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E-Bikes boomen

Flitzen ohne zu schwitzen

Wenn der Kraichgau die Toskana Deutschlands ist, dann ist das Emmental vielleicht so etwas wie der Kraichgau der Schweiz. Will sagen: Es gibt viele, sehr viele Hügel. Da nimmt es nicht wunder, dass in diesem Landstrich ein findiger Ingenieur bereits 1993 auf die Idee gekommen ist, sein Fahrrad mittels einer Batterie zu motorisieren. Einer Auto-Batterie wohlgemerkt.

Der rote Büffel  – ein E-Bike mit Autobatterie

Zu einem guten Produkt gehört immer auch eine gute Geschichte. Beim Schweizer E-Bike-Hersteller Flyer geht sie so: Der Emmentaler Ingenieur Philippe Kohlbrenner hat 1993 den „Roten Büffel“ erfunden. Das erste E-Bike aus dem Hause Flyer kann man im modernen Firmengebäude in Huttwil bestaunen. Der Rote Büffel ist geschätzt beinahe so schwer wie sein tierischer Namensgeber. Vor seiner zweiten Geburt war der Büffel ein handelsübliches rotes Coronado-Herrenrad. Im Rahmen, über dem Tretlager, sitzt eine klassische Autobatterie, ein ziemlich klobiger Fremdkörper, und treibt einen Scheibenwischermotor an. Doch damit hat der Erfinder die Emmentaler Berge quasi im Flug bezwungen. Das war auch nötig. Denn der Legende nach kochte seine Frau sehr gut, weshalb der Ingenieur jeden Mittag zu Hause essen wollte. Das war – in bergiger Landschaft – nur motorisiert zu machen. Das erste Flyer- Bike war geboren.

Heute, nach Höhen und Tiefen und einem Beinahe-Aus, gilt das Schweizer Vorzeigeunternehmen als der Mercedes unter den motorisierten Fahrrädern. Sein Wachstum spiegelt die rasante Entwicklung der gesamten Branche wider: Allein in Deutschland sind im Jahr 2015 mehr als eine halbe Million E-Bikes verkauft worden. Das ist laut Branchenverband ZIV gegenüber dem Vorjahr eine Wachstumsrate von satten 11,5 Prozent.

Mit dem extrem schweren "Büffel" begann das E-Bike-Zeitalter des schweizerischen Herstellers Flyer.
Mit dem extrem schweren „roten Büffel“ begann das E-Bike-Zeitalter des schweizerischen Herstellers Flyer. | Foto: Zahn

Jedes achte verkaufte Fahrrad ist motorisiert

Im vergangenen Jahr war schon jedes achte in Deutschland verkaufte Fahrrad motorisiert – Tendenz weiter steigend. Die Anzahl an E-Bikes auf deutschen Straßen schätzt der Zweirad-Industrie-Verband mittlerweile auf rund 2,5 Millionen Fahrzeuge. Und bei einzelnen Fahrradhändlern wie dem Kuppenheimer Klaus Kastner beträgt der Anteil der verkauften E-Bikes bereits 30 Prozent. Sein Kollege auf der Schwäbischen Alb verkauft schon jedes zweite Rad mit Elektromotor. Klaus Kastner hat die Entwicklung von Beginn an begleitet. Schon vor 20 Jahren hat er das ein oder andere Elektrofahrrad verkauft – mit den heutigen High-Tech-Modellen nicht zu vergleichen, wie er sich erinnert.

Bevor der Akku schlapp macht, macht es dein Hintern

„Der Markt hat seit fünf Jahren enorm an Geschwindigkeit zugelegt.“ Seither hat sich auch Kastners Kundschaft gewandelt. Seit vor rund drei Jahren das E-Bike auch in die Domäne der sportlichen Mountainbikefahrer Einzug gehalten hat, ist der Kundenkreis nochmals größer geworden. „Heutzutage ist die Reichweite kaum noch ein Thema“, berichtet Kastner von immer besseren Akkus, die locker die 100-Kilometer-Grenze sprengen. Die Technik ist massentauglich.

 

„Bevor der Akku schlapp macht, macht es dein Hintern“, bringt es Werner Meier auf den Punkt. Er und sein Team führen jährlich 20 000 Besucher durch das ultramoderne, Passiv-Energie-Fabrikgebäude von Flyer im Emmentaler Huttwil zwischen Basel und Bern. Der Schweizer E-Bike-Marktführer produziert mit 220 Mitarbeitern 55 000 bis 60 000 Fahrräder pro Jahr und hat eine Exportquote von 75 Prozent. „Hier gibt es nicht nur Emmentaler Käse. Es gibt auch was Gutes. Nämlich unsere Fahrzeuge“, erklärt Meier mit schweizerischem Humor und charmanter Gemütlichkeit. An neun Montagestraßen werden die nicht ganz billigen Schweizer Velos montiert. Unter 3000 Euro bleiben bei dieser Marke die wenigsten Räder. Das Uproc-6-Mountainbike – ein Geschoss, das ohne Akku 19 Kilogramm wiegt und per Touchscreen gesteuert werden kann – kostet beispielsweise ab 6200 Euro aufwärts.

Der Akku ist ein teurer Spaß

Freilich sind selbst Supermärkte oder Baumärkte schon auf den E-Bike-Trend aufgesprungen. Dort bekommt man Räder auch unter 1000 Euro. Allerdings in teils fragwürdiger Qualität und ohne fachmännische Beratung. Experten raten dazu, mindestens 2000 Euro zu investieren, alleine andere Komponenten wie Bremsen oder Schaltung machen das E-Bike teurer gegenüber einem normalen Fahrrad. Ebenso der Akku, dessen Langlebigkeit sich irgendwann auszahlt. Ein moderner Lithium-Ionen-Akku kann dann schon mal mit 500 Euro zu Buche schlagen. 500 bis 1000 Ladezyklen machen die Akkus heutzutage mit. Das heißt, nach einigen Jahren wird in jedem Fall ein neuer Akku fällig.

Je hügeliger es wird, desto besser eignet sich das E-Bike
Je hügeliger es wird, desto besser eignet sich das E-Bike

Als sich Fremdenführer Meier mit seiner Besuchertruppe aus Deutschland auf Testfahrt ins hügelige Emmental-Gelände begibt, ist die angebliche Schweizer Langsamkeit schnell verflogen. Die Räder schnurren nur so die Berge hoch. Die Kühe, die hier den Grundstoff für den bekannten Käse liefern, scheinen den Anblick der lautlosen Flitzer bereits gewohnt zu sein. Meier hat wahrlich nicht zu viel versprochen: „Sie pedalieren, wir verdoppeln.“

Die Ehefrau kommt zuerst auf die Idee

Die beiden Rennradler Günter Häfele und Jürgen Mayer, beide aus Gaggenau, haben den Umstieg aufs E-Bike nie bereut. Der Baden-Badener Hausberg Merkur oder der Kaltenbronn sind für die Mittsiebziger seither kein Problem mehr. „Da treppelsch lässig hoch“, berichtet Häfele mit einem verschmitzten Lächeln. In ihrem Freundeskreis besitzen mittlerweile alle ein E-Bike. Für den erfahrenen Zweiradmechaniker aus dem Elsass, Roger Mander, ist die Geschichte der beiden einer der Klassiker. Oft kommt die Ehefrau als erste in den Laden und kauft sich ein E-Bike. Der Ehemann glaubt, weiterhin mithalten zu können, aber es vergehen keine zwei Jahre, dann steht auch er im Fahrradladen und verlangt nach motorisierter Unterstützung.

„Das E-Bike führt die Leute wieder zusammen“, schwärmt gar Händler Kastner. Plötzlich fahren wieder Leute in der Gruppe mit, die vielleicht aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mithalten konnten, berichtet er auch von Radvereinen, die längst dem E-Bike die Tür geöffnet haben. Dass die Vorbehalte gegenüber den Motorisierten zurückgehen, zeigt der neue Boom bei Trekking- und Mountainbikes. „Die Produkte sind heute einfach viel ausgereifter. Da hat der Handel einiges an Lehrgeld bezahlen müssen“, berichtet Kastner von den Anfängen, als das E-Bike noch vor allem mit Misstrauen beäugt wurde. Auch die Stiftung Warentest hat 2013 noch verheerende Noten selbst für teils renommierte Marken ausgestellt. Mittlerweile allerdings haben die meisten Hersteller enorm aufgeholt. Auch hier gilt wie in anderen Branchen: Die Masse macht’s.

Im Emmental entstehen die Flyer-Bikes, der Mercedes unter den E-Bikes
Im Emmental entstehen die Flyer-Bikes, der Mercedes unter den E-Bikes | Foto: Zahn

Der Fortschritt bei den E-Bikes ähnelt der Entwicklung der Computer. Ein IBM-Mann hatte seinerzeit prognostiziert, dass es weltweit nur einen Markt für fünf PCs geben wird. Ähnliches galt für die E-Bikes. Würden die Automobilhersteller heute eine derartige Stückzahl bei ihren E-Autos erreichen wie die E-Bike-Hersteller in Deutschland, es bräuchte keine satte Kaufprämie. Zudem, da sind sich Experten sicher, verliert das Auto gerade seine Bedeutung, auch als Statussymbol. Statt eines zweiten Autos legen sich manche heute lieber ein E-Bike zu, um etwa im immer dichter werdenden Stadtverkehr schneller voranzukommen oder auf dem Land längere Ausflüge zu machen, berichtet Roger Mander. Renate Kaindl aus Baden-Baden kann das bestätigen. Sie ist Tourenführerin beim Fahrradclub ADFC. Knieprobleme haben die passionierte Radlerin zum Umstieg bewegt. Bereut hat sie ihn nie. „Seither hat sich mein Radius wieder vergrößert“, so Kaindl. So weit ist Hermann Schneider aus Rastatt noch nicht. „Ich war nie ein leidenschaftlicher Radler“, berichtet der Mann, der trotzdem beim ADFC Chef-Kodierer ist. Auch er hat’s in den Knieen, für ihn hat es aber erstmal ein gebrauchtes E-Bike getan.

Die Zielgruppe wird jünger

Auch jüngere Leute entdecken langsam aber sicher die motorisierten Fahrräder
Auch jüngere Leute entdecken langsam aber sicher die motorisierten Fahrräder | Foto: Flyer

Die Reichweite, der nach wie vor vergleichsweise hohe Preis, die Sicherheit – es gibt etliche Vorbehalte gegenüber dem motorisierten Fahrrad. Einst titelte Stiftung Warentest noch: „Das Risiko radelt mit“. Doch auch in puncto Sicherheit, etwa was Rahmenstabilität angeht oder die Ausstattung der Bremsen, hat sich vieles getan. Der größte Risikofaktor sitzt wohl auf dem Sattel. Die meisten Händler empfehlen ohnehin einen Helm, zumal wenn gerade ältere Fahrer im Radeln ungeübt sind. Vorbehalte mag es nach wie vor einige geben, der Markt allerdings spricht längst eine andere Sprache. Sportliche Fahrer wie Mountainbiker kommen gerade auf den Geschmack. Lastenfahrräder und Cityflitzer werden mittlerweile immer öfter motorisiert verkauft. Die Zielgruppe wird jünger, Pendler finden an den Gefährten Gefallen. Oder wie der Schweizer ganz einfach sagen würden: Flitzen ohne zu Schwitzen.

 

Hier gibt es einen Erfahrungsbericht vom Tagesausflug ins Flyer-Werk nach Huttwil und ein Zeitraffer-Video der Testfahrt