Neue Blickwinkel in der Orangerie: Ein neuer Magritte ziert die Surrealisten-Sammlung
Neue Blickwinkel in der Orangerie: Ein neuer Magritte ziert die Surrealisten-Sammlung | Foto: Onuk

Erster Magritte für Karlsruhe

Ein Smiley mit Quadratschädel?

Magritte bereichert die Moderne-Sammlung der Kunsthalle

Ein Smiley mit Quadratschädel? Jeder Gedanke ist erlaubt beim Anblick eines surrealistischen Kunstwerkes. Es soll verwirren, die Realität nur andeuten, um sie sogleich wieder zu brechen. Ziel der Surrealisten: Traditionelle Normen überwinden, um das Hintergründige, Neue zu wecken. Traumhaftes, Unbewusstes, Absurdes und Phantastisches sind daher auch Merkmale in der Kunst von Surrelisten wie Max Ernst, Joan Miró – oder René Magritte. Der hat in der Moderne-Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe noch gefehlt. Jetzt gibt er uns dort inmitten Gleichgesinnter herrliche Rätsel auf, oder vielmehr sein Gemälde „Le Goût de L’invisible“, das heißt: „Der Geschmack am (oder des) Unsichtbaren“.

Der Preis liegt im siebenstelligen Bereich

Die Staatliche Kunsthalle hat das Gemälde neu erworben. Ermöglicht wurde der hochkarätige Ankauf mit Unterstützung der Museumsstiftung Baden-Württemberg, der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie der Kulturstiftung der Länder. Der Preis liegt laut Kunsthallen-Direktorin im siebenstelligen Bereich. Den Geldgebern war diese Investition wert, präsentiert doch die Moderne-Sammlung der Orangerie damit erstmals ein Werk von René Magritte (1898 bis 1967). Das für den Surrealismus in der Kunst so typisch in seiner Formensprache gebrochene Motiv erweitert die mit Max Ernst, Yves Tanguy und Joan Miró bereits hochrangig besetzte Surrealismus-Sammlung des Hauses um neue Aspekte. „Es ist ein Karlsruher Werk“, war der erste Gedanke von Müller-Tamm, die das wertvolle Werk auf der „Tefaf“ in Maastricht, der
größten Kunst- und Antiquitätenmesse der Welt entdeckte. Und ihren Augen kaum traute. Jenes Gemälde, für dessen Ausstellung sie vor 16 Jahren in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die kuratorischen Vorbereitungen getroffen hatte, stand zum Verkauf.
Die Geldgeber mussten nicht lange überzeugt werden. „Die Kunsthalle Karlsruhe zählt mit ihrer renommierten Sammlung zu den großen deutschen Kunstmuseen“, erklärt Kunststaatssekretärin Petra Olschowski bei der Präsentation am neuen Standort. „Dies ist Ergebnis einer reflektierten und verantwortungsbewussten Ankaufspolitik. Ich freue mich, dass wir das Profil der Kunsthalle Karlsruhe durch den Erwerb des Magritte-Gemäldes weiter schärfen können.“

Glanzvolles Beispiel des Surrealismus in der Kunst

Der neue Blickwinkel in der Orangerie ist in der Tat spannend: Magrittes Gemälde setzt neue Akzente. Umgeben vom „Wald“, der „Windsbraut“ und „Europa nach dem Regen“ von Max Ernst ist das gleichermaßen rätselhafte Bild, und es bereichert die Sammlung um neue Denkanstöße. „Le Goût de L’invisible“ entstand im Jahr 1927 unmittelbar vor Magrittes Umzug von Brüssel nach Paris, also noch bevor der Künstler Anregungen von französischen Surrealisten empfing. Schon früh also entwickelte Magritte seine surrealistische Position. „Le Goût de L’invisible“ ist nicht das Werk eines Pinsel-Virtuosen, der den Betrachter mit ästhetischen Finessen verblüfft. Vielmehr transportiert das Bild seine intellektuelle Haltung. Schon in der Anlage, einer dreigründigen Landschaft, verunklart Magritte die perspektivische Ordnung und platziert in den Bildraum identifizierbare Gegenstände ebenso wie nicht identifizierbare: verfremdete Schlingpflanzen und Wolken sowie zwei flächige weiße, rahmenähnliche Formen mit gezackten Konturen wie aus Papier gerissen. Sie sehen aus wie fragende Augen. Dazwischen liegt ein kontrastierendes, pastoses Konglomerat aus schwarzen, leuchtend roten, blauen und weißen Farbspuren. Der Bildtitel spielt auf das Unsichtbare an, ein wichtiger Aspekt des Surrealismus. Alles ist möglich in diesem Bild. Was genau, das hängt von den Gedanken und Träumen des Betrachters ab.