten wie Artur Rimbaud oder Paul Verlaine.

Eine großartige Wahl

„Er ist ein großartiger Dichter“, sagte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, nach der Bekanntgabe. „Seit 45 Jahren erfindet er sich immer wieder neu.“ Dylan schreibe, um mit seinen Werken aufzutreten, erklärte die Jurorin. Nichts anderes habe der Dichter Homer vor knapp drei Jahrtausenden auch getan. Dylan sei der brillante Erbe der Bardentradition, so der „echte“ Schriftsteller Salman Rushdie. „Eine großartige Wahl.“

 

 

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