Jungfrau, Mönch und Eiger sind die berühmtesten Berge des Berner Oberlandes,
Jungfrau, Mönch und Eiger sind die berühmtesten Berge des Berner Oberlandes, | Foto: Schweiz Tourismus/ von Allmen

Der Eigertrail im Schweizer Oberland

Hinauf zur „Mordwand“

 

Der Eiger muss es sein. Der Flachlandtiroler könnte ja auch zu den Beatushöhlen oberhalb des Thuner Seesöhlen oberhalb des Thuner Sees spazieren, wo der heilige Mann einst kurzen Prozess mit einem reichlich garstigen Drachen machte. Auch der Panoramaweg von Mürren wäre dank Standseilbahn zum Allmendhubel eine gemütliche Alternative, um großes Landschaftskino im Berner Oberland zu erleben. Doch nein, die „Wand der Wände“ soll es sein, die „vertikale Arena“, wie der Schweizer Publizist Daniel Anker die 1 800 Meter hohe, senkrechte Flanke treffend titulierte, die Generationen von wagemutigen Bergsteigern zum Verhängnis wurde. Während Lauffaule das Geschehen in der „Mordwand“ mit dem Fernglas verfolgen und im legendären Grandhotel „Bellevue des Alpes“ auf der Kleinen Scheidegg an ihrem Aperitif nippen, nehmen Wanderer das alpine Abenteuer in Angriff. Um dem berühmt-berüchtigten Berg auf die Pelle zu rücken, braucht es nämlich weder Kletterkünste noch Steigeisen. Möglich macht es der Eigertrail, der am Fuß des vergletscherten Beinahe-Viertausenders verläuft.

Der Thuner See versprüht im Sommer mediterranen Charakter.
Der Thuner See versprüht im Sommer mediterranen Charakter. | Foto: Beatus

Volker, der leidenschaftliche Sport-Allrounder, kennt seine Pappenheimer und lässt die muntere Schar erst mal von der Scheidegg-Passhöhe zur Bahnstation Eigergletscher hochstiefeln. „Wenn die Muskeln warm sind, fällt der Abstieg leichter“, erklärt der gebürtige Allgäuer, der sich vor einem guten Dutzend Jahren in die atemberaubend schöne Region am Thuner See verliebt hat und heute das Sportprogramm des Hotels „Beatus“ in Merligen betreut. Während ganze Horden von Japanern, Chinesen und Amerikanern die Bahnwaggons zum Jungfraujoch stürmen, um von Europas höchstgelegenem Bahnhof einen Blick auf den schwindenden Aletschgletscher zu werfen, zieht es seine Wanderschar geradezu magisch zu jener abweisenden Wand, deren Mythos aus vielerlei Quellen gespeist wird: von ihrer einzigartigen Lage inmitten der grünen Almen des Berner Oberlandes mit Mönch und Jungfrau als stattlichen Nachbarn, von ihrer gefährlichen Ausgesetztheit, die selbst erfahrenen Kletterern alles abverlangt, und wegen all der Triumphe und Tragödien, die sich in der Nordwand abspielten. Dramen wie die Geschichte des Toni Kurz, der im Juli 1936 am Berg erfror, nur wenige Meter entfernt von den zur Hilfe geeilten, aber letztlich machtlosen Rettern. Fast 80 Menschen sind in der Nordwand umgekommen; an jeden einzelnen erinnert ein gravierter Stein am kleinen Stausee unterhalb des berühmten Dreigestirns.
Volkers Entscheidung, den Eigertrail abwärts zu wandern, entpuppt sich schnell als richtig. Denn bergauf hat es die als Bergweg gekennzeichnete Wanderroute, die zwischen der Alm Alpiglen und der Station Eigergletscher rund 700 Höhenmeter überwindet, so richtig in sich. In steilen Serpentinen klettert der Weg nach oben, lässt das Schweizer Heidi-Idyll in und um Grindelwald mit Almen und Wiesen, verstreuten Häusern und Hütten hinter sich.

Die meisten Höhenmeter auf dem Weg in die düstere Schattenwelt aus Fels, Wasser und Eis werden auf dem ersten Drittel des Trails überwunden. Kinder und Hunde turnen mühelos über Stock und Stein, dem großen Rest klebt schon nach wenigen Minuten das verschwitzte T-Shirt am Körper. Haarige Passagen sind durch Geländer und Seile gesichert, schmale Brücken queren metertief ausgewaschene Canyons, an deren Grund kleine Schmelzwasserbäche ins Tal gurgeln. Wo mit bunten Blumen gesprenkelte Almweiden am Weg liegen, wird die unendliche Stille des Hochgebirges vom munteren Geläut der Kuhglocken vertrieben. Je näher die Wanderer dem markanten, weithin sichtbaren Gipfel kommen, der erstmals 1858 durch einen irischen Gelegenheitsbergsteiger und zwei Berner Oberländer über die Westflanke bestiegen worden war, umso bedrohlicher wirkt das steinerne Amphitheater der berüchtigten Nordwand. Wer den Kopf in den Nacken legt, sieht nichts als dunklen Fels, den kaum ein Sonnenstrahl küsst: ein schroffes, sagenhaft hohes Bollwerk aus Fels, Schnee und Eis, das nur ein Riese erschaffen haben kann. All die berühmten Passagen, die Leseratten dank der abenteuerlichen Chroniken ihrer Bezwinger bestens kennen, sind allenfalls zu erahnen: der Schwierige Riss, eine der gefährlichsten Kletterstellen in der Nordwand, das Todesbiwak am Bügeleisen, die „weiße Spinne“ mit ihrer immensen Steinschlaggefahr, die „Japaner Direttissima“ des japanischen Bergführers Takio Kato, der sich 1969 buchstäblich die Wand hinaufgenagelt hat. Die „jungen Wilden“ von heute, Leute wie Stephan Siegrist oder Dani Arnold haben die Zeiten der Erstbegeher förmlich pulverisiert: Keine zweieinhalb Stunden brauchte Arnold bei seiner Durchsteigung im April 2011. Mancher der jährlich 500 000 Passagiere der Jungfraujoch-Bahn, der sich an den in den Fels gesprengten Eigerfenstern seine Nase platt drückt, ist länger unterwegs.

Der Eigertrail ist ein anspruchsvoller Wanderweg am Fuß der berühmten Nordwand.
Der Eigertrail ist ein anspruchsvoller Wanderweg am Fuß der berühmten Nordwand. | Foto: wit

Volker, der Wahl-Schweizer, stand selbst einmal auf dem Eiger, der zwar nicht der höchste (Montblanc) und auch nicht der schönste (Matterhorn), aber sicherlich der bekannteste Berg der Alpen ist. Vor Jahren schlug der Mann aus Füssen den Posten des Vize-Hoteldirektors in den Wind, „weil ich lieber draußen bin, statt am Schreibtisch zu sitzen“. Irgendwie kann man den drahtigen 54-Jährigen auch verstehen angesichts eines Landstrichs, der nur so mit seinen Reizen protzt und schon im 19. Jahrhundert eine beliebte Destination für die Sommerfrischler war. Unten grüßen die blauen Augen des Thuner- sowie des Brienzersees, auf denen sich an schönen Tagen die Segler, Windsurfer und Stand-Up-Paddler tummeln, darüber verströmen sattgrüne Almen mit geschwärzten Heustadl Heile-Welt-Atmosphäre. Die markanten Bergspitzen lassen sich kaum zählen: die unverwechselbare Pyramide des Finsteraarrhorns, mit 4 274 Meter der höchste Gipfel der Berner Alpen; das Schilthorn mit seinem futuristisch anmutenden Drehrestaurant, wo sich einst James Bond die Ehre gab, und der Hausberg von Spiez, der 2 362 Meter hohe Niesen, der alljährlich Schauplatz eines reichlich skurrilen Wettbewerbs ist: des Treppenlaufs über 11 674 Stufen, die einst für die Wartungsarbeiten an der parallel laufenden Niesen-Bahn angelegt wurden. Für Wanderfans ist diese geballte Ladung an Berg ein wahres Paradies, zumal etliche Bergbahnen beschwerliche und zeitaufwendige Anstiege abkürzen. Die Niederhornbahn zum Ferienort Beatenberg, dem wohl schönsten Logenplatz auf die Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau, nimmt sogar E-Bikes mit, mit denen selbst weniger trainierte Pedalritter in ungeahnte Höhen vorstoßen.
Eine der schönsten Wandertouren führt den Outdoor-Fan auf das 2 137 Meter hohe Augstmatthorn, hoch über dem Ufer des Brienzersees. Der Anstieg sei zwar knackig, doch nirgendwo im Berner Oberland sind die Chancen größer, auf Steinböcke zu treffen. Wer über den Grat zu dem wahrlich atemberaubenden Aussichtspunkt wandert, muss zuweilen sogar Haken schlagen – weil mitten auf dem Pfad kapitale Kaventsmänner hocken. Da sie nicht im Traum daran denken, ihr sonniges Plätzchen nur wegen dieser seltsamen Eindringlinge zu räumen, geht man dem Wappentier des Kantons Graubünden besser aus dem Weg. Und wenn eines der bulligen Tieren mit den mächtigen Hörnern keck in die Kameralinse schaut, weiß selbst der ambitionierteste Höhenstürmer: Es muss nicht immer der Eiger sein.