In The Summertime: Mungo Jerry in Aktion
In The Summertime: Mungo Jerry in Aktion | Foto: Hypertension

Mungo Jerry

Der Sommerhit-Mogul

Der Brite im Allgemeinen spricht selten deutsch. Bitteschön, dankeschön, guten Tag. Das war’s dann meist auch schon. Ein Manko, das sich nun nach dem Brexit-Votum bitter rächen könnte. Dann nämlich, wenn EU-kompatible fluchtwillige UK-Insulaner demnächst in Deutschland um „Asyl“ bitten. Wie wir wissen, sind Sprachkenntnisse nämlich die halbe Miete beim Begehr um Aufnahme und Integration. Weiß der Teufel, wie er’s gemacht hat, aber Ray „In The Summertime“ Dorset, Schöpfer des größten Sommerhits aller Zeiten (30 Mio. verkaufte Platten) und besser bekannt unter seinem Künstlernamen Mungo Jerry, konnte unbehelligt zehn Jahre (bis 2010) in Deutschlands obskurster Stadt Bielefeld leben und arbeiten, ohne auch nur halbwegs des gesprochenen Deutschwortes mächtig zu sein. Er ist zwar mit einer Deutschen verheiratet, hat auch zwei Söhne, die perfekt german speaken, aber er selbst, gibt er unumwunden zu, tut sich schwer mit der Zunge der Germanen. „Ich kenne viele Wörter im Deutschen“, erklärt der sympathische Wuschelkopf, dessen einziger deutscher Begriff im Interview „Handy“ ist (im Englischen heißt das Handy gleichwohl „mobile“!), „aber ich kann sie nicht richtig aussprechen. Nicht mal meine Jungs reden deutsch mit mir“, klagt er. Und lacht dabei. Ein Scherz also? Schon möglich. But: so what! Mungo Jerry, wie Ray von allen Nichtfamilienmitgliedern, also mindestens 30 Millionen Menschen, die seinen Überhit seit dessen Erstveröffentlichung 1970 kauften, der Einfachheit halber genannt wird, spricht seit über 50 Jahren die Sprache, die jeder versteht. Und die heißt: Rock ‘n’ Roll.

Man mag es kaum glauben, der Brite mit dem Tsch-Tsch-Tsch-Gute-Laune-Hit blickt auf eine Karriere zurück, die grandioser ist, als es für die meisten den Anschein hat. 1970 war’s, die Band hatte sich gerade nach einer Katze aus T. S. Eliots „Book of Practical Cats“ in Mungo Jerry umbenannt und mit ihrer ersten EP „In The Summertime“ einen Spontanvolltreffer gelandet, da wurde sie auch schon zum Hollywood Music Festival in Newcastle-under-Lynne eingeladen, wo sie noch vor Black Sabbath, Grateful Dead, Traffic und Family zum absoluten Publikumsliebling gewählt wurde. „Mungomania“ war ausgebrochen. Kein Halten mehr rund um den Globus! Und es sollte noch besser kommen für die Skiffle-Blueser, die bisweilen sogar ohne Drummer spielten: 1971 bescheinigte ihnen der renommierte „Melody Maker“ einen Platz unter den fünf Top-Livebands der Welt, womit sie sich in bester Gesellschaft mit den Rolling Stones und The Who befanden. Mungo Jerry rockten auch auf einer Bühne neben Jimi Hendrix auf Fehmarn, wo der seinen finalen Gig hatte. Man könnte jetzt noch viele Zeilen lang von den großartigen Erfolgen dieser famosen Band mit dem prägnanten Namen schreiben. Doch wozu. Diese Arbeit erledigt Ray Dorset auf seine eigene Weise. Mit einem neuen Doppelalbum, dessen Titel einem Wink mit dem Zaunpfahl gleichkommt „Rewind“ heißt das Teil. Also: zurückspulen bitte! Wie es sich für eine Werkschau gehört, feiern Evergreens wie der unverwüstliche und ewig aktuelle Cabrio-Klassiker mit dem Sommer-Feeling oder andere Earcatcher wie „Wild Love“ und „Alright Alright Alright“ hitzig-flippige bis relaxt-fröhlliche Urständ’; aber auf Silberling Nummer zwei nimmt Mister Mungo den Hörer dann schließlich mit auf eine Reise in noch fernere Zeiten als die Siebziger Jahre, in eine Zeit also, als Rock ‘n’ Roll begann, eine Lebensphilosophie zu werden. „Ich wollte Songs spielen und aufnehmen, die meine Gefühlte der Prä-Mungo-Jerry Ära spiegeln und den Geist meiner Jahre in den psychedelisch umwaberten Rock- und Blues-Klubs wie dem Roundhouse oder Electric Garden atmen.“ Was dem krausköpfigen Siebziger mit der markanten Zahnlücke ziemlich prächtig gelungen ist, abgesehen vielleicht von dem nicht weit von Tom Waits’ Stamm gefallenen „The Old Apple Tree“, das der schnulzigen Walzertaktung leider auffällig wenig Kantiges entgegenzusetzen hat. Ansonsten aber zieht der alte Kauz souverän alle musikalischen Register, von beseeltem Goodtime-Rock’n’Roll in der Tradition von. Gott-hab-ihn-selig Gene Vincent („I Only Had A Dollar“) über die wummernde Soul-Funknummer „Rhythm Is A Healer“ und das in Stones-Manier vorgetragene Statement „I’ll Be a Hippy ‘til I Die“ bis zur Reminiszenz an die Doors mit dem Hammondorgel-Furiosum „Touch The Sky“.

