Blutdruck messen, ab- und auch einfach mal zuhören: Die Facetten des Hausarzt-Berufs sind vielfältig. Dennoch könnten in den kommenden fünf Jahren bis zu 500 Praxen schließen – die Nachfolger fehlen.
Blutdruck messen, ab- und auch einfach mal zuhören: Die Facetten des Hausarzt-Berufs sind vielfältig. Dennoch könnten in den kommenden fünf Jahren bis zu 500 Praxen schließen – die Nachfolger fehlen. | Foto: dpa

Verbände werben um Landäzte

„Hausarzt kommt von zu Hause“

Wenn Heidi Wahl zu ihren Patienten nach Hause kommt, erfährt sie mehr als nur, wo es weh tut. Sie sieht das soziale Umfeld, spürt, ob ein Patient einsam ist oder ob er mehr Hilfe braucht, als nur ein Rezept. Wahl ist Hausärztin. Vor einem Jahr hat sich die 43-Jährige in Wiernsheim im Enzkreis niedergelassen. Damit gehört Wahl zu einem seltener werdenden Schlag – obwohl es im Land so viele Mediziner gibt wie nie zuvor, klagen vor allem Hausärzte über Nachwuchsmangel. Sie ist auch heute noch glücklich mit der Entscheidung, sich niederzulassen, wie die Allgemeinmedizinerin sagt. Nur: „Dass es so schwierig werden würde, hätte ich nicht gedacht.“

Für viele Praxen findet sich kein Nachfolger

In den nächsten fünf Jahren werden nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) bis zu 500 Hausarztpraxen nicht neu besetzt. „Geht ein Hausarzt in den Ruhestand, ist es schwierig, die Praxen wieder zu vergeben. Die Faustregel lautet hier: Je ländlicher der Standort, und je weniger Ärzte in der Praxis arbeiten, desto schwerer ist es“, erklärt KVBW-Sprecher Kai Sonntag. Zudem bevorzugten Ärzte Anstellungen oder Teilzeitstellen und möchten daher keine eigene Praxis eröffnen. „Vor 25 Jahren gab es im ambulanten Bereich kaum angestellte Ärzte. Das hat sich gewendet.

Heute geht der Trend zu Großpraxen mit mehreren Ärzten.“ Das bedeute, dass auf einen Allgemeinmediziner, der sich zurückziehe, heute mindestens zwei neue kommen müssten. Das liege auch an einer eigentlich positiven Statistik, „nämlich daran, dass es heute viel mehr Ärztinnen gibt“. Um Mangel vorzubeugen, müsse man an den Unis beginnen, die Niederlassung schmackhaft zu machen. Ein leichter Aufwärtstrend sei dort zwar bereits zu spüren, sagt Manfred King, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Doch darauf allein wollen sich Verbände und Kommunen nicht verlassen und werben für den Beruf.

Näher zum Patient geht nicht

Eine Initiative hat Claas Wolff erst kürzlich den Besuch von zehn Nachwuchsärzten eingebracht. Der Ostfriese ließ sich vor 30 Jahren in Loßburg bei Freudenstadt nieder. Mit seiner Frau, einer Physiotherapeutin, lebt der Allgemeinmediziner in einem alten Bauernhaus, das die vier Kinder mittlerweile verlassen haben, und in dem auch die Praxisräume untergebracht sind. „Näher zum Patient geht nicht“, sagt Wolff und lacht, das habe er auch seinem Nachwuchsmediziner-Besuch gesagt. „Land Arzt Leben Lieben“ heißt das gemeinsame Projekt der Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg in Kooperation mit Gemeindetag, Städtetag und Landkreistag, dem Ministerium für Ländlichen Raum und der Akademie Ländlicher Raum. Das Ziel: Studenten oder Ärzte in Ausbildung für die Niederlassung in ländlichen Regionen begeistern. „Und wer kann das wohl besser, als einer, der selbst mit Leib und Seele dabei ist?“, fragt Manfred King vom Hausärzteverband.

