Durch Grammys geadelt: Gleich zwei der begehrten Preise heimste Harold Faltermeyer für Filmmusik ein.
Durch Grammys geadelt: Gleich zwei der begehrten Preise heimste Harold Faltermeyer für Filmmusik ein.

Der Musiker Harold Faltermeyer

Meister des Synthie-Pops

Dahoam is dahoam. Der Mann mit den abgewetzten Lederhosen und dem beigefarbenen Strohhut muss nicht lange überlegen, wo seine Heimat liegt: natürlich in Bayern, wo die Erde nach Kindheit und Geborgenheit riecht. Nach Vaterstetten, keine halbe Stunde Fahrt von der Münchner Innenstadt entfernt, flüchtet der 63-Jährige, wenn ihm der Rhythmus des Lebens in den USA zu schnell wird, wenn er Empfängen und Premieren überdrüssig ist. Klar: Nach etlichen Jahren im „gelobten Land“, nach ungeheuren Erfolgen in Hollywoods Traumfabrik, ist der Musiker, Komponist und Arrangeur auch irgendwie im Land jenseits des großen Teiches Zuhause – weshalb in seinen urbayerischen Dialekt immer wieder englische Wörter einfließen. Doch Heimat ist und bleibt für den gebürtigen Münchner der sechs Hektar große Tannenhof im Ortsteil Baldham, wo er schon als kleiner Knirps mit seinem Bruder Ralf rumtollte. Heute heißt das staatliche Anwesen mit etlichen Häusern, einem Tennisplatz und einer kleinen Brauerei schlicht „Faltydorf“, und die Baldhamer haben sich längst daran gewohnt, dass gelegentlich prominente Besucher nach dem Weg zu den Faltermeyers fragen. „Schuld“ ist das Tonstudio im Keller, wo sich seit über 20 Jahren die originellsten Typen die Türklinke in die Hand geben: Jennifer Rush war da, mit knielangem schwarzen Ledermantel und rosafarbener John Lennon-Brille; Sally Oldfield, die sich mit Elfen im moosbewachsenen Wald unterhielt, und natürlich die Pet Shop Boys, die für ihr Album „Behaviour“ jenen Mann wollten, der von einem Magazin mal als „König des Synthie- Pops der 80er-Jahren“ bezeichnet wurde: Harold Faltermeyer. Der zweifache Grammy-Preisträger, der seit 1987 Oscar-Jurymitglied ist, denkt nicht ans Aufhören. Sein neuestes musikalisches Projekt, das Musical „Oktoberfest“, feierte gerade in Los Angeles Premiere.
Es ist schon eine Krux mit dem Ruhm: Das Studioalbum der Pet Shop Boys, mit Gold und Platin dekoriert, gilt als eines ihrer besten, doch der Mann, der es produzierte, dürfte vielen Fans gar nicht bekannt sein. Dabei hat der Bayer, der in erster Linie als Produzent von Filmmusik in Erscheinung getreten war, irre Hits abgeliefert, richtige Chartsstürmer, Instrumentals, die sich in die Gehörgänge eingeschlichen haben und dort für den Rest des Lebens verharren. Wer weiß schon, dass die Titelmelodie von „Wetten, dass..?“ aus seiner Feder stammt? Dass er Donna Summer, die „Queen of Disco“, lustvoll stöhnen ließ und er die Hollywood-Legende Jerry Bruckheimer in Begeisterungsstürme versetzte, weil er ihm für das sehr patriotische Actionspektakel „Top Gun“ einen Soundtrack Marke Rock‘n‘Roll am Himmel komponierte? Faltermeyer, der den USA den Rücken kehrte, weil er ohne seine bayerischen Wurzeln nicht leben kann, ist ein Tausendsassa, der das Scheinwerferlicht nicht wirklich braucht. Für die Band Bayernpower mutierte er zum Rapper; mit Motorradfan Wolfgang Fierek wagte er sich an „Sweet Home Bavaria“, den perfekten Soundtrack für endlose Autobahnfahrten, und daneben fand er noch Zeit, eine historische Almhütte Balken für Balken abzutragen und sie anschließend im „Faltydorf“ wieder aufzubauen. „Das war wie Lego für Erwachsene“, erinnert sich der 63-Jährige, der gerade ein Buch über sein Leben zwischen Vaterstetten und Hollywood geschrieben hat (siehe Extratipp).
Manchmal ist er selbst erstaunt, wie unbeschadet, ja gleichsam alterslos sein größter Hit die Zeit überstanden hat: „Axel F“, die instrumentale Titelmelodie für den Film „Beverly Hills Cop“ mit Eddy Murphy in der Hauptrolle, kann getrost als eine der Synthesizer-Hymnen der frühen 80er–Jahre bezeichnet werden und ist noch immer präsent. Vielleicht nicht Faltermeyers Original, aber eine der vielen Coverversionen bestimmt. Jede Generation bastelte sich ihre eigene Fassung, und bis heute gehört die eingängige Melodie zum Pflichtprogramm von DJs weltweit. Eine Variante war für den Komponisten zunächst eher irritierend – die Interpretation von „Crazy Frog“, der Animationsfigur aus der Werbung. Die temporeiche Nummer war so erfolgreich, dass sie selbst Coldplays Single „Speed of Sound“ im Verkauf überholte; und irgendwo auf der Welt dürfte sie noch immer als nerviger Handy-Sound ertönen: Es wird geschätzt, dass das Unternehmen allein mit diesem Klingelton 15 Millionen Euro Gewinn erzielt hat.

VIELBESCHÄFTIGTER MANN: Harold Faltermeyer arbeitete auch für Udo Jürgens. | Foto: Foto: Faltermeyer

Ein Leben für die Musik: Für Faltermeyer, der seinen Vornamen seinem amerikanischen Patenonkel verdankt, zeichnet sich dieser Weg bereits in der Kindheit ab. „Ihr Kind ist mit einer Gottesgabe gesegnet. Der Junge hat das absolute Gehör“ lässt ein angesehener Musikprofessor Vater Hugo wissen, und der tut alles, um das musikalische Talent des Sohnemanns zu fördern. Er managt die erste Band seiner beiden Söhne, kutschiert „The Four Juniors“ zu ihren Auftritten und richtet die legendäre Party-Location der Familie als Übungskeller für die „jüngste Beatband Deutschlands“ her, zu der auch Stefan Zauner, der spätere Sänger der „Münchner Freiheit“, gehört. Mit dem Abitur wird es zwar nichts, die Münchner Musikhochschule nimmt Harold dennoch auf. Als 20-Jähriger gründet er zusammen mit Konstantin Wecker das Munich Pop Jazz Quintett, absolviert nebenbei eine Lehre als Toningenieur und folgt schließlich dem Ruf von Giorgio Moroder zu den Musicland Studios, wo weltberühmte Rockbands ihre Alben aufnehmen. Der Südtiroler ist es auch, der Faltermeyer mit Donna Summer bekannt macht. 1978 lässt sie den Synthesizer-Fan nach Los Angeles einfliegen, weil sie einen Arrangeur und Keyboarder braucht. Faltermeyer erinnert sich noch gut an jene Jahre, als Alben wie „Bad Girls“ zu Megasellern wurden. „Morgens wurden palettenweise Platten in den Tower Records Laden an der Ecke geschleppt, abends waren alle weg“, so der begeisterte Hobbyflieger, der schon früh den Lifestyle eines Rentners pflegt: mit Jagen, Fischen, Golf und Skitouren.

Richtig in Fahrt kommt die Karriere mit Jerry Bruckheimer und dem Soundtrack zu „Beverly Hills Cop“. Funkiger Rhythm and Blues soll es sein, reduzierte, aber druckvolle Beats, eingängige Melodien, nur kein Gesülze. „Axel F“ wird komplett ohne Musiker eingespielt, für die Studio-Bosse ein absolutes Unding, schließlich sitzt Ihnen die mächtige Musikergewerkschaft im Nacken. Die Lösung des Problems: Kurzerhand werden organisierte Musiker verpflichtet, die tagelang vor dem Studio sitzen und keine einzige Note spielen dürfen. „Die waren brennend interessiert, was der Typ aus ‘Good old Germany´ am Mischpult macht, um sie zu ersetzen“, so Faltermeyer, für den „Axel F“ zur musikalischen Visitenkarte wird. Ein Jahr später folgt die Filmmusik zu „Top Gun“, für die es neunmal Platin gibt.
Der Erfolgsmensch hat gelernt, auch vermeintliche Niederlagen einzustecken. Eine brachte ihm ausgerechnet Glenn Frey, der Mitbegründer der Eagles, bei. Weil die Single „The Heat Is On“, geschrieben von Faltermeyer und Keith Forsey, ein solcher Chartsstürmer war, sollte der Interpret kalifornischen Wohlgefühls auch beim Soundtrack von „Beverly Hills Cop II“ mit von der Partie sein. „Doch im Aufnahmestudie benahm sich Glenn merkwürdig und zierte sich“, erzählt der Komponist. Irgendwann war der Star von der Bildfläche verschwunden. Über Freunde erfuhr Faltermeyer, dass Frey den Song „Shakedown“ einfach nicht mochte. Stattdessen durfte Bob Seger ran, der mit dem Song die Pole-Position der Charts erreichte. „Glenn Frey hat niemals ein Wort über den Titel verloren“, so der Herr der Filmhits.

EIN BAYER DURCH UND DURCH: Harold Faltermeyer mit Lebensgefährtin Birgitt Wolff beim Weisswürste kochen.
EIN BAYER DURCH UND DURCH: Harold Faltermeyer mit Lebensgefährtin Birgitt Wolff beim Weisswürste kochen. | Foto: Foto: Agentur Schneider-Press / Erwin Schneider

Bei aller Dankbarkeit gegenüber der Traumfabrik: „Für jemanden wie mich aus der Alten Welt, war Hollywoods Way of Life nie eine Option“, betont der 63-Jährige. Als die Kinder kamen, kehrte der Künstler in sein Faltydorf zurück. Der Musik ist er treu geblieben, auch wenn das Komponieren zu einer fürchterlich einsamen Angelegenheit geworden sei. „Früher hast du dich im Studio mit den Musikern ausgetauscht, heute arbeitest du am Computer mit den einzelnen Versatzstücken.“ Als Faltermeyer für die Titelmelodie zu einem Dieter–Wedel-Film einige Bandoneon-Akkorde brauchte, kontaktierte er einen Musiker in Argentinien. „Der schickte das Ganze per File und die Rechnung zur Begleichung per Kreditkarte gleich mit.“