Prävention statt Repression: Gemeinsam mit Rettungsdiensten will die Polizei auf die Gefahren des Motorradfahrens hinweisen. 2015 hatte man noch auf massive Kontrollen gesetzt.
Prävention statt Repression: Gemeinsam mit Rettungsdiensten will die Polizei auf die Gefahren des Motorradfahrens hinweisen. 2015 hatte man noch auf massive Kontrollen gesetzt. | Foto: Polizei Offenburg

Neues Konzept in der Ortenau

Hilft Prävention gegen Motorradunfälle?

Ein sonniger Sonntagnachmittag in der Offenburger Oststadt, unweit des Klinikums: Schon von weitem hört man den Rettungshubschrauber kommen. Er wird auf dem Dach des größten Krankenhauses im Kreis landen, und nicht selten hat er einen schwer verletzten Motorradfahrer an Bord. In fast schon makabrer Regelmäßigkeit sorgen Zweiradfahrer an warmen und schönen Wochenenden für Arbeit bei Polizei und Rettungsdiensten, oft mit fatalen Folgen. Auch in diesem Jahr sind, gerechnet bis Ende August, wieder sieben Menschen im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg bei Motorradunfällen getötet worden, 101 wurden schwer, 147 leicht verletzt.

Zu hohes Tempo ist das Problem

Die gute Nachricht dabei: Das sind weniger als im Jahr zuvor. Die schlechte: Im langjährigen Mittel hat sich nicht viel getan, allen Kontrollen und Appellen zum Trotz. Das gilt für die Zahl der Unfälle ebenso wie für die Folgen und – für ihre Ursachen. Die heißen fast immer überhöhte Geschwindigkeit. Ein Fünftel der Unfälle ereignete sich übrigens auf den „Schwerpunktstrecken“ für Biker, die im vergangenen Jahr das Ziel massiver Kontrollen waren. Dabei hat sich das Unfallgeschehen von 2015 auf 2016 fast nicht verändert.

Polizei setzt auf Aufklärung

Beim Polizeipräsidium Offenburg will man deshalb nach den Aktionen des vergangenen Jahres (der ABB berichtete) mehr auf Aufklärung setzen. Denn der Begriff überhöhte Geschwindigkeit als Unfallursache ist differenziert zu betrachten. „Es sind nicht immer nur die Raser, die verunglücken“, sagt Peter Westermann, Leiter der Verkehrspolizeidirektion im Präsidium. Wer so rasant in eine Kurve fährt dass er stürzt, ist zu schnell – auch wenn er gegen kein Tempolimit verstoßen hat. Das heißt auch, dass mehr Kontrollen nicht automatisch mehr Sicherheit bedeuten.

13 Biker starben 2014 auf den Straßen

Beispiel 2015: Die Polizei hatte bei ihrer Jahrespressekonferenz im Februar massive Präsenz auf beliebten Motorradstrecken angekündigt. Im Jahr zuvor waren 13 Biker auf den Straßen im Präsidium gestorben, mehr als doppelt so viele wie im langjährigen Mittel. Ergebnis der Aktion: Die Zahl der getöteten Biker sank im vergangenen Jahr um knapp ein Viertel auf zehn, doch die Zahl der Unfälle insgesamt ebenso wie die der Schwerverletzten nahm sogar zu.

Eine ernüchternde Bilanz

„Ich glaube, wenn wir noch massiver tätig würden, es würde die Zahlen nicht weiter groß beeinflussen“, so die ernüchterte Bilanz von Peter Westermann. Deshalb will die Polizei andere Wege suchen. Die Prävention soll mehr in den Vordergrund treten, mit Rettungsdiensten und Feuerwehr werden die Biker an Aktionstagen angesprochen: „Wir müssen noch mehr an die Fahrer rankommen“.
Auf Kontrollen wollen die Beamten aber nicht verzichten: Es würde zwar, so mutmaßt Westermann, am Unfallgeschehen erst einmal nicht viel ändern, wenn die Polizei für einige Zeit auf die Überwachung der Bikerstrecken verzichtet, doch mittelfristig würden die Unfallzahlen garantiert nach oben gehen. Deshalb könne die Biker auch weiter nicht unkontrolliert Gas geben.

Auch Autofahrer sind zu schnell

Erst vergangene Woche hatte man wieder eine Kontrollaktion auf der Bundesstraße 500, die europaweit als attraktive Tourenstrecke bekannt ist und Fahrer von weither anlockt. Die Tempomessung brachte übrigens ein bemerkenswertes Ergebnis: Den wenig rühmlichen „ersten Platz“ mit einer Überschreitung des Tempolimits um 56 Stundenkilometer teilen sich ein Biker – und eine flotte Porschefahrerin.

Neu klassische „Bikerstrecken“ gibt es im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg:
Die Bundesstraße 500 von Malschbach bis Sand sowie von der Unterstmatt bis zum Ruhestein
Die Landesstraße 83 von Sand bis Raumünzach
Die B 425 von Reichenbach bis zur Bundesstraße 33
Die L 107 von Oberprechtal bis Gutach
Die L 564 von Gernsbach bis zur Landkreisgrenze
Die L 92 Oppenau bis zur Zuflucht
Die L 94 von Oberharmersbach bis zur Bundesstraße 28
Die L 87 Oberbeuern bis Gernsbach
Die K 5370 von Oppenau bis zur Bundesstraße 500
Die L 76b von Weisenbach bis zur Kreisgrenze und
Die L 79 von der Abzweigung der L 78 bis zur B 462 bei Forbach.
Auf diesen Schwerpunktstrecken haben sich im laufenden Jahr bislang 51 Motorradunfälle ereignet, 17 Menschen wurden leicht und 31 schwer verletzt. Außerdem sind zwei Todesopfer zu beklagen. Jeder zweite Unfall auf den genannten Strecken ereignet sich am Wochenende. Die Polizei setzt auf die Verantwortung des Fahrer: „Der Hauptfaktor bei Unfällen ist der, der auf dem Motorrad sitzt“, sagt Peter Westermann. Laut Gerd Jund, Verkehrsspezialist beim Polizeipräsidium, werden Motorradunfälle oft von sehr jungen Fahrern verursacht – oder jenen, die 50 oder älter sind.