Eins für Mami, eins für Papi: Streetfood ist heiß begehrt.
Eins für Mami, eins für Papi: Streetfood ist heiß begehrt. | Foto: nenetus/fotolia.com

Streetfood

Von der Hand in den Mund

Von der Hand in den Mund leben – ginge es nach Volkes Schnauze, müssten wir jetzt über Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter reden. Über jene, die sprichwörtlich arm dran sind und manchmal nicht wissen, was der Tag so bringt, außer Hunger vielleicht. Unterhalten wir uns hingegen über Streetfood, bekommt das Von-der-Hand-in-den Mund-leben merkwürdigerweise einen eher positiven Beigeschmack, wobei in manchen Ländern das eine mit dem anderen durchaus Hand in Hand geht. Im Süden Afrikas zum Beispiel, oder in Asien, wo Häppchen und Speisen aus der frischen Garküche auf alter Tradition fußen und eigentlich nichts anderes sind als eine Möglichkeit für Menschen mit wenig Penunze, für kleines Geld gesund satt zu werden. So oder so: die wahrscheinlich authentischste Küche eines Landes findet man auf der Straße, eben da wo die Leut’ sind.
Mit Arme-Leute-Küche hat Streetfood in Deutschland aber immer weniger zu tun. Selten auch mit originärer Landesküche, man denke an Thüringer vom Rost oder Reibekuchen mit Apfelmus, die es immer schwerer haben gegen eine Armada von modernen rollenden Imbissunternehmen. Längst haben hippe Foodtrucks vielerorts die rollende Stinke-Frittenbude abgelöst und sind dem mobilen Gummiadler-Grill an den verkrusteten Karren gefahren.
In den umgebauten Lkws steht spannende Internationalität und damit Herzhaftes bis Deftiges für Entdeckernaturen auf der nicht selten kreidebeschrifteten Schiefertafel. Statt fettiger Tiefkühl-Pommes und halbseidenen Bratwürsten aus der Großfabrik wächst da kulinarisch durchaus Diskutables wenn nicht Denkwürdiges über die Theke: Burger mit vollmundigem heimischem Wild zwischen den Bun-Hälften, knusprige kanadische Rippchen, kalorienbleierne Allgäuer Käsespätzle mit Hochalm-Bergkäse, vegetarische China-Teigtaschen oder duftende brasilianische Hähnchenkroketten – beim Foodtrucker ist von schwäbischer Hausmannskost über den Burgerstyle bis zum vegetarischen und veganen Gericht alles zu finden, was Psyche, Ideologie und nicht zuletzt der Magen begehren. Wenn’s der Geldbeutel hergibt.
Wie pfiffig das Angebot ausfällt, hängt von der Kreativität der modernen Küchenfritzen ab, die auch gut Küchen-Ali oder Küchen-Susan heißen können, so weltläufig sind die Teams mitunter aufgestellt. Frische Zutaten von ausgesuchten „Hoflieferanten“, am besten in Bio-Qualität, dazu ein Live-Zubereitungsspektakel, das keine Tricks zulässt: da können Freds Grillhühner und Ernas Currywurst bleiben, wo sie sind. Wobei auch Würste – von feinster Qualität versteht sich – mitunter zum Portfolio der mobilen Küchenpiloten gehören. Dann aber mit ganz und gar nicht suspektem Inhalt, stattdessen aufs Prallste gefüllt mit allerlei leckeren Schweinereien, gerne aber auch mal mit gewolftem Rind aus Hohenlohe oder Lammbrät vom Weidetier. Dass so ein Schlemmerteil über die berühmten zwei Enden verfügt: zwingend. Weniger dagegen, dass es auch mal mit echtem Blattgold „veredelt“ wird. Bei allem Respekt vor gehobenem Küchenniveau, das ist dann aber doch Schnickschnack für Angeber und Neureiche. Dem qualitätsbewussten Normalo dürften solche Glanzhudeleien aber sowieso wurscht sein. Wobei sich trefflich darüber streiten ließe, auf welcher Seite der Theke die Dekadenz denn nun zu Hause sein mag. Wer keinen Bock auf Wurst mit Glam-Faktor hat, braucht jedenfalls kein Trübsal zu blasen. Gutes Essen definiert sich Gott sei Dank nicht über luxuriöse Zutaten, sondern noch immer über den Luxus, Zutaten von erster Qualität zu verarbeiten. So gesehen dürften die meisten Foodtruckies wohl auf der richtigen Seite der strada culinaria unterwegs sein.
Vor dem Hintergrund von labbrigem, ungesundem Fast-Food-Fraß, wie er uns seit Jahr und Tag von Ketten aus dem Land der unbegrenzten Geschmacksverirrungen angedient wird, stimmt es, dass beim schnellen Gericht für Zwischendurch noch längst nicht die Flinte im Biokorn landen muss, denn eines ist so klar wie Kloßbrühe: Es gibt alles auch in gut. Die modernen Imbisse machen vor, wie’s geht.

Streetfood zum Lesen

Frisch, schnell, gut (hoffentlich) – Essen aus dem Foodtruck und – im Fernurlaub – aus der Garküche ist eine Sünde wert. Wer sich die Welt der schnellen Gerichte mitsamt ihren Aromen nach Hause holen will und dafür auch gerne mal selbst am Herd steht, findet hier die passenden Bücher:
„Streetfood“
Bei Jennifer Joyce sind auch weniger geübte Naturen an der richtigen Adresse: Ob würzige Chicken Wings oder feurige Tacos, Bruschetta oder Pizza, Samosas oder Mango-Lassi am Stiel – das Beste der größten Streetfood-Kulturen hat die Londonerin im Sinne guter Nachkochbarkeit dem hier verfügbaren Angebot angepasst. Trotzdem authentisch!
Jennifer Joyce: Streetfood, Dorling Kindersley Verlag, € 24,95
„Eat on the street“
Zwei Jahre lang schnabulierte sich Starfotograf Stefan Braun durch die Metropolen der Welt. Sein mit spannenden Reportagen gespickter Bildband ist auch Kochbuch für Streetfoodies: Jutta Mennerich liefert 80 Rezepte von den Hotspots dazu.
Jutta Mennerich/Stefan Braun: Eat on the street, ZS Verlag, € 21,99
„Auf die Hand“
Das Beste zum Schluss: Stevan Paul weiß ganz genau, was Hobbyköche und Genießer umtreibt. Und liefert so nicht nur tolle und ausgefallene Rezepte rund um die neue internationale Brotkultur, von Pizza über Buns bis zu Tacos, sondern auch eine Fülle von Tipps, die sogar alten Hasen nützen. Streetfood in Bestform. Zum Reinbeißen!
Stevan Paul: Auf die Hand, C. Brandstätter Verlag, € 34,90