Einfahrt in die Baden-Badener Partnerstadt: 2 800 Kilometer hat Rudolf Mahlburg auf seiner sechseinhalbwöchigen Reise mit seinem roten Porsche-Traktor von 1963 zurückgelegt.
Einfahrt in die Baden-Badener Partnerstadt: 2 800 Kilometer hat Rudolf Mahlburg auf seiner sechseinhalbwöchigen Reise mit seinem roten Porsche-Traktor von 1963 zurückgelegt. | Foto: Mahlburg

Mit dem Traktor ans Mittelmeer

Ein Sommer der genussvollen Langsamkeit

Die Überholspur ist Rudolf Mahlburgs Terrain nicht. Die Langstrecke, nicht der Sprint, ist seine Disziplin. Das gilt für den Gründer der Initiative „laufend helfen“, der schon zahlreiche Extremläufe absolviert hat und immer wieder Laufveranstaltungen für einen guten Zweck organisiert, selbstredend beim Sport; aber auch wenn der Sinzheimer gerade keine Laufschuhe an den Füßen hat, am Tisch sitzt und erzählt, strahlt er eine große Ruhe aus. Vielleicht ist das eine wichtige Voraussetzung, um läuferische Strapazen zu ertragen, bei 24-Stunden-Läufen oder Mehrtagesrennen durch Deutschland oder auch mal durch die Wüste. Ganz sicher half sie ihm bei seiner jüngsten Unternehmung. Die war zwar eher unsportlich, aber höchst ambitioniert: Mahlburg koppelte einen umgebauten Bauwagen an einen Traktor, schwang sich auf den Fahrersitz und fuhr ans Mittelmeer – eine sechseinhalbwöchige Urlaubsfahrt der besonderen Art.
Rudolf Mahlburg hat damit einen alten Traum gelebt. Die Faszination für die Zugmaschinen wurzelt in der Kindheit. In den Ferien besuchte er oft den Opa auf dessen Bauernhof in der Eifel. „Dort habe ich auch das Traktorfahren gelernt“, schmunzelt Mahlburg. Die innige Beziehung zum Traktor mag später viele Jahre geschlummert haben, dann aber brach sie sich wieder Bahn. 2011 kaufte sich Mahlburg in Winden einen Porsche von 1963 („eigentlich sollte es ein Deutz sein, die Dinger sind aber gesucht“). Heute besitzt er vier Traktoren und einen Unimog: „Ich schraube halt gerne und bin mit Leib und Seele Techniker“, in Bühl hat er sich eine kleine Werkstatt eingerichtet, bei den Schlepperfreunden in Lichtental ist er ebenso aktiv wie in Holzhausen. Die Dieselluft, das Tuckern des Motors, das hat Mahlburg seit dem Premierenkauf schon einige Male auf Reisen genossen, auch mit einem Freund aus Winden, der ebenfalls vom Traktorvirus befallen ist; oft hat Mahlburg diese Touren auch mit Laufveranstaltungen verbunden, etwa als er mit dem Traktor Luxemburg und Belgien erkundete und beim Monschau-Marathon in der Eifel startete.
Seit dem vergangenen Jahr ist er nun im Ruhestand, und das größere Zeitbudget nutzte er. Seine Frau hatte gemeinsam mit der Tochter einen Urlaub in Südfrankreich geplant. 14 Tage am Pool zu liegen, das ist nichts für Rudolf Mahlburg. Er entschied sich für eine große Traktortour, einen Zwischenstopp bei der Familie in Sainte Maxime eingeschlossen: „Ich bin pünktlich angekommen“.
Bei Freistett ging’s über den Rhein, durch das Rheintal nach Süden, vorbei an den großen Städten, Richtung Provence und Camarque, und manchmal diktierte auch seine Laufleidenschaft die Route. So machte Mahlburg einen Abstecher in die Verdon-Schlucht. Dort hatte er 2002 einen Vier-Tages-Lauf bestritten, „und da wollte ich unbedingt noch mal hin“. Am Mittelmeer, wo sich berühmte Ferienorte und Städte wie an einer Perlenschnur aneinanderreihen, führte der Weg Richtung Italien, und natürlich musste in Menton, der Baden-Badener Partnerstadt, fotografiert werden. Über San Remo vorbei ging es Richtung Turin, durch das Aostatal über den Großen St. Bernhard zum Genfer See und über Biel – dort mit mehr als einem Gedanken bei früheren 100-Kilometer-Läufen – durchs Jura Richtung Elsass und schließlich wieder ins heimische Sinzheim. All die Ortsnamen auf einer 2 800 Kilometer langen Tour, sie verraten etwas über eine für einen 53 Jahre alten Traktor anspruchsvolle Strecke (Mahlburg: „Dem Porsche geht’s gut, der war aus erster Hand gekauft“), der Kern der Reise schält sich aber hinter den Namen heraus. Vielleicht war es weniger das „Wohin“ als vielmehr das „Wie“, das in diesen Wochen zählte.

