Kinderkram
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Neues aus dem Elternalltag

Schulzeit in DIN A4

Südlich seiner Landesgrenzen wird der Deutsche gern belächelt. „Ihr seid so ordentlich“, spöttelt es in Bistros, Osterien und Tavernen. In den letzten Urlaubsstunden – betäubt von Rosé, Primitivo oder Ouzo – lässt sich das gängige Vorurteil wohlgelaunt weglächeln. Es schwingt ja auch immer ein wenig Bewunderung mit, wenn der Südländer so was sagt, und soooo ordentlich sind wir Deutschen ja gar nicht. Kaum zu Hause, wird spätestens am Nachmittag des ersten Schultages klar, woher die Vorurteile über Ordnungswut und Regulierungseifer kommen. In den Schreibwarengeschäften der Republik bilden sich Jahr für Jahr lange Schlangen, und mit konzentrierter Akribie macht sich eine Heerschar von Müttern, Schülern und Vätern daran, die Einkaufsliste fürs beginnende Schuljahr abzuarbeiten.
Kein ganz einfacher Job! Der Mathelehrer der Tochter beispielsweise verlangt für Klassenarbeiten ein kariertes Heft, DIN A4, mit Rand und dazu einen roten Schutzumschlag. Das Arbeitsheft hingegen soll kariert, DIN A4, jedoch ohne Rand sein. Ein roter Umschlag wird auch hier benötigt, ebenso für das Regelheft, welches ebenfalls kariert, mit Rand jedoch – Achtung Falle – das Format DIN A5 haben soll. Für den älteren Bruder braucht es ein ebensolches Regelheft im Format A4. Kariert, mit Rand und rotem Umschlag versteht sich. Der Bundesverband der deutschen Deutschlehrer muss sich irgendwann mal auf die einheitliche Umschlagsfarbe blau geeinigt haben. Auch beim Heftformat konnte man sich ohne Gegenstimmen auf die Deutsche Industrienorm A4 einigen. Lineatur ist ein Muss. Lateinhefte sind vermutlich schon von Cicero persönlich mit der Farbe Orange bedacht worden. Kariert statt liniert soll’s hier sein. Klingt beherrschbar – aber der Teufel lauert im Detail: Während in der Klasse des Ältesten mit zweigeteiltem Vokabelheft gearbeitet wird, hat der Mittlere seinen Wortschatz mit Hilfe eines drei(!)-geteilten Heftleins zu bimsen. Die Referendarin der Jüngsten setzt auf den Karteikasten als Lerntechnologie. Was noch? Sechs Biohefte, kariert, in DIN A4, grüne Umschläge; vier Hefte für Franze, liniert, DIN A4; vier für Reli, zwei für Ethik ganz ohne Linien, Format egal, für BK ein Zeichenblock DIN A3 und ein Wasserfarbenkasten der Marke Pelikan.
Warum’s kein anderer sein darf, wird nicht hinterfragt. Schließlich will man den Schulerfolg der Brut nicht schon am ersten Schultag gefährden. Auch verkneift man sich als gute deutsche Mutter tunlichst die Frage, ob Heftgröße und Umschlagsfarbe für den Lernerfolg maßgeblich sind.
Einer wenigstens sieht’s mit Wohlgefallen: Vasilios, der griechische Betreiber des Schreibwarenladens, genehmigt sich nach Feierabend einen zufriedenen Schluck Ouzo auf die unerschütterliche, deutsche Ordnung und Gründlichkeit.