Dauerbrenner seit 46 Jahren: Der "Tatort" ist die Krimireihe im deutschen Fernsehen schlechthin.
Dauerbrenner seit 46 Jahren: Der "Tatort" ist die Krimireihe im deutschen Fernsehen schlechthin. | Foto: WDR

Krimi-Dino als TV-Kult

„Tatort“: der Mord zum Sonntag

Der „Tatort“:  Krimiserie zur Primetime in der ARD; TV-Dauerbrenner mit sechs Buchstaben; auf Sendung seit 46 Jahren mit aktuell an die zehn Millionen Zuschauer pro Folge: Der Mord zum Sonntag ist das Markenzeichen der TV-Nation, ein generationsübergreifendes Bildschirmphänomen. Würde sich ein Krimijunkie alle 999 bisherigen Folgen hintereinander ansehen, bräuchte er dafür volle zwei Monate – ohne sagen zu können, wie vielen Ermittlern, Tätern und Opfern er begegnet ist. Das sonntägliche Sofaritual, das eigentlich nur auf zwei Jahre angelegt war, ist längst Teil der Gegenwarts-Kultur und für manchen Wissenschaftler „der wahre Gesellschaftsroman der Bundesrepublik Deutschland“. Die 1 000. Folge trägt den Titel „Taxi nach Leipzig“. Grund genug, die Krimireihe von A bis Z zu beleuchten.

A wie Anfänge

„Taxi nach Leipzig“ hieß auch der erste Krimi der Reihe, der am 29. November 1970 ausgestrahlt wurde, mit Walter Richter als Hamburger Kommissar Paul Trimmel. Einzige Aufgabe des ARD-Sprosses: der ZDF-Serie „Der Kommissar“, einem Straßenfeger ohnegleichen, Paroli bieten.

B wie bekehrt

Schon früh waren Österreich und die Schweiz mit von der Partie. Doch 2012 stiegen die Eidgenossen aus, angeblich, weil der Zuschauer sonntagabends lieber Spielfilme sehe. Doch weil die Tatort-Fans massenhaft beim Nachbarn einschalteten, kehrte der SRF reumütig zurück. Einem kultigen TV-Knüller entkommt man eben nicht so schnell.

C wie Charaktere

Aufbrausend wie Nick Tschiller? Unterkühlt wie Charlotte Lindholm? Oder lässig wie St. Pauli-Fan Frank Thiel? Die „Tatort“-Kommissare lassen sich nicht in eine Schublade packen. Walter Richter spielte seinen Paul Trimmel so, wie man sich in den 70er Jahren einen Beamten vorstellte. Doch schon mit Anarcho-Kommissar Schimanski wehte ein anderer Wind. Selbst für feinsinnige Charaktere ist beim TV-Dauerbrenner Platz – man denke nur an die Frankfurter Ermittlerin Sänger (Andrea Sawatzki), die zusammen mit ihrem Kollegen Dellwo (Jörg Schüttauf) die meisten Grimme-Preise einheimste.

D wie Details

Der „Tatort“ ist eine Art filmisches Museum, zeigt Moden, Frisuren, Architektur bis zur Möblierung von Wohnungen der jeweiligen Produktionszeiten. Eine Veränderung registrieren Vielseher sofort: Während in den 1980er Jahren in den Diensträumen noch so viel gepafft wurde, dass die Luft im Verhörraum oft zum Schneiden war, gehört der Glimmstängel heute nicht mehr unbedingt zum Accessoire der Ermittler.

E wie Eintagsfliegen

Bei 89 Ermittlern oder Ermittlerteams war nicht jeder Spürnase ein zweiter Auftritt vergönnt. Das bekannteste Solo steuerte der Österreichische Rundfunk bei. Im Wiener Fall „Wunschlos tot“ vom 30. August 1987 ermittelte ein junger Schauspieler, der Jahre später zwei Oscars einheimsen sollte: Christoph Waltz.

Die Antwort der ARD auf den "Kommissar": Unterschiedliche Teams machen den Reiz der "Tatort"-Reihe aus.
Die Antwort der ARD auf den „Kommissar“: Unterschiedliche Teams machen den Reiz der „Tatort“-Reihe aus. | Foto: ARD

F wie Faber

Den Dortmunder Kommissar Peter Faber als eigenwillige Persönlichkeit zu bezeichnen, ist weit untertrieben. Der erfolgreiche Ermittler, der einen außergewöhnlichen Instinkt für die Gedanken- und Handlungswelten der Täter besitzt, ist psychisch labil, unfähig, auf andere Leute zuzugehen, und alles andere als ein Teamplayer. Ein Twitter-Nutzer unkte, dass der Fremdenverkehrsverband Dortmund nach jedem „Faber-“Tatort“ über die eigene Frühpensionierung nachdenke – weil eine solche Stadt mit solchen Ermittler einfach nicht zu verkaufen sei.

G wie Giftschrank

Die Folge „Wem Ehre gebührt“, die sich mit Missbrauch in einer alevitischen Gemeinde befasste, sorgte schon vor ihrer Ausstrahlung für Aufregung, von Großdemonstrationen bis zu öffentlichen Statements deutscher Bundespolitiker. Der Beitrag wird ebenso wenig wiederholt wie eine Handvoll weiterer Tatort-Folgen.

H wie High Heels

Wenn eine Frau in den frühen „Tatort“-Folgen vorkam, dann als Hausfrau, Sekretärin oder Leiche. Mit Kommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) änderte sich dies Ende der 1970er Jahre. Heute sind fast so viele Frauen wie Männer als Kommissare vor der Kamera aktiv.

Die dienstälteste Kommissarin: Ulrike Folkerts als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal mit ihrem Kollegen Andreas Hoppe als Kommissar Mario Kopper.
Die dienstälteste Kommissarin: Ulrike Folkerts als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal mit ihrem Kollegen Andreas Hoppe als Kommissar Mario Kopper. | Foto: SWR

I wie International

In den 70er Jahren kam der amerikanische Filmemacher Samuel Fuller zu Tatort-Ehren. Sein Film „Tote Taube in der Beethovenstraße“ kam 1974 sogar in die amerikanischen Kinos. Ausgangspunkt des TV-Experimentes: ein in Bonn erschossener Privatdetektiv aus den USA.

J wie Jux

Eine verschwundene Wurstkönigin mit viel Kohle, ein Sohn, Typ armes Würstchen, und Wurstwortspiele aus dem Gag-Fleischwolf – der Fall aus Weimar zum Weihnachtsfest 2013 bot ziemlich viel Klamauk. Doch die Zuschauer liebten „Die Fette Hoppe“ und das trocken-ironische Ermittlerpärchen Nora Tschirner und Christian Ulmen. Schöner Nebeneffekt für Weimar: Am Tag nach der Erstausstrahlung wurde auf dem Marktplatz die „Fette Hoppe“, eine Rostbratwurst, auch in der Realität verkauft.

K wie Kalauer

Mit dem Münsteraner Dream-Team Boerne und Thiel begann 2002 für den Tatort eine neue Zeitrechnung. Was Jan Josef Liefers und Axel Prahl treiben, ist eine Variante des verrückten Paares Walter Matthau und Jack Lemmon. Das frotzelnde Team ist das mit Abstand beliebteste und zieht bis zu 13,5 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm.

L wie Leichen

Waren es nun 51 Leichen, die die Fanseite Tatort-Fundus.de zählte, oder „nur“ 47, die der Hessische Rundfunk vermeldete – einsamer Spitzenreiter beim Schnellfeuerwaffentheater ist die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot.

M wie Milieu

Deutschlands Metropolen sind stets „Tatort“-verdächtig. 95 Mal lieferte München die Kulisse, gefolgt von Hamburg und Berlin. Auch Wien ist mit 66 Fällen gut vertreten.

N wie Nuschel-Till

Kaum hatte Till Schweiger seinen Vertrag als Hamburger Tatort-Kommissar unterschrieben, setzte er sich auch schon in die Nesseln – weil er sich über den „behäbigen“ Vorspann lustig machte. Als Hauptkommissar Nick Tschiller agiert der Star immer an der Grenze zum Verbrechen; noch mehr sorgt sein Genuschel für Gesprächsstoff in den sozialen Netzwerken.

O wie Odenthal

Sie ist die dienstälteste Kommissarin des „Tatorts“, Lena Odenthal. Seit Oktober 1989 schlüpft Schauspielerin Ulrike Folkerts in die Rolle der toughen Ermittlerin, die jetzt allerdings die Wehwehchen des Alters meistern muss.

P wie Privatleben

Im ersten Jahrzehnt ermittelten einsame Helden, meist wortkarge Männer, die allenfalls ihren Assistenten an sich ran ließen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute haben die Protagonisten auch privat einiges zu schultern. Man denke nur an den Kölner Kommissar Max Ballauf, der – Vater erschossen, Freundinnen tot – eigentlich als Psychowrack durchs Leben gehen müsste.

Q wie Quote

Spitzenreiter mit 26,57 Millionen Zuschauern war die Episode „Rot-rot-tot“ des SDR, mit Curd Jürgens als Frauenmörder, ausgestrahlt am 1. Januar 1978. Allerdings gab es damals noch keine private TV-Konkurrenz.

