BILDER UND GEGENSTÄNDE AUS DER GESCHICHTE SEINER HEIMATSTADT haben es Mario Ibach angetan. Mit der Facebook-Gruppe „Historisches Bühl“ hat er eine Plattform geschaffen, auf der sich Gleichgesinnte austauschen.
BILDER UND GEGENSTÄNDE AUS DER GESCHICHTE SEINER HEIMATSTADT haben es Mario Ibach angetan. Mit der Facebook-Gruppe „Historisches Bühl“ hat er eine Plattform geschaffen, auf der sich Gleichgesinnte austauschen. | Foto: Lienhard

Neuer Blick auf alte Zeiten

Großes Interesse an historischen Bühler Bildern

Am Abend steigt Mario Ibach hinab in den Keller. Dort setzt er sich über seine Sammlung an Postkarten und historischen Aufnahmen, um ein Exemplar auszuwählen, das er anderntags in die Welt „hinausschicken“ wird. Vor wenigen Monaten hat er auf Facebook eine Gruppe „Historisches Bühl“ ins Leben gerufen, die seither stetig wächst und in der über Stadtansichten diskutiert wird und Erinnerungen geteilt werden. „Die große Resonanz hat mich schon überrascht“, gesteht Ibach.
Seine eigene Sammelleidenschaft hat schon vor Ewigkeiten begonnen. Am Anfang standen Werbepins und der Inhalt von Überraschungseiern, mit einem Schulfreund organisierte er Anfang der 90er Jahre, noch vor dem Abitur, eine Pin- und Ü-Eier-Börse im Haus Alban Stolz. Das Sammelspektrum wurde seitdem immer breiter: Emaille-Schilder, die von vergangenen Bühler Wirtschaftszeiten erzählen, alte Nähmaschinen, Schuhmachergeräte, eine alte Schulbank aus der Aloys-Schreiber-Schule, Bücher – und Bilder und Postkarten. Eine erste Fundgrube war der großväterliche Besitz, dann kamen Flohmärkte und Hausauflösungen hinzu. Heute ist auch das Internet eine wichtige Plattform für den Sammler. Ganz besondere Stücke sind für Ibach eine Postkarte aus den 30er-/40er-Jahren, die just einen Blick zeigt, wie der Sammler ihn aus seinem Zimmer im Elternhaus im Wiedig hatte, und ein Emaille-Schild vom Wiedig-Schuhmacher Pfetzer: Es war einst gestohlen worden und tauchte dann bei einer Auktion in Hamburg auf. Momentan stehen Postkarten von Höhenhotels im Fokus. Jüngste Erwerbungen zeigen das Ruhestein-Hotel mit alten Bussen davor. Um manche Aufnahmen entwickeln sich unerwartete Bietergefechte, so etwa, als eine Karte mit einer Ansicht aus der Bühlertalstraße angeboten war: „Schöne Karten haben ihren Preis“, weiß Ibach. „Hier aber ist er durch ein paar Mitbieter so sehr nach oben gegangen, dass ich ausgestiegen bin.“
Die Idee, seine Leidenschaft über ein soziales Netzwerk zu teilen, hat Ibach lange mit sich herumgetragen. Er hatte die Facebook-Gruppe Historisches Freiburg entdeckt und hielt das Konzept auch für Bühl denkbar. Doch speziell die Bedenken, sein Material könnte zu schnell ausgehen, ließ ihn etliche Monate zögern. Dann aber wagte er den Schritt – und schnell war Ibach nicht der einzige, der die Gruppe mit „neuem Altem“ füttert. Dass viele Gleichgesinnte ihre Fotoalben durchforschten, freute ihn, denn dies fördert genau jene Art von Aufnahmen ans Licht, auf die er gehofft hatte: nicht etwa Bilder und Perspektiven, die schon oft zu sehen waren, sondern solche, die kaum jemand kennt: „Ich wollte hier ein Forum für eher unbekannte Ansichten, keine Standardbilder.“
Das scheint gelungen: Viele begeisterte Reaktionen haben Ibach erreicht. Als er durch die Bühlertalstraße lief, stand dort eine Gruppe zusammen und schaute sich begeistert einen von ihm eingestellten Film aus der Bühlertalstraße der 60er Jahre an; selbst beim Autohändler wurde er auf die Facebook-Gruppe angesprochen. All diese positiven Reaktionen machen den abendlichen Gang in den Keller zu einer freudigen Angelegenheit: „Es macht richtig Spaß, jeden Tag ein neues Bild einzustellen.“ Und Ibach denkt auch schon weiter: „Vielleicht gibt es auch mal einen Stammtisch, um bestimmte Bilder zu diskutieren.“ Gesprächsstoff bieten die Bilder aus einem Bühl vergangener Jahrzehnte ganz bestimmt.

Reise in eine andere Zeit

Das Spiel mit dem Wunsch, in eine andere Zeit zu reisen, kennen Literaturfreunde und Cineasten gut, ob aus dem filmischen 80er-Kult „Zurück in die Zukunft“ oder vom literarischen Urahn der Science-Fiction, H. G. Wells’ „Zeitmaschine“. Solcher Fiktion indes bedarf es gar nicht, zumindest in einer Richtung der Zeitleiste – die Vergangenheit – ist solcherlei Magie geläufig. Kaum jemand, der dies nicht schon erlebt hat: Der Blick fällt auf eine alte Fotografie, und schon fliegen die Gedanken auf goldenen Flügeln um Jahre oder Jahrzehnte zurück, ziehen vorbei an Szenen wie Sommernachmittagen am See und kindlichen Eisgenüssen, an ersten Küssen und Autos. Eine alte Fotografie ist kein toter Gegenstand, der in einem vergessenen Album vergilbt, sie ist eine Eintrittskarte in jenes Paradies, das keine Vertreibung kennt: die Erinnerung.
Richten sich mehrere Augenpaare auf das Bild, ist eine lebhafte Diskussion fast schon garantiert. Michael Rumpf, der Leiter des Bühler Stadtgeschichtlichen Instituts, kennt dieses Phänomen sehr gut. Im Dachgeschoss des Stadtmuseums lassen sich an zwei großen Bildschirmen Hunderte Bilder aus der Region zwischen Kehl und Baden-Baden betrachten – thematisch und regional gegliedert und mit dem Schwerpunkt auf Bühl. „Eine Führung an der Bilderwand zu beginnen, da hat man schon verloren“, sagt Rumpf, die Diskussion verselbstständigt sich und ist nicht mehr einzufangen. Die Kraft der historischen Bilder zeigt sich in Bühl in vielfältiger Weise: im gut nachgefragten, von Marco Müller vom Stadtgeschichtlichen Institut bearbeiteten Band 18 der „Bühler Heimatgeschichte“, der 2008 unter dem Titel „Bühl in alten Bildern“ erschienen ist; groß war die Resonanz, als der ABB vor wenigen Jahren eine mehrteilige Beschreibung der Einkaufsstadt Bühl aus den 1920er Jahren mit Bildern aus jener Zeit garnierte; „bewegt“ sind die Bilder bei der Filmnacht, die beim Stadtmuseum einmal im Jahr um einige Jahrzehnte zurückführt und jedes Mal Hunderte Besucher anlockt.
Das neueste Beispiel ist die von Mario Ibach gegründete Facebook-Gruppe „Historisches Bühl“. Zahlreiche Bilder werden kommentiert, Erinnerungen ausgetauscht. Nostalgie darf hier ausgelebt werden. Denn das ist es: Die große Freude über Bilder vom Johannesplatz etwa aus den 60er oder 70er Jahren, sie ist eine Feier der eigenen Kindheit oder Jugