Ein Brennpunkt in Krankenhäusern ist die Notaufnahme. Dort werden besonders viele Patienten aggressiv und greifen das medizinische Personal an.
Ein Brennpunkt in Krankenhäusern ist die Notaufnahme. Dort werden besonders viele Patienten aggressiv und greifen das medizinische Personal an. | Foto: dpa

Klinikum Mittelbaden

Flaschen fliegen und Fensterscheiben bersten

Der Beitrag der Nürnberger Zeitung schlug ein wie eine Bombe. Beleidigungen, Schläge oder Drohungen gehören für die Mitarbeiter des dortigen Klinikums zum Alltag. Als erstes deutsches Krankenhaus wagten sich die Franken mit dieser Information an die Öffentlichkeit. Allerdings ist die Situation im Klinikum Mittelbaden nicht besser. Auch dort gibt es Gewalt.
„Lediglich zehn Prozent der Übergriffe auf unser Personal werden tatsächlich gemeldet“, berichtet Inge Mayer, die Leiterin des Qualitätsmanagements. „Die Dunkelziffer ist gewaltig.“ Seit Mitte 2015 besteht eine Statistik. Bis Jahresende wurden insgesamt acht Fälle in den Krankenhäusern des Klinikverbundes bekannt.

Patienten und Angehörige werden aggressiv

Sowohl Patienten als auch deren Angehörige werden aggressiv. Die Gewalt richtet sich gegen Sachen und Personen. Da werden in den Häusern des Klinikums mutwillig Fensterscheiben zertrümmert und Getränkeflaschen nach Mitarbeitern geworfen. „Die Leute kratzen und beißen“, sagt Inge Mayer, die früher selbst in der Pflege gearbeitet hat und das Problem kennt. „Die Fälle nehmen aber leider immer mehr zu“, konstatiert sie. Neben physischer Gewalt muss das Krankenhauspersonal aber auch mit übelsten verbalen Attacken leben. „Ich weiß, wann Du Feierabend hast und warte auf Dich“, habe kürzlich ein Mann einer Krankenschwester gedroht.
Die Geschäftsführung des Klinikums Mittelbaden hat auf die zunehmende Gewalt bereits 2014 reagiert und ein Deeskalationsmanagement eingerichtet, für das Maier verantwortlich ist. „Dabei geht es um die Vermeidung dieser Übergriffe und um die Vermeidung der Traumatisierung unserer Kollegen durch solche Vorfälle“, sagt Mayer.
Inzwischen hat das Klinikum 14 Deeskalationstrainer ausgebildet. Das Institut für Professionelles Deeskalationsmanagement in Kuchen qualifizierte die Mitarbeiter in einer zwölftägigen Ausbildung. Zwei dieser Trainer arbeiten im Krankenhaus in Bühl. An ihren jeweiligen Arbeitsplätzen wirken die Deeskalationstrainer als Multiplikatoren und schulen ihrerseits intern ihre Kollegen. Im vergangenen Jahr gab es 20 solcher Fortbildungen, in diesem Jahr bereits zehn.

Notfalltaste am Handy

Damit geht das Klinikum Mittelbaden einen etwas anderen Weg als das Klinikum Nürnberg, wo neben Deeskalation zusätzlich auf einen privaten Sicherheitsdienst gesetzt wird. „Die Security kann nicht überall gleichzeitig sein“, meint Inge Maier. „Wir müssen damit rechnen, dass ein Streit wieder aufflammt, wenn die Sicherheitskräfte gegangen sind.“ Dennoch lässt das Klinikum Mittelbaden sein Personal im Notfall nicht im Stich. Jeder Mitarbeiter hat an seinem Handy einen Notfallknopf. Wenn er den drückt, eilen möglichst schnell zwei Kollegen zur Hilfe. Nötig war das in den vergangenen Monaten bereits drei Mal.
Die Patienten und Angehörigen rasten aus unterschiedlichen Gründen aus. Besonders betroffen sind der Empfang, die Zentrale Notaufnahme, die Radiologie und der Patientenfahrdienst, der die Patienten von der Station zu einer Untersuchung im selben Haus bringt. Wenn Patienten zu lange warten müssen oder im Vorfeld einer Operation eine Untersuchung unbedingt notwendig ist, flippen manche aus. Andere wollen sich nachts von der Krankenschwester nicht neu lagern lassen, obwohl dies wichtig ist, um Druckgeschwüre zu vermeiden. Betroffene Mitarbeiter können solche Fälle inzwischen ganz unbürokratisch im Intranet des Klinikums an den betriebsärztlichen Dienst melden.

Trainer bilden Kollegen aus

Die 14 Deeskalationstrainer des Klinikums Mittelbaden haben in ihren eigenen Stationen Gefährdungsanalysen vorgenommen. „Wir wollen unsere Mitarbeiter coachen“, erklärt Inge Mayer. Das entsprechend geschulte Personal soll verhindern, dass die Situation aus dem Ruder läuft. „Wir sind sehr gut vorangekommen“, bilanziert die Chefin des Qualitätsmanagements.
Das finden auch andere, nicht nur die Berufsgenossenschaft. Nach Auskunft von Inge Mayer hat sich das Ortenau Klinikum in Baden-Baden gemeldet, um an den dort gewonnen Erfahrungen teilzuhaben.