R wie Reifezeugnis

Die Regiearbeit von Wolfgang Petersen gilt für viele ältere Fans als der „Tatort“ schlechthin. Ein Liebesverhältnis zwischen Lehrer und Schülerin, eine nackte Nastassja Kinski – das sorgte im Jahr 1977 für mächtig Rauschen in den Boulevardblättern.

TV-Skandal: Im Tatort "Reifezeugnis" hat Schülerin Sina (Nastassja Kinski) ein Verhältnis mit ihrem Lehrer Helmut Fichte (Christian Quadflieg).
TV-Skandal: Im Tatort „Reifezeugnis“ hat Schülerin Sina (Nastassja Kinski) ein Verhältnis mit ihrem Lehrer Helmut Fichte (Christian Quadflieg). | Foto: NDR

S wie Schimanski

Horst Schimanski – gespielt von Götz George – war ein ganz hart gekochter Kommissar. Mit ihm betrat ein Ermittler die Bühne, der nicht mit Worten und psychologischer Finesse, sondern mit vollem Körpereinsatz agierte. Der Schmuddelkommissar, in dem die „Bild“ den Untergang des Abendlandes witterte, löste all die Saubermänner vom Dienst ab und das Publikum liebte den Helden und Maulhelden, der an seiner Virilität fast zu zerbersten drohte.

Beliebtes Team: Kriminalkommissar Thanner (Eberhard Feik) und sein Kollege Schimanski (Götz George ).
Beliebtes Team: Kriminalkommissar Thanner (Eberhard Feik) und sein Kollege Schimanski (Götz George ). | Foto: WDR

T wie Tukur

LKA-Beamter Felix Murot (Ulrich Tukur) ist eine feine Abwechslung im Wo-waren-Sie-gestern-Abend-Einerlei des Krimiformats – nicht nur, weil er sich schon mal mit seinem Gehirntumor unterhält. Bei Tukur wird nicht alles so ernst genommen, und das nicht erst seit der preisgekrönten Episode „Im Schmerz geboren“.

U wie unrealisiert

1973 wollte Rainer Werner Fassbender einen „Tatort“ drehen. Die Geschichte: ein Mord im Rahmen eines aufgedeckten Bundesliga-Skandals. „Tatort“-Erfinder Günter Witte lehnte ab – was er Jahre später bitter bereute.

V wie Vorspann

Seit 46 Jahren starrt er sonntags in die deutschen Wohnzimmer, seine linke Iris im weißen Fadenkreuz: Horst Lettenmayer heißt das „Auge der Nation“, der für sein Engagement 400 Mark bekam. Zum Trost durfte er 1989 wenigstens in einem Tatort“ mitspielen. Sein Gastspiel war kurz, er endete tot in einer Lore.

Die berühmten Augen: Horst Lettenmayer ist seit Jahrzehnten im Vorspann der Krimi-Reihe "Tatort" zu sehen.
Die berühmten Augen: Horst Lettenmayer ist seit Jahrzehnten im Vorspann der Krimi-Reihe „Tatort“ zu sehen. | Foto: dpa

W wie Wagnis

Als „Kriminaloperette ohne Gesang“ beschreibt Regisseur Axel Ranisch den „Tatort: Babbeldasch“, der 2017 ausgestrahlt wird. Ein Drehbuch gab es nicht, stattdessen musste das Ludwigshafener „Tatort“-Team um Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe improvisieren. Mit dabei sind auch viele Amateurdarsteller, die richtig kurpfälzisch babble. Untertitel für Nordlichter sind aber nicht geplant.

X wie x-mal wiederholt

Der „Tatort“ spielt inzwischen auf allen Kanälen, ob in den Dritten, in der Mediathek oder auf einem eigenen Youtube-Kanal mit sechsstelligen Abrufzahlen. Bei „Im Schmerz geboren“ gab es mehr als 23 000 Tweets von 7 157 Autoren auf Twitter.

Y wie Youngsters

Bei dem Krimi-Fossil ist das Publikum so jung, wie es sich das Öffentlich-Rechtliche ansonsten nur erträumt. Das dürfte auch an der modernen Markenstrategie liegen. „Tatort“ gibt es mittlerweile als Livestream, als DVD-Kollektion, als Hörspiel-Podcast mit eigenen Fällen und natürlich als Anlass zum Public Viewing.

Z wie Zukunft

22 Teams – so viele wie nie zuvor – sind derzeit im Einsatz, und es werden wohl noch mehr werden. Bereits bestellt ist das „Team Schwarzwald“, das an unterschiedlichen Orten im Einsatz sein wird. Für mediale Aufmerksamkeit dürfte ein prominenter Name sorgen: Harald Schmidt spielt den Freiburger Kriminaloberrat Gernot Schöllhammer.