Volksliedersingen mit Johann Beichel
Das Bruchsaler Volksliedersingen mit Johann Beichel (rechts) ist jedes Jahr ein großer Erfolg. | Foto: Martin Heintzen (Archiv)

Bruchsaler Projekt ist beliebt

Es tönen die Volkslieder

Erstaunlich, wie viele man doch noch kennt und auch sofort mitsingen kann: „Der Mond ist aufgegangen“ etwa oder „Die Gedanken sind frei“. Unvergessen auch „Hoch auf dem gelben Wagen“, das der jetzt verstorbene Bundespräsident Walter Scheel einst intonierte. Doch auch aus heutiger Sicht diskriminierende Texte wie „Negeraufstand ist in Kuba“ kennt so mancher Erwachsene noch aus seiner Kindheit. Sehr beliebt ist in Bruchsal seit Jahren das Volksliedersingen mit Johann Beichel, das in diesem Jahr zum siebten Mal vom Muks-Förderverein in Verbindung mit dem Kulturamt der Stadt Bruchsal, unterstützt vom Rotary Club Bruchsal-Schönborn veranstaltet wird.

„Die Leute fragen mich schon nach der Nummer acht“, sagt Johann Beichel. Doch er ist hin- und hergerissen, ob er im nächsten Jahr noch weitermachen soll: „Die Lieder wiederholen sich, mir geht langsam der Stoff aus.“ Zudem bewege sich das Phänomen Volkslieder irgendwo zwischen Kitsch und Ernsthaftigkeit. Trotzdem hat Beichel am Morgen vor dem Treffen in der Redaktion schon mal eine kleine Weise für Bruchsal komponiert, die er spontan vorsingt. „Für einen Profimusiker sind Volkslieder relativ schlicht, aber den Leuten gefällt’s“, so der promovierte Musikpädagoge. Jedoch erfreuten sich längst nicht alle Volkslieder derselben Beliebtheit. „Das Badnerlied singen alle aus vollem Herzen mit“, erzählt Beichel. Lieder aus anderen Gegenden, etwa holsteinische oder schwäbische, fänden wenig Anklang bei Bruchsaler Sängern.

Altmodischer Kitsch oder wertvolles Kulturgut?

Was ihn an der Volkslied-Euphorie ein Wenig stört, ist die unkritische Beschäftigung mit Texten, die diskriminierende Inhalte transportieren. Gegen Schwabenwitze etwa habe hierzulande meist niemand etwas – Beichel aber sagt: „Das ist Hetze.“
Lange haftete Volksliedern ein latent reaktionärer Ruch an – die Nazis hatten deutsches Liedgut für ihre Zwecke missbraucht. Doch im 18. und 19. Jahrhundert standen viele Volkslieder für den Freiheitsgedanken in der Zeit des Absolutismus, wie der Bruchsaler Kulturamtsleiter Thomas Adam erklärt: „Eines der bekanntesten Beispiele ist ,Auf einem Baum ein Kuckuck saß‘ – der Kuckuck steht für Freiheit und Widerstand, der Jäger verkörpert den absolutistischen Herrscher“, so Adam. „Andere bekannte Volkslieder stammen im Original aus ganz Europa, werden in Deutschland in Übersetzung gesungen und sind ein Stück positives gemeinsames und grenzüberschreitendes Kulturerbe.“

Volkslieder auch bei jüngeren wieder beliebt

Die Stadt unterstütze Beichels Projekt auch deshalb sehr gerne, weil das Singen einen gemeinschaftlichen und generationenübergreifenden Charakter habe, sagt Thomas Adam. Chorsingen habe allgemein im Raum Bruchsal einen nach wie vor hohen Stellenwert. „Das zeigt unter anderem der Blick auf den Chorverband Bruchsal, dem 43 Vereine mit fast 80 Chören und über 10 000 Mitgliedern angehören, davon 3 750 Aktive“, so Adam.

Ein Klassiker der Volkslieder-Literatur: „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim und Clemens Brentano aus dem Jahre 1808.
Ein Klassiker der Volkslieder-Literatur: „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim und Clemens Brentano aus dem Jahre 1808. | Foto: Karin Stenftenagel

„Die Leute wissen gar nicht mehr, was für ein wertvolles Kulturgut Volkslieder sind“, meint der Bruchsaler Buchhändler Günter Majewski, der in seinem Antiquariat einen kleinen Volkslied-Schatz sein Eigen nennt: Alle drei Bände des Liedbuchklassikers „Des Knaben Wunderhorn“ von Achim von Arnim und Clemens Brentano aus dem Jahre 1808. Nach Volksliederbüchern fragten seine Kunden kaum, sagt Majewski. Allerdings würden zur Geburt gerne Kinderbücher mit Wiegenliedern verschenkt.
Dazu passt, dass beim Volksliedersingen mit Johann Beichel keineswegs nur Senioren mitsingen: „Junge Mütter legen heute großen Wert darauf, dass ihre Kinder etwas davon zu hören bekommen“, so der Musikprofessor. Das Volksliedersingen sei ein positives und sehr erfolgreiches Projekt: „Den Leuten macht es sehr viel Spaß.“ 300 bis 400 Sänger aus Bruchsal und den umliegenden Gemeinden machen jedes Jahr mit, etwa zwei Drittel Frauen.

Als Volkslied bezeichnet man ein Lied, das in einer bestimmten sozialen Gruppe und durch eben diese verbreitet wird. Volkslieder zeichnen sich durch gemeinsame Sprache, Kultur und Traditionen aus. Es werden Themen rund um alltägliche Situationen, Begebenheiten und Stimmungen des täglichen Lebens besungen. Volkslieder handeln von Freude, Liebe und Tod, von Reise, Abschied und Sehnsucht und von Heimat. Es gibt zahlreiche Gattungen, etwa das Arbeits-, Trink-, Wander- oder Wiegenlied. Nicht gemeint sind damit Stücke aus der so genannten volkstümlichen Musik, zum Beispiel populäre Schlager von Heino oder Helene Fischer.
Ein Online-Archiv mit 10 000 Volksliedern und zugehörigen Noten bietet der Müller-Lüdenscheidt-Verlag unter www.volksliederarchiv.de.

 

Interessant findet Beichel, dass einige der bekannteren Stücke – geformt durch den Volksmund – in mehreren Variationen existieren. Im Badischen zum Beispiel würden öfter mal Liedzeilen wiederholt, und auch die Originalmelodien seien in den „Brusler“ Varianten oft abgewandelt. Beichels eigene Brusler Volksliedkomposition wird übrigens im November im Bürgerzentrum auch zu hören sein.

Konzert
Das 7. Volksliedersingen findet am Sonntag, 13. November, um 19 Uhr im Bürgerzentrum Bruchsal statt. Der Eintritt ist frei, Spenden willkommen.

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