Vor allem Väter sollen im Falle einer Scheidung mehr Zeit für das Kind haben.
Vor allem Väter sollen im Falle einer Scheidung mehr Zeit für das Kind haben. | Foto: dpa

Gegen alte Rollenbilder

Ein klares 50:50 für Scheidungseltern

Väter wickeln und knuddeln. Immer häufiger nehmen sie auch Erziehungsurlaub, zumindest für einige Wochen. Und immer mehr Mütter machen ihre eigene Karriere. Das Wort Gleichberechtigung klingt für sie fast schon abgedroschen – doch es gibt ein bitteres Ereignis, das viele moderne Paare wieder in Omas Zeiten zurückwirft: die Scheidung. „Der Gesetzgeber geht immer noch von einem betreuenden Elternteil und einem zahlenden Elternteil aus“, sagt Rüdiger Meyer-Spelbrink. „Da fallen viele Mütter und Väter in die alten Rollenmuster zurück.“ Sprich: Frauen werden zu alleinerziehenden Mamis, Väter zu Wochenend-Papas. Dagegen kämpft der Verein „Väteraufbruch für Kinder“, dessen Bundesgeschäftsführer Meyer-Spelbrink ist. Am Freitag veranstaltet der Verein einen Elternkongress in Karlsruhe zum Thema „Eltern sein – Eltern bleiben“.

Partnerschaftliches Erziehungsmodell auch bei Scheidungseltern

„Wechselmodell“ – dieses Wort wird bei der Tagung häufig fallen. Es steht für ein partnerschaftliches Erziehungsmodell auch nach der Trennung. Dafür, dass ein Scheidungskind mit Papa und Mama weiterhin den Alltag teilt und „Bindung nicht nur am Wochenende lebt“, wie Meyer-Spelbrink es ausdrückt. Im Idealfall sieht das Wechselmodell so aus: Beide Eltern haben eine Wohnung mit komplett ausgestatteten Kinderzimmern und leben in der selben Stadt; Schule und Freunde sind von beiden Elternhäusern aus gut zu erreichen. Die Kinder verbringen jeweils die Hälfte der Zeit bei Mama und Papa – und fühlen sich wohl dabei. Wohlgemerkt: im Idealfall sieht es so aus. „Ob man sich zwei Vierzimmerwohnungen leisten kann, ist eine Geldfrage“, räumt Meyer-Spelbrink ein. „Viele Trennungsstreitigkeiten haben auch mit den finanziellen Rahmenbedingungen zu tun.“ Eines will der Verein nicht: das Wechselmodell anderen aufdrängen. „Man sollte Eltern keine Vorschriften machen, wie sie zu leben haben“, sagt Meyer-Spelbrink – vor allem: „Es gibt nicht die Kinder, für die man pauschal entscheiden kann.“ Das sei ähnlich wie im Streit um Frühbetreuung in Krippen: Manche Krabbelkinder fühlen sich dort pudelwohl, andere brauchen länger die Geborgenheit zuhause. Jede Familie müsse abwägen, welches Modell passt.

Paritätische Erziehung ist in anderen Ländern schon weiter

Zwischen dem 50:50-Modell und mageren Wochenend-Kontakten sind viele Abstufungen denkbar. „Uns geht es darum, das Wechselmodell bekannter zu machen“, sagt Meyer-Spelbrink. Es gehe darum, dass alle Beteiligten begreifen: „Es ist verdammt nochmal die Pflicht, dass beide Eltern sich ums Kind kümmern.“ In Deutschland wachse das Interesse am Modell zwar stark, aber es sei immer noch eine Minderheit der Trennungsfamilien, die es lebt. In Ländern wie Frankreich und Belgien hingegen sei die paritätische Erziehung gesetzlich verankert, der Umgang entspannter. „Parität heißt auch, dass man sich nicht nur die Rosinen rauspicken kann“, betont Meyer-Spelbrink. Es bedeutet, dass Vater und Mutter Kinderbetreuung, Stress zwischen Büroschluss, Kita-Schließzeiten und Abendterminen zu je 50 Prozent abfedern – und die Kosten für Babysitter.
Im Idealfall zumindest. „Frauen können im Wechselmodell auch besser ihren Job vereinbaren und für ihre Rente vorsorgen“, sagt der Sprecher, der selbst alleinerziehender Vater von zwei – heute erwachsenen – Kindern war und weiß, was einseitige Belastungen bedeuten. Er hat die Hoffnung, dass Geschiedene seltener einen „Krieg ums Kind führen“, wenn der Gesetzgeber von Rechten und Pflichten im Verhältnis 50:50 ausginge.
Wie manche Menschen über ihre Ex-Ehepartner herziehen, welche hasserfüllten Schriftstücke manchmal in Sorgerechtsstreitigkeiten aufgesetzt werden, nennt Meyer-Spelbrink „ätzend“. Kinder aus dem Konflikt der Erwachsenen rauszuhalten, müsse oberstes Ziel sein – und die Erkenntnis: „Als Eltern bleibt ihr ein Leben lang zusammen.“

Der eintägige Elternkongress des Vereins „Väteraufbruch für Kinder“ beginnt an diesem Freitag, 15. Juli, um 9 Uhr im Karlsruher Gemeindezentrum St. Hedwig (Königsberger Straße 55). Experten wollen Eltern in unterschiedlichen Familienkonstellationen neue Erkenntnisse aufzeigen. Psychologin Ursula Kodjoe etwa spricht zum Thema: „Trennung. Wie sagen wir es den Kindern?“. Der frühere Familienrichter Jürgen Rudolph referiert über Auswege aus der „Hochstrittigkeit“. Infos und Anmeldung (Kosten für Nichtmitglieder: 65 Euro) im Netz unter elternkongress.vaeteraufbruch.de.