Im eigenen Studio
Im eigenen Studio | Foto: dpa

Aber keine Angst, der Typ ist trotz allem kein Gestriger. „Ich kann kaum glauben, dass ich 70 bin, denn mental fühle ich mich wie ein Teenager. Immer neugierig“, sagt der junge Oldie, dem freilich manches Zeitgeistige auf den alten Sack geht. Das dauernde Rumhängen am Handy zum Beispiel , „sogar im Restaurant liegen die Dinger immer auf dem Tisch. Die Menschen heute haben wohl ihre sozialen Fähigkeiten verloren.“ Abgesehen von diesem (verständlichen) Aufreger bleibt Mungo Jerry aber immer schön cool.
Übrigens: Wenn’s das bereits jetzt bröselnde Königreich im Brexit-Strudel ganz dolle erwischen sollte, Deutschland würde Mister Mungo Jerry sicher mit Kusshand zurücknehmen. Denn Typen wie ihn kann man immer gebrauchen. Dann wäre er sicher auch öfter und schneller mal für seine stets umjubelten Live-Auftritte verfügbar. Rentnerambitionen scheint er ja nicht gerade zu hegen, trotz der 70 Jahre auf dem Buckel. Immerhin bräuchte er auf seine alten Tage nicht einmal mehr unbedingt deutsche Aussprache pauken. Schließlich leben hier genug „Englishspeaker“, um sich über die Hand-und-Fuß-Methode hinaus zu verständigen. Außerdem gibt’s ja, wie erwähnt, den Rock ‘n’ Roll.
Einen kleinen, wenn auch nicht unbedeutenden Haken könnte es da freilich noch geben. Seit er vor über 40 Jahren das erste Mal in Deutschland war, ist Ray eingefleischter Imbiss Fan: „Das ist was typisch Deutsches. Aber leider werden die guten Imbisse immer weniger.“ Na ja. Zur Not muss er dann halt statt am Büdchen bei Muttern Zuhause essen. „Meine Frau macht sehr gute Frikadellen“, sagt er. Was sich bei ihm ein bisschen wie „Freakadellen“ anhört. Was ja irgendwie auch passt.

Live:

6. 8., Spalt (Bayern)

www.liederamsee.de

27.8., Vaduz/Liechtenstein
www.bandsintown.com
www.mungojerry.com