"König von Deutschland": Rio Reiser.
"König von Deutschland": Rio Reiser. | Foto: Gert Möbius

Vor 20 Jahren starb Rio Reiser

Der schwule König von Deutschland

Rio ist tot, es lebe Rio! Während in der Metropole am Zuckerhut die olympischen Lichter allmählich dem großen Finale entgegenflackern, wird heute im Land der Rockdichter und Denker einer seiner Lichtgestalten gedacht: Rio Reiser. Er, der gerne König von Deutschland gewesen wäre, um dann die Lottozahlen eine Woche vorher zu verkünden und, besser noch, jeden Tag im Jahr Geburtstag zu haben, er durfte sein Wiegenfest in Wirklichkeit nur ganze 46-Mal feiern. Denn der Tod ereilte Ralph Christian Möbius, wie Rio Reiser laut Familienstammbuch hieß, am 20. August 1996 unerwartet (und) früh. Zu früh, wie nicht nur seine Fans feststellen, wenn mal wieder eins seiner Lieder für erfrischende Abwechslung im Formatradio sorgt oder auf einer Party die Boxen vor lauter good vibrations wackeln lässt.
Ein König war Rio ohne Frage. Ein König der Herzen. Gerne auch eine Königin (aus seiner Homosexualität hat er nie einen Hehl gemacht). Er hätte eine Krone verdient gehabt. Wobei er sie sicher mit einem Augenzwinkern auf dem Haupt getragen hätte; eitel war er wohl eher nicht. Dafür aber auch Bürgerschreck, ein bisschen Iggy Pop für uns Deutsche. Nur nicht so robust wie der US-Punk-Pate, dessen Schmerzgrenze anderer Natur war. Rio Reiser war ein Querdenker, ein Aufmüpfiger, aber auch eine emotionale Haut von bedingungsloser Ehrlichkeit. Einer, der mit der linken Hausbesetzerszene sympathisierte und seine Sexualität offen lebte. Nicht weil es chic war, sondern aus Überzeugung. Einer, der vor allem „denen da oben“ vor den Koffer schiss („Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für niemand“). Einer, der sich nicht verbiegen ließ. Auch wenn das einige Weggefährten anders sahen, die ihm insbesondere wegen seines Deals mit der Plattenindustrie Mitte der Achtziger, den „Ideal“-Frau Annette Humpe eingefädelt hatte, Verrat vorwarfen. Was aber genau genommen nicht stimmte, denn Rios auf Mainstream gebürsteten Lieder wie „König von Deutschland“ oder „Junimond“ hatte er schon Jahre zuvor mit seiner Hauskapelle Ton Steine Scherben auf dem Zettel. Außerdem konnte er eigentlich gar nicht anders, stand er doch finanziell buchstäblich vor einem Scherbenhaufen, nachdem sich die Agitprop-Band im März 1985 aufgelöst hatte: von 300 000, mal gar von 500 000 Mark Schulden war die Rede, auf denen man nach einer groß angelegten Tour mit viel zu geringen Eintrittsgeldern sitzen geblieben war. Rio kommentierte das Geunke aus den ideologisch verbohrten Reihen lapidar: „Es gibt Schlimmeres als eine Kunsthure zu sein“. Einen Schuldenberg vor sich herzuschieben und auf keinen grünen Zweig mehr zu kommen, beispielsweise. Jedenfalls waren die Miesen, nachdem der „König von Deutschland“ mit „Junimond“ und „Alles Lüge“ im Schlepptau Einzug in die Hitlisten gehalten hatte, flugs abgetragen. Ohnehin sah sich Rio Reiser selbst bewusst populär und dennoch engagiert, als „Volkssänger“ im besten Sinne, wenn man so will. Dass das ganz nach dem Gusto der „mündigen Bürger“ geraten war, zeigte sich schließlich bei seinem umjubelten Auftritt beim 5. Anti-WAAhnsinns-Festival am 27. Juli 1986 vor mehr als 100 000 Fans, das er künstlerisch gemeinsam mit Kollegen wie Herwig Mitteregger und den Toten Hosen stemmte. Ein Glanzlicht seiner Solokarriere.
Dass der Revoluzzer, Verbalrädelsführer und Künstler mit seinen kantigen und gleichzeitig anschmiegsamen Liedern dem deutschen Michel überzeugend vorführte, wo die Krone ihre Zacken hat, dazu trug übrigens auch eine gewisse Claudia Roth, heute Bundestagsvizepräsidentin, ihr Scherflein bei. Die „Quasselmotte“ aus dem damaligen Ökolager und Hausbesetzer-Dunstkreis hatte bereits die Scherben gemanagt, nun stachelte sie Rio zum Abenteuer „Mainstream“ an. Als der umtriebige Roth-Schopf den barfüßigen Bühnenstar aber immer fester vor den Parteikarren spannen wollte, auf dem bereits „machtbesessene Politiker“ (O-Ton Reiser) wie Otto Schily und Joschka Fischer Platz genommen hatten und die Zügel fest in Händen hielten, war für Rio Ende mit Samba auf Öko-Gelände: Diesen Schuh wollte und konnte er sich nicht anziehen. Fortan war Rio Roth nicht mehr grün und schickte sie in die Birkenstockwüste.
Ihre Verehrung für den schnodderschnauzigen Ex-Weggefährten hat dies, nebenbei bemerkt, offenbar nicht geschmälert, wie sich in einem Beitrag der Politikerin auf „spiegel online“ zum 20. Todestag Rio Reisers nachlesen lässt. Der Artikel ist insofern bemerkenswert, als Roth darin nicht nur die schillernd-schwule Figur gesellschaftlich einordnet, sondern recht gut skizziert, was letzten Endes zum Zerbrechen dieses unvergleichlichen Menschen geführt hat, der einerseits resolut, kompromisslos und revolutionär war, andererseits sensibel und überhaupt nicht so im Einklang mit der Welt, wie man es von einem „deutschen König“ hätte annehmen können.
Rios großer Bruder Gert Möbius, der auch den Nachlass verwaltet, schildert in seinem Gedenkbuch „Halt dich an deiner Liebe fest“ Rios zunehmende Vereinsamung inmitten des beruflichen Trubels mit seinem Auf und Ab von Erfolgen und Selbstzweifeln: „Die Droge, der Shit, der Alkohol“, Depressionen wurden seine Begleiter. „Es ist niemand neben mir“, bedauerte Rio in den Monaten vor seinem Tod. In dunklen Tagen wünschte er sich als Grabinschrift „Verhungert auf der Suche nach Liebe“, um sogleich relativierend und ernüchtert hinzuzufügen: „Aber es gibt schon genug Menschen, auf deren Grabstein man das schreiben könnte“. Am 20. August befand sich der Sänger in Begleitung seines Lebensgefährten auf einem Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen, wo auch die Musiker von Ton Steine Scherben einst gelebt hatten, als es zum Zusammenbruch kam. Herz-Kreislauf-Versagen. Ein kalter medizinischer Begriff für das Ende eines wilden Tanzes auf dem heißen Vulkan.
Unter den Gästen der Trauerfeier am 1. September 1996 auf dem Berliner Tempodrom waren Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten, Marianne Rosenberg, Tim Fischer und Herbert Grönemeyer. Und Rockröhre Ulla Meinecke sang einen Reiser-Song, dessen Text wie von ihm selbst zum eigenen Abschied geschrieben schien: „Ich bin hier oben, auf meiner Wolke/Ich seh dich kommen, aber du gehst vorbei/Doch jetzt tut’s nicht mehr weh, nee, jetzt tut’s nicht mehr weh“. Der „Junimond“ im August.
Rio bleibt der „König von Deutschland“, auch wenn er nie die ganz dicken Monetenbretter bohrte wie manche nach ihm, denen er durch sein kompromissloses Ja zu Rockmusik mit deutschen, unpeinlichen Texten erst den Weg geebnet hatte: Knödelkönig Grönemeyer, Pfefferminzkönig Westernhagen, Sülzkönig Hartmut Engler sowieso. Gegen Rio Reiser stinken sie irgendwie alle ab.