Eine fast schon meditative Art der Fortbewegung

Entschleunigung, ein Sommer der genussvollen Langsamkeit: „Unsere Zeit ist so schnelllebig“, sagt Mahlburg, „alles muss ruckzuck gehen. Auf dem Traktor aber gilt es die Langsamkeit zu akzeptieren“ Für ihn war das wenig überraschend kein Problem, dass es auch für Autofahrer, die hinter dem maximal 20 Stundenkilometer fahrenden Gespann herzuckelten, ebenfalls keines war, überrascht vielleicht. „Ich wurde zu keiner Zeit massiv angegangen oder bedrängt. Viele Autofahrer, die mich überholt haben, reckten den Daumen nach oben. Oft haben sie einen Kilometer später angehalten, um Bilder zu machen.“ Es war eine fast schon meditative Art der Fortbewegung, und schnell fühlte sich Mahlburg als ein Teil der Landschaft. Außer Tanken und Einkaufen gab es keine Pflichten für ihn; das am Morgen ausgesuchte Ziel (meist Campingplätze) zu erreichen, war nebensächlich. „Lass es kommen, wie es kommt, einfach auf den Traktor sitzen und losfahren“, habe er sich gesagt und auf diese Weise seine eigene Vorstellung davon gewonnen, was es bedeuten kann, „wie Gott in Frankreich zu leben“.
Vieles wird Mahlburg in Erinnerung bleiben, die Menschen, die er kennengelernt hat, etwa nachdem er hinter Ventimiglia einen durch einen Erdrutsch blockierten Pass nicht nutzen konnte und ein paar Tage in der Gegend blieb, oder die Fahrt über den Großen St. Bernhard, der nicht nur wegen seiner 2 469 Meter ein Höhepunkt der Reise war: 1 800 bis 1 900 Höhenmeter auf 35 Kilometer schaffte der Traktor in stark sechs Stunden, und oben angekommen gab es einen großartigen, völlig unerwarteten Empfang: „Da haben Autofahrer, die mich unterwegs überholt hatten, flugs etwas organisiert und mich erwartet“. Und immer wieder bemerkte Mahlburg die Faszination, die von einem Traktor wie seinem roten Porsche ausgeht: „Man fährt durch Ortschaften, wird erkannt und sieht gerade den älteren Menschen auch ohne Gespräch an, wie Erinnerungen aufsteigen.“
Und viele Kinder betrachteten den Traktor mit leuchtenden Augen: „Kinder und Traktoren, da muss es ein Geheimnis geben“, sagt Mahlburg. Vielleicht ist es auch heute noch der gleiche Zauber, der sich einst auf dem Bauernhof des Opas seiner selbst bemächtigt hat, ein Zauber, der nun in eine zauberhafte Zeit mündete.