30 Jahre nach dem Atomunglück in Tschernobyl und 23 Jahre nach ihrer Gründung löst sich die Gomelhilfe jetzt auf. Detlef Wagner erinnert an den Verein. | Foto: Gertrud Vögele

30 Jahre nach Tschernobyl

Ende der Gomelhilfe Baden-Baden

Der Verein Gomelhilfe Baden-Baden löst sich auf. Das haben die Vereinsmitglieder bereits im April beschlossen, nachdem sie 23 Jahre lang Kindern aus der 1986 vom Atomunglück in Tschernobyl betroffenen Region einen Aufenthalt zur Erholung in der Kurstadt ermöglicht haben – zuletzt im Juni: 13 Kinder aus Weißrussland und ihre Betreuer waren für zwei Wochen zu Gast bei Familien in Baden-Baden.
Letztendlich hätten mehrere Gründe zu der Vereinsauflösung geführt, erklärt der Vereinsvorsitzende Detlef Wagner. Finanzielle vor allem.

Es sei zunehmend schwieriger geworden, Sponsoren zu gewinnen. Aber auch, dass sich immer weniger Gastfamilien gefunden hätten, um weiterhin Kinder aufzunehmen und nicht zuletzt, dass auch er selbst langsam ans Aufhören gedacht habe, sagt der 74-Jährige. Der Verwaltungsaufwand habe ihn doch sehr in Anspruch genommen, ein Nachfolger habe sich nicht gefunden. Darüber hinaus sei die Partnerschule Nr. 35 in Gomel, also die Partnerschule des Baden-Badener Richard-Wagner-Gymnasiums (RWG) schon im Herbst 2015 geschlossen worden.
Im Jahr 1992 habe die Stadt erstmals 50 Kinder aus Weißrussland nach Baden-Baden ins Else-Stolz Heim geholt. Einige nicht so glücklich verlaufene Kinderaktionen hätten bei der Stadt zu der Erkenntnis geführt, dass sich die städtischen Schulen, mit ihren pädagogischen Erfahrungen und potenziellen Gastgeberfamilien stärker einbringen könnten. Daraufhin habe die damalige Schulleiterin des RWG, Elfriede Kramer, zusammen mit ihren Kollegen der Robert-Schuman-Schule (RSS) und des Markgraf-Ludwig-Gymnasiums (MLG) die Initiative ergriffen und den Verein Gomelhilfe gegründet. Kramer übernahm den Vereinsvorsitz, Ewald Beile von der RSS wurde stellvertretender Vorsitzender. Etwa 40 Mitglieder seien dem Verein beigetreten, die Mitgliederzahl sei in den gesamten 23 Jahren quasi konstant geblieben, erzählt Wagner, selbst ehemaliger Lehrer am RWG. Neuzugänge habe es über die Jahre kaum gegeben.

Mit großer Unterstützung der ehemaligen Landtagsabgeordneten Ursula Lazarus sei die eingangs erwähnte Schule Nr. 53 in Gomel Partnerschule des RWG geworden, mit der der Verein fortan intensiv zusammen gearbeitet habe, so Wagner.

Kinder in Sommerferien

Bereits ein Jahr nach der Vereinsgründung seien 50 Kinder aus Gomel für drei Wochen in den Sommerferien zu Gastfamilien nach Baden-Baden gekommen. Jahre mit regelmäßigen Kindererholungen im Sommer und etliche Hilfsaktionen für die Bewohner der kritischen Zonen seien gefolgt, die Erfahrungen seien – auch durch regelmäßige Gegenbesuche in Gomel – gewachsen, berichtet Wagner. Er habe im Jahr 2008 den Vereinsvorsitz von Alexander Schäfer übernommen, erinnert der ehemalige Studiendirektor. Bereits damals habe es erste und zunehmende Schwierigkeiten bei der Durchführung der Kindererholungen gegeben. Er habe die Gründe dafür erforscht und als Konsequenz die Aufenthalte der Kinder von drei auf zwei Wochen verkürzt. „Eine davon verbrachten die Kinder in der Jugendherberge in Baden-Baden.“

„Es gab auch Schikanen“

Als weitere Aspekte nennt Wagner schließlich noch die vielseitigen Schikanen sowohl des weißrussischen Staats als auch der Deutschen Botschaft in Minsk, die derartige Kindererholungen im fernen Ausland einschränken wollten und die zeitliche Entfernung zu der Naturkatastrophe in Tschernobyl. Viele Eltern der kleineren Schüler hätten keine persönlichen Erinnerungen an die Katastrophe. In diesem Jahr seien die Kinder und ihre Betreuer noch einmal komplett für zwei Wochen in Gastfamilien untergekommen, darunter auch viele Gastgeber aus dem russischen Sprachraum, erzählt Wagner. Die formelle Vereinsauflösung sei im September.

Autorin: Gertrud Vögele