Viel Freiheit, wenig Feierabend

Wolff ist ein klassischer Einzelkämpfer. Meist hat er vormittags Sprechstunde, nachmittags macht er Hausbesuche. Im Hintergrund unterstützt ihn seine Frau, er beschäftigt zwei Arzthelferinnen. Wenn ein Patient samstags klingelt, wird er behandelt. „Im Schnitt kommen jeden Samstag drei Patienten“, schätzt Wolff. Das Telefon schalte er nie ab. Für den Mediziner selbstverständlich: „Das gehört zu meinem Berufsethos.“ Der Nachwuchs aber will das nicht, er will keine Verantwortung mehr übernehmen, sagt Wolff. „Der Numerus clausus hat diesen Typus Arzt hervorgebracht.“ Ein Punkt, den auch KVBW-Sprecher Sonntag anführt: „Die meisten 1,0 Abiturienten möchten auch weiterhin nach oben streben, Preise gewinnen, da ist die Hausarztpraxis nicht erstrebenswert.“

Viele Patienten bauen über Jahrzehnte eine Beziehung zu ihrem Hausarzt auf - und haben Angst, wenn dieser in den Ruhestand geht.
Viele Patienten bauen über Jahrzehnte eine Beziehung zu ihrem Hausarzt auf – und haben Angst, wenn dieser in den Ruhestand geht. | Foto: dpa

Für die Landärztin Heidi Wahl hingegen war genau diese das erklärte Ziel: „Ich wollte mein eigener Herr sein“, erklärt die Medizinerin, die auch Physiotherapeutin und Diplom-Verwaltungswirtin ist. Gereizt habe sie die Herausforderung, „vom Karnickel bis zu Großmutter alle zu betreuen“. „Man muss dafür ein offener Mensch mit Sozialkompetenz und auf alle eingestellt sein. Hausarzt, diese Berufsbezeichnung kommt von ,zu Hause‘.“ Vor ihrer Niederlassung arbeitete sie für einige Zeit in einer Großpraxis im Schwarzwald. Danach sah sie sich 30 Praxen an.

Will ein Arzt seine Praxis verkaufen, orientiert sich der Preis auch am sogenannten Patientenstamm, also der Zahl der Patienten. „Viele Ärzte haben unrealistische Vorstellungen davon, was man wie übernehmen müsse.“ Ein Jahr nach ihrer Niederlassung hat sie in der übernommenen Praxis vieles geändert, etwa neue Arzthelferinnen eingestellt. „Bei einer Übernahme kauft man die Katze im Sack. Heute würde ich wohl eher eine Praxisneugründung in Betracht ziehen und jedem raten, alle Hilfen der Verbände in Anspruch zu nehmen“, sagt Wahl. Was sie dennoch so zufrieden mit ihrer Entscheidung macht? „Die tollen Patienten, die mich sofort angenommen haben“, betont Wahl.

Oft sucht der Hausarzt zu spät einen Nachfolger

Allerdings liegt der drohende Mangel nicht allein an den Nachfolgern. Ein nicht unwesentlicher Faktor sei mangelnde Initiative der Ärzte, die einen Nachfolger suchen. „Viele beginnen einfach viel zu spät, weil sie hoffen, dass ein Nachfolger von ganz allein auf sie zukommt“, betont King. Am Ende müssten die meisten doch selbst aktiv werden. Im Schnitt dauere es ein Jahr, bis etwa über die Plattform des Hausärzteverbands „Perspektive Hausarzt“ ein Nachfolger gefunden sei. Mancher Arzt scheue sich aber, öffentlich zu machen, dass er sich zurückziehen wolle. „Dann kommt der Arzt in Erklärungsnot und sieht sich nicht selten Vorwürfen ausgesetzt.“ Patienten fühlten sich bisweilen im Stich gelassen und viele Ärzte hätten dann ein schlechtes Gewissen. „Kein Wunder: Wer Hausarzt wird, für den ist es oft eine Lebensaufgabe“, betont King.

Auch Wolff wird seit einigen Jahren angesprochen, wann er sich wohl aus der Praxis zurückziehe. „Bei dieser Frage schwingt oft Angst mit“, sagt der 67-Jährige. Ein Sohn sei zwar Arzt, wolle aber leider nicht die Praxis des Vaters übernehmen. Weil er seiner Frau versprochen habe, mit 70 kürzer zu treten, will der Mediziner aber bald mit der Suche beginnen. Ob ihm das schwer falle? „Natürlich. Ich lasse nicht nur Krankheitsbilder zurück. Hier kommt nicht, wie vielleicht in der Klinik, der Bluthochdruck, der Husten, der Zucker. Hier kommen Frau Müller und Herr Meier. Und das ist doch das Schöne.“