Die Titellok der Kultserie "Eisenbahn-Romantik" im SWR Fernsehen
Die Titellok der Kultserie "Eisenbahn-Romantik" im SWR Fernsehen | Foto: SWR-Pressestelle

Hagen von Ortloff im Interview

Eisenbahn-Romantiker für immer

Die „Eisenbahn-Romantik“ im SWR Fernsehen hat es zum Kultstatus gebracht. Vom 22. bis 24. Juli feiert der Südwestrundfunk (SWR) beim „Sauschwänzlefest“ in Blumberg im Südschwarzwald den 25. Geburtstag der beliebten Sendereihe. Mit Hagen von Ortloff, dem Erfinder, langjährigen Moderator, Autor und Redaktionsleiter der Serie, sprach BNN-Redakteur Bernd Kamleitner.
Vermutlich wollten Sie schon als Kind Lokführer werden?
von Ortloff: Ja! Ich bin Jahrgang 1949 und stamme aus einer Zeit, in der die Eisenbahn noch eine ganz andere Dominanz hatte. Ich bin auch ein DDR-Kind und da war an ein Auto überhaupt nicht zu denken. In Dresden, wo ich bei meiner Oma aufgewachsen bin, hatten wir die öffentlichen Verkehrsmittel und die Eisenbahn mit den Dampflokomotiven. Da war für mich mit fünf Jahren völlig klar: Ich will Dampflokführer werden.

„Mit fünf Jahren wollte ich Dampflokführer werden.“

Aber Sie sind es nicht geworden…
von Ortloff: Das stimmt. Ich hatte später aber sogar einmal eine Erweiterung dieses Berufswunsches und wollte Diplomingenieur für Verkehrswesen werden. Als ich mit elf Jahren in die Bundesrepublik übersiedelte, hatte sich das dann aber auch erledigt. Der Wechsel von einem System ins andere war auch nicht ganz so einfach. Das, was ich dann später geworden bin, war eigentlich mehr oder weniger Zufall – auch beim Thema Eisenbahn.
Was war das für ein Zufall?
von Ortloff: Ich habe in der Kindersendung „Durchblick“ von 1977 bis 1979 einige kurze Eisenbahnfilme gemacht und später in der „Abendschau“ ein paar mehr und längere. Wenn man in einer Redaktion ein Thema mehrfach bearbeitet hat, ist man spätestens nach dem dritten Mal der Experte und alle damit verbundenen Themen landen auf deinem Schreibtisch. So war es bei mir auch.
Wie wurde daraus die Eisenbahn-Romantik?
von Ortloff: Das war einer dieser Zufälle, die mich mein Leben lang irgendwie begleitet haben. Die Sendeleitung des damaligen Süddeutschen Rundfunks suchte 1990 Filme für das Weihnachtsprogramm – auch Pausenfüller. Ich hatte damals schon 30 oder 40 Filme zum Thema Eisenbahn produziert und einige angeboten. Einer war der Kollegin zu lang. Ich sagte ihr, dass man die Filme auf jede Länge kürzen kann. Darauf sie: Danke, Sie hören von mir. Am 7. April 1991 lief dann der erste Film – über die Sauschwänzlebahn. Das waren 25 oder 26 Minuten. Diese Pausenfüller waren dann so erfolgreich, dass wir im dritten Jahr schon zu einer Halbstundensendung mit einem regelmäßigen Sendeplatz wurden.
Und inzwischen gelten Sie als Mr. Eisenbahn-Romantik. Es heißt, Sie hören das nicht gerne. Stimmt das?
von Ortloff: Das kam zum zehnten Geburtstag der Sendung auf. Eisenbahn-Romantik ist zu einer Institution geworden, teilweise hat die Sendung sogar Kult-Charakter und eine unglaubliche Bekanntheit. Inzwischen bezeichne ich mich selber als Eisenbahn-Romantiker. Das ist wie ein kleiner Adelstitel. Den trage ich gerne.
Eine Original-Dampflok haben Sie vermutlich nicht im Garten stehen, aber vielleicht besitzen Sie eine Modelleisenbahn?
von Ortloff: Nach einer Erzählung meiner Mutter war ich zwei Jahre alt, als ich mir in Zwickau, wo wir damals lebten, in einem Spielwarengeschäft aussuchen durfte, was ich möchte. 1951 war die Auswahl sicher nicht riesig. Ich habe mir die kleinste Eisenbahn ausgesucht, die es gab: Eine Lok mit drei oder vier Wagen, die in die Hand eines Zweijährigen passte. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich an dem Abend auch mit der Bahn in der Hand geschlafen habe. Wahrscheinlich entstand die Liebe zur Eisenbahn schon damals. Mit fünf habe ich eine Modelleisenbahn bekommen. Die musste ich allerdings mit 13 verkaufen, aus ökonomischen Gründen. Meine Mutter war schon verwitwet, hatte kein Geld und sagte: Du bist schon ein großer Junge, verkauf’ sie halt.

„Man muss auch mal Enttäuschungen erleben, um das Schöne im Leben genießen zu können.“

Schmerzt das noch heute?
von Ortloff: Nein, es tut mir nicht mehr weh, aber ich habe es noch in Erinnerung. Man muss auch mal Enttäuschungen erlebt haben, um das Schöne im Leben genießen zu können. Später habe ich mir eine solche Eisenbahn auf Auktionen wieder gekauft, mehrfach sogar.
Bevorzugen Sie historische Modelle wie Dampfloks oder haben Sie auch moderne Züge?
von Ortloff: Die Dampfloks sind immer an der ersten Stelle. Natürlich habe ich auch einen ICE, E-Loks und Dieselloks. Seit einigen Jahren habe ich mich allerdings auf eine ganz spezielle Größe verlegt: die Spurweite S, der Maßstab 1:64. Das ist die halbe Größe der Spurweite 1 und etwas kleiner als Spur 0, aber etwas größer als H0, wie sie von Märklin bekannt ist. Diese Größe wurde in Deutschland von der Firma Bub produziert, in der DDR von Stadtilm, war aber kein großer Erfolg, weil nach dem Krieg relativ schnell der Siegeszug der Spurweite H0 begann.
In Baden-Württemberg gibt es viele sehr schöne Museumsbahnen. Befürchten Sie, dass manche den Betrieb einstellen müssen, weil jüngere Ehrenamtliche in den Vereinen fehlen?
von Ortloff: Diese Befürchtung ist berechtigt. Es gibt aber auch Vereine, die auf junge Leute setzen können. Wenn man es schafft, sie zu begeistern und vor allem, sie zu halten, dann haben diese Museumsbahnen eine realistische Überlebenschance.
Welches ist Ihre Lieblingsbahn?
von Ortloff: Am meisten gefällt mir die Bernina-Bahn von St. Moritz nach Tirano in Norditalien. Es begeistert mich, dass dieses Erlebnis in gut zwei Stunden zu erfahren ist. Am besten Ende Februar, Anfang März: In St. Moritz ist noch Winter, auf dem Bernina-Pass in über 2 000 Meter kann der Schnee noch vier Meter hoch liegen, und anderthalb Stunden später und 1 800 Meter tiefer kannst Du in Tirano am Bahnhof im Straßencafé einen Cappuccino trinken und draußen sitzen im Sonnenschein. Zwei Jahreszeiten binnen zwei Stunden erleben – das ist einfach großartig.

„In Karlsruhe habe ich mir einen Bumerang selber an den Kopf geworfen.“

Mr. Eisenbahn-Romantik: Hagen von Ortloff. Foto: Maschke/SWR
Mr. Eisenbahn-Romantik: Hagen von Ortloff. Foto: Maschke/SWR | Foto: Maschke/SWR

Sie haben sicher auch Kurioses erlebt. Wurden Sie vielleicht mal in einem Wagen abgehängt?
von Ortloff: In Sachen Sicherheit ist uns – toi, toi, toi – beim Drehen nie etwas passiert. In Paraguay hatte ich allerdings vor fast 20 Jahren beim Dreh eine Begegnung mit einem Hausschwein. Ich hatte die einzige saubere Hose an und das Schwein hat gesudelt und gebissen. Ich hab’s interviewt und es ist dokumentiert worden. Zwei andere Sachen fallen mir noch ein, die schiefgegangen sind: Als ich bei der „Abendschau“ der Wetterfrosch war, habe ich mal das Wettermobil auf der Autobahn bei Merklingen im Nebel zerlegt. Und bei den World Games, den Spielen der nichtolympischen Sportarten, habe ich es 1989 in Karlsruhe geschafft, einen Bumerang zu werfen, den ich dann selber an den Kopf bekam (lacht).
Sind Sie traurig, dass es bei „Eisenbahn-Romantik“ keinen Moderator mehr gibt?
von Ortloff: Ich glaube, mein Nachfolger hätte es verhältnismäßig schwer gehabt. Derzeit komme ich 15 Mal mit alten Eisenbahn-Romantik-Folgen in der Woche, die neue Sendung kommt am Samstag. Da wäre der Neue nur einmal zu sehen. Das geht einfach nicht. Ich bin sehr, sehr froh, dass die Sendung weitergeht. Ich werde jetzt zwar verabschiedet, aber viele Zuschauer werden das so gar nicht mitbekommen, weil sie mich in der Wiederholungsstrecke von Montag bis Freitag immer mal wieder sehen. Beim Fest in Blumberg sind es meine letzten drei Arbeitstage. Der Eisenbahnszene bleibe ich aber erhalten.
Ein schönes Schlusswort….
von Ortloff: Mein Schlusswort war immer: Einmal Eisenbahn-Romantiker, immer Eisenbahn-Romantiker.