Erleuchtung im Fluss: Yoga im Ganges bei Rishikesh. | Foto: Kranich

Yoga und Ayurveda in Indien

An der Quelle der Erkenntnis

Yoga – kein großes Ding. Vier Buchstaben nur. Was kann da schon dran sein? Hier ein bisschen mit den Zehen wackeln, Schultern kreisen, strecken, dehnen – alles halb so wild. Ob ich schon einmal Yoga praktiziert habe, will Shambu, der Mann im weißen Pyjama, von mir wissen. Blitzschnell scanne ich im Geist die Kurse, die ich in den vergangenen Jahren im heimischen Fitnessstudio besucht habe. Zumba war dabei, Kettlebell, Bauch-Beine-Po, Deep Work, Spinning und ja – tatsächlich – Yoga auch. Dienstagabend, 21 Uhr. Ein Lehrer, vier Matten, Musik mit Glöckchen statt Beats und ich die einzige der sage und schreibe drei Kursbesucher, die keine dicken Wollsocken trägt. „Yes“, antworte ich selbstbewusst. Yoga? Kenn ich.

Erhabene Stille: Sonnenaufgang über dem Himalaya. Foto: Kranich
Erhabene Stille: Sonnenaufgang über dem Himalaya. Foto: Kranich

Matte im  Garten des Maharadscha

Aber Shambu blickt skeptisch. Im Fitnessstudio, ja? Welches Yoga denn dort unterrichtet worden sei, fragt er freundlich und erwischt mich kalt. Wie, welches Yoga? Na ja – das mit Om, Lotussitz und Sonnengruß natürlich. Was denn sonst? Shambu lächelt. Milde. Vielleicht auch verschmitzt. Wie auch immer. Dann klemmt er sich die Matten unter den Arm und bittet mich, ihm zu folgen. Draußen, im weitläufigen Garten des Maharadscha-Palasts, rollt Shambu auf einem von Baumriesen beschatteten Rasenfleck die Schaumstoff-Unterlagen aus. Geschmeidig gleitet er in den Schneidersitz und bittet mich, es ihm gleichzutun. Meine Knochen knacken in leisem Protest, aber da beginnt Shambu auch schon mit dem Anfängerkurs. „Yoga is a very ancient science …“, holt sein melodiöser indisch-englischer Singsang zur ersten Lektion aus. Hoffentlich wird’s ein Schnellkurs – denken meine Knie.

Der alte Maharadscha-Palat über Narendra Nagar. Foto: Kranich
Der alte Maharadscha-Palat über Narendra Nagar. Foto: Kranich

Gäste kennen sich aus

Nicht bei allen Gästen des exklusiven Yoga-Retreats „Ananda“ in den Hügeln über der nordindischen Kleinstadt Rishikesh muss Shambu ganz von vorn beginnen. Viele, die die Reise bis fast an die Grenze zu Tibet auf sich nehmen, kennen sich bestens aus. Yoga ist ihr Ding. Sie praktizieren es zum Teil seit Jahren und schwören drauf. Ob unten, in den kargen Ashrams der alten Pilgerstadt oder oben, in den versteckt gelegenen Fünf-Sterne-Ressorts auf den Bergen, – jede Menge Menschen suchen hier, was sie zu Hause kaum mehr finden können: die reine Lehre und den Weg zurück zu sich selbst.

Der Blick auf den Heiligen Fluss Ganges. Foto: Kranich
Der Blick auf den Heiligen Fluss Ganges. Foto: Kranich

Beatles waren die Ersten

Mit die ersten, ganz sicher aber die prominentesten Yoga-Adepten, die sich vor 60 Jahren schon auf diesen Weg begaben, waren die Beatles. Das Hirn unter den Pilzfrisuren völlig durcheinander, aufgequirlt durch Drogen und aufgeputscht von unermesslichem Starruhm, half ihnen der Yogameister Maharishi Mahesh Yogi in Rsihikesh zu neuer Erdung. Mit ihrem Aufenthalt in dessen Ashram rückten die „Fab Four“ die 100 000-Einwohner-Stadt an den Ufern des Ganges, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Seitdem gilt Rishikesh als „Welthauptstadt des Yoga“, in der Jahr für Jahr auch Konferenzen für Yoga-Anhänger aus aller Welt abgehalten werden.

Golden Gate in Rishikesh: Wer die Hängebrücke nicht benutzen will, muss aufs Boot warten. Foto: Kranich
Golden Gate in Rishikesh: Wer die Hängebrücke nicht benutzen will, muss aufs Boot warten. Foto: Kranich

Welthauptstadt des Yoga

John, Paul, Ringo und – vor allem – George ist es zu verdanken, dass die westliche Welt von der legendären Spiritualität Indiens erfuhr und so der Beginn des modernen Yogas markiert wurde. Jener Lehre also, die heute auch in unseren Breiten extrem populär ist, die auf ihrem Weg nach Europa und Nordamerika aber viel von dem auf der Strecke ließ, was sie eigentlich ausmacht.
Shambu kennt die westlichen Vorstellungen, die mit dem, was er seit acht Jahren an der „Bihar School of Yoga“ intensiv studiert, nur auf den ersten Blick etwas zu tun haben. In den Sport- und Yoga-Studios der abendländischen Welt werden vor allem Körperübungen, so genannte „Asanas“ gelehrt. Doch die sind in Wahrheit nur ein klitzekleiner Bestandteil der großen, ganzheitlichen Yoga-Philosophie, die einen gesunden und durchtrainierten Körper nur als notwendiges Vehikel für den Geist ansieht. Beim stundenlangen Verharren in einer Meditationspose soll schließlich kein Zipperlein zwicken.
„Das physische Yoga ist eine sehr moderne Vorstellung dieser uralten Lehre“, sagt auch Sundeep. Wie Shambu gehört er zu den studierten Experten, die im „Ananda“ tägliche Yoga- und Meditationsstunden abhalten. Gemeinschaftsunterweisungen, wie die zum Sonnenaufgang im Gartenpavillon, oder individuelle Stunden über den ganzen Tag verteilt.

Indischer Zauberberg

Wer einen Aufenthalt im „Ananda“ bucht, muss sich zunächst für ein Programm entscheiden. Soll es die Ayurveda-Kur zur inneren und äußeren Säuberung des Körpers mittels Öl und einer bestimmten Diät sein, oder lieber ein Stress-Management-Programm, das neben körperlicher Entspannung durch tägliche Massagen auch Techniken zur Entspannung des Geistes vermittelt. Entgiftung von sämtlichen schlechten Alltagsgewohnheiten verspricht dagegen „Yogic Detox“. So oder so – ein bisschen Yoga ist aber immer dabei. Wohl mehr aus Versehen habe ich mich bei der Anmeldung für die volle Yoga-Dröhnung eingeschrieben. „Self Realisation“ verspricht die totale Besinnung aufs Ich. Das kann man als moderner, arbeitender Familienmensch immer brauchen, dachte ich und weil Selbsterkenntnis laut meiner Großmutter zur Besserung führt und die ganz grundsätzlich ja nie schaden kann, war der Haken im entsprechenden Feld gesetzt.

Volle Yoga-Dröhnung

Bei meiner Ankunft ist mein Stundenplan bereits minutiös ausgearbeitet. Täglich sieht er eine Stunde Meditation, eine Stunde Yoga, eine Stunde Atemtechnik und jeweils eine Massage aus dem breiten Repertoire der fernöstlichen Köstlichkeiten vor. Shiatsu, Kundalini, Abhyanga – der edle Wellnessbereich macht seinem einst vom Condé-Nast-Reise-Verlag verliehen Titel als „Luxury Spa Destination“ und „Best Yoga Retreat in the World“ alle Ehre. Die riesige Anlage ist in den Garten des Maharadscha-Palastes gebaut. Der atmet aus allen Poren die Pracht des britischen Empire. Über die Terrasse stolzieren Pfaue, jeden Tag, punkt 16 Uhr, wird im Kaminzimmer ein stilechter High Tea serviert. Kein Wunder, dass Mitglieder der englischen Königsfamilie immer wieder die historische Suite des englischen Vizeregenten im Haupthaus buchen. In London geht es nur halb so englisch zu.

Entspannte Tage im weißen Baumwollpyjama

Aber blaublütig oder nicht – im Ananda macht das keinen Unterschied. Das hat sicher auch mit den leichten weißen Baumwollgewändern zu tun, die das Hotel jedem Gast täglich frisch aufs Zimmer legt. Auf ungeahnt angenehme Weise tragen sie dazu bei, dass weltliche Dinge plötzlich keine große Rolle mehr spielen. Welche Schuhe zu welcher Hose? Egal. Sandalen passen immer. Gucci oder Louboutin – im weißen Krtuas mit Pyjama-Hose ist das ganz egal.

Der Erleuchtung auf der Spur

Achtsamkeit und die Konzentration aufs Wesentliche – bei unseren täglichen Treffen im Garten oder auf der Dachterrasse des Palastes richtet Shambu meinen Blick immer wieder nach innen. Also achte ich auf mich. Auf meinen kleinen Fußzeh links, seinen Kollegen rechts, auf meine Ohrläppchen, meine Nasenlöcher – so achtsam bin ich, dass ich am dritten Tag meine, ich könnte meine Haare spüren. Tag vier schließlich bringt den Durchbruch. In der Nacht werde ich schlagartig wach. Mein Puls rast, aber mein Körper bleibt seltsam entspannt. Als ich Shambu am nächsten Morgen von meinem Erlebnis berichte, lächelt er. Sehr häufig berichteten ihm Gäste davon. Das seien die Chakren, die sich öffnen und die Energie wieder frei fließen lassen. Fortan fühle ich mich aufgetankt und generalüberholt. Shambu ist zufrieden. Die Anfängerlektion habe ich begriffen. Yoga ist mehr als vier Buchstaben.

 

Impressionen vom Hotel gibt es hier: