Gewürze, Cornflakes oder Kaffee: Rund 700 verschiedene Produkte gibt es im Karlsruher Laden „Unverpackt“. Ein Einkauf hier erfordert ein wenig Planung. Kunden bringen eigene Behälter, kaufen dafür nur die Mengen ein, die sie auch brauchen.
Gewürze, Cornflakes oder Kaffee: Rund 700 verschiedene Produkte gibt es im Karlsruher Laden „Unverpackt“. Ein Einkauf hier erfordert ein wenig Planung. Kunden bringen eigene Behälter, kaufen dafür nur die Mengen ein, die sie auch brauchen. | Foto: Anne Weiss

Einkaufen ohne Verpackung

Gar kein Müll heißt das erklärte Ziel

Es rieselt, raschelt, rauscht, poltert und prasselt, wenn Kunden in Antonia Wucknitz’ Laden einkaufen. Doch die Karlsruherin verkauft nicht etwa Geräusche: Wucknitz hat vor einem halben Jahr gegenüber dem Karlsruher Hauptbahnhof den Supermarkt „Unverpackt“ eröffnet – ein rares Konzept im Südwesten, das auf großes Interesse stößt, wie sie sagt. Vier Supermärkte, die nahezu ohne Verpackung auskommen, gibt es mittlerweile in Baden-Württemberg, ein fünfter soll bald folgen.

Noch nie fiel so viel Abfall an

Der Grund dafür ist naheliegend und wenig nachhaltig: In Deutschland fielen 2014 rund 17,8 Millionen Tonnen an Verpackungsabfällen an. Die bisher höchste Zahl, wie Sarah Quartier, Fachberaterin der Abteilung Ernährung und Lebensmittel der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, weiß. „Begründet werden kann das durch veränderte Lebensbedingungen und damit verbundene Verzehr- und Konsumgewohnheiten.“ Bei Kunststoffverpackungen seien etwa Trends zu verpackter Scheibenware bei Wurst und Käse, zunehmender Außer-Hausverbrauch und damit auch Verpackungen für den Sofortverzehr oder kleinere Verpackungseinheiten zu beobachten.

„Bulks“ heißen die Spender, aus denen die Ware abgefüllt wird. Manche Produkte erkennt Antonia Wucknitz schon am Klang.
„Bulks“ heißen die Spender, aus denen die Ware abgefüllt wird. Manche Produkte erkennt Antonia Wucknitz schon am Klang. | Foto: Weiss

Dem wollen die Besitzer der Unverpackt-Läden entgegenwirken: „Zero Waste“ („Null Abfall“) heißt das erklärte Ziel. 2014 öffnete in Berlin mit „Original Unverpackt“ der erste Laden, der Verpackung auf ein Minimum reduziert. Mittlerweile gibt es im Land neben Karlsruhe in Heidelberg, Stuttgart und Schwäbisch Gmünd entsprechende Läden. Eingekauft wird von den Betreibern Ware in großen Gebinden. Aus sogenannten „Bulk Bins“ oder „Gravity Bins“ (zu deutsch etwa Massen- oder Schwerkraft-Behälter) – wie man sie etwa für den Verkauf von Kaffeebohnen kennt – können sich Kunden die Ware in eigene Behälter abfüllen. Diese werden zuvor gewogen und das Gewicht an der Kasse abgezogen.
Um zu begründen, warum sie ihren Laden eröffnet hat, holt Antonia Wucknitz ein recht mitgenommenes Foto hinter dem Tresen hervor. Es zeigt einen Haufen aus Verpackung, den sie vor einigen Jahren nach dem Einkauf fotografierte: „Das hat mich geärgert. Ich habe diesen Laden eröffnet, weil ich selbst nicht mehr so leben wollte“, sagt sie und streicht sorgfältig das Foto glatt.

Freiburger sammelten rund 17 000 Euro

In Freiburg arbeitet Lisa Schairer noch daran, auch in der grünen Vorzeigestadt den verpackungsfreien Supermarkt „Glaskiste“ zu eröffnen. Seit kurzem verstärkt die 25-Jährige Adrian Dell’ Aquila und Björn Zacharias, die seit mehr als einem Jahr an der Eröffnung arbeiten, bei der Suche nach einem Ladenlokal. Das Team ist davon überzeugt, dass das Konzept in der „Green City“ ankommt. Recht gibt ihnen der Erfolg ihrer Crowdfunding-Kampagne, mit der sie über eine Plattform im Netz zur finanziellen Beteiligung aufgerufen haben: Rund 17 000 Euro sind so seit Ende September zusammengekommen. Geld, das die jungen Freiburger brauchen: „Kasse, Waage, Spendersystem: Die Ausstattung ist teuer“, betont Schairer. Beim Spendersystem setzt das Team sogar noch einen drauf: Weil sie im verpackungsfreien Supermarkt auch keine Spender aus Plastik haben wollten, entwickelte Dell’ Aquila kurzerhand selbst ein System – aus Glas, Holz und Edelstahl.

Viele dachten, hier gibt’s nur Trockenfrüchte

Im Gegensatz zur Verpackung wollen die Ladenbetreiber im Südwesten aber nicht auf Vielfalt im Sortiment verzichten: „Viele dachten, hier gibt’s nur Trockenfrüchte“, sagt die Karlsruherin Wucknitz und schmunzelt. Ihr Sortiment umfasst rund 700 verschiedene Waren – inklusive Putzmittel und Körperpflegeprodukten. Was sie zu ihrem Bedauern noch nicht anbieten könne, sind Milchprodukte. Hier stehe sie bei regionalen Wunschpartnern auf Wartelisten: „Da ist die Nachfrage leider größer als das Angebot. Das Problem: 36 Kühe machen nun mal nicht mehr Milch als 36 Kühe, auch wenn man steppt.“ Auch Schairer muss künftig abwägen: „Nicht jedes nachgefragte Produkt gibt es in großen Gebinden. Da müssen wir uns fragen: Wollen wir kundenorientiert sein oder verpackungsfrei?“, betont die studierte Kulturwissenschaftlerin.

 

Das Sortiment im Karlsruher Laden umfasst rund 700 verschiedene Waren – inklusive Putzmitteln oder Hygieneartikeln.
Das Sortiment im Karlsruher Laden umfasst rund 700 verschiedene Waren – inklusive Putzmitteln oder Hygieneartikeln. | Foto: Weiss

Konzept ohne Verpackung kommt gut an

Sobald die Freiburger einen passenden Laden gefunden haben, soll es los gehen. Angst, dass es schief geht, hat sie nicht, sagt sie, ein wenig Zweifel schwingt mit: „Natürlich ist das viel Verantwortung. Ich glaube, längerfristiges Denken fällt vielen in unserer Generation schwer. Dennoch ist Nachhaltigkeit für andere ein wichtiges Thema. Darum wagen wir dieses Projekt und hoffe, dass es angenommen wird. Uns geht es um ein größeres Ziel.“
Antonia Wucknitz jedenfalls ist froh, dass sie ihren Versuch gewagt hat: „An manchem arbeiten wir noch und vieles hat uns überrascht, vor allem aber, wie gut das Konzept ankommt.“ Gut ein Drittel der Kunden sind Stammkunden. Die Pendler unter ihnen kommen zum Teil ganz früh, „schmeißen den Einkaufszettel und Behälter rein und holen alles später nach der Arbeit ab.“ Sie habe Angst gehabt, dass die Leute sich nicht trauten. „Aber diese Sorge war unbegründet.“

Bis zum 27. November läuft die „Europäische Woche der Abfallvermeidung“, in der Tausende Akteure zu Ressourcenschonung und verantwortungsvollem Handeln aufrufen. Rechts- und Fachberaterin Sarah Quartier von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat für die BNN Tipps zusammengestellt, wie der Verbraucher Verpackungsmüll vermeiden kann:
– Aufwendig verpackte Lebensmittel mit wenig Inhalt und viel Verpackung meiden, Obst und Gemüse unverpackt kaufen.
– Tasche zum Einkaufen mitbringen Verpackungen weiter verwenden, etwa den Eisbecher als Aufbewahrungsbox für Nägel oder Plastiktüten als Müllbeutel nutzen
– Für den Kaffee zum Mitnehmen einen Porzellan- oder Edelstahlbecher zulegen und mitnehmen (manche Cafés geben dafür sogar Preisnachlass).