Die deutsche USM-Zentrale in Bühl entstand ab 1983 in dem von Fritz Haller entwickelten Stahlbau-System Maxi. Dort werden die USM-Möbel für den deutschen Markt montiert.
Die deutsche USM-Zentrale in Bühl entstand ab 1983 in dem von Fritz Haller entwickelten Stahlbau-System Maxi. Dort werden die USM-Möbel für den deutschen Markt montiert. | Foto: Ulrich Coenen

Fritz Haller

Der Visionär ist längst Architekturgeschichte

Fritz Haller hatte eine besondere Beziehung zu Baden. Der 2012 verstorbene Schweizer Architekt lehrte von 1977 bis 1992 an der Architekturfakultät des heutigen KIT und errichtete ab 1983 in Bühl die deutsche Zentrale des Schweizer Büromöbelherstellers USM in dem von ihm entwickelten Stahlbau-System Maxi. Dort werden die legendären Schränke und Tische seines für USM entworfenen und nach ihm benannten Möbelbausystems montiert.

Georg Vrachliotis ist Mitherausgeber

Vor diesem Hintergrund ist das neue Buch „Fritz Haller – Architekt und Forscher“, das im Verlag des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich erschienen ist, von Interesse. Herausgeber der Aufsatzsammlung sind Laurent Stalder und Georg Vrachliotis, die in Zürich beziehungsweise Karlsruhe jeweils das Fach Architekturtheorie vertreten. Vrachliotis wurde 2014 aus Zürich auf die Karlsruher Professur berufen, nachdem er sich bereits intensiv mit Haller beschäftigt hatte. Auf diesem Weg kehrte Haller als Objekt der Forschung an das KIT zurück.
Man sollte also annehmen, dass Hallers Arbeit in Baden in der Neuerscheinung einen größeren Umfang einnimmt. Dies ist leider nicht der Fall. Das USM-Gebäude in Bühl wird nur im Werkverzeichnis erwähnt, Hallers Tätigkeit als Professor in Karlsruhe da und dort mehr oder weniger umfangreich dargestellt. Ein spezieller Beitrag ist diesem wichtigen Abschnitt im Leben des großen Architekten, der in Karlsruhe zwei Schülergenerationen begeistert und geprägt hat, nicht gewidmet. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die 2011 mit der Übergabe von Hallers Nachlass an die Architekturschule der ETH Zürich begann. Die hatte ihm, wie die Herausgeber im Vorwort einräumen, in den Jahrzehnten zuvor, die „kalte Schulter“ gezeigt. Das renommierte am KIT angesiedelte Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau (SAAI) ging jedenfalls leer aus. Dass Hallers Lehre und Forschung in Karlsruhe in dem neuen Buch an den Rand rückt, ist schade. Schließlich gehörte er neben Egon Eiermann zu den prägenden Gestalten der Architekturfakultät in der Zeit nach 1945.

Viele neue Aspekte

Nichtsdestotrotz gibt die neue Publikation einen ausgezeichneten Überblick über das vielseitige praktische und theoretische Werk Hallers und erschließt gleichzeitig zahlreiche neue Aspekte. In 16 Beiträgen beschäftigen sich die Autoren mit seinem Werk. Vermisst wird allerdings ein Beitrag von Jürg Martin Graser, dessen vorzügliche Dissertation über „Die Schule von Solothurn“, zu der Haller zählte, 2008 von der ETH Zürich angenommen wurde. Neben Wissenschaftlern kommen alte Weggefährten wie der frühere USM-Chef Paul Schärer und Hallers ehemaligen Mitarbeiter Ludger Hovestadt, Kurt Breiter und Christian Müller zu Wort. Schärer verdeutlicht mit seiner Behauptung, im Grunde habe er das Möbelbausystem Haller erfunden, warum es 1988 Jahre zum Bruch zwischen dem Architekten und der Firma USM kam. Tatsächlich erscheinen die Möbel wie eine Übertragung von Hallers Stahlbausystem in einen kleineren Maßstab.
Die fundierten wissenschaftlichen Beiträge zeigen, dass Haller von der Postmoderne unberührt der Nachkriegsmoderne und ihrem Funktionalismus treu blieb. Die von ihm in den 1960er-Jahren entwickelten Stahlbausysteme für verschiedene Bauaufgaben waren in seiner Zeit als Karlsruher Professor trotz ihrer Perfektion und ihrer großen Ästhetik bereits nicht mehr gefragt. Deshalb erlebte Haller Rückschläge, als er beispielsweise 1986 beim Wettbewerb für die Werkanlage der B. Braun AG im hessischen Melsungen James Stirling und Michael Wilford unterlag. In Aufsätzen, unter anderem von Werner Oechslin, Hubertus Adam und Arthur Rüegg, werden das Werk und die theoretischen Arbeiten Hallers zum industriellen Bauen und zur Stadtplanung im Spannungsfeld zwischen Kunst, Technik und Wissenschaft kenntnisreich beschrieben und in den gesellschaftlichen Kontext eingeordnet.
Dieses Buch ist ein großer Wurf, das dem Visionär, der inzwischen zur modernen Architekturgeschichte gehört, gerecht wird. Es zeigt aber auch überdeutlich die Verbundenheit Hallers mit der Schweiz. Dort befand sich sein Büro, und dort entstanden die weitaus meisten seiner Bauten.

Laurent Stalder, Georg Vrachliotis (Hrsg.): Fritz Haller – Architekt und Forscher. gta-Verlag, 344 Seiten, 277 Abbildungen, 85 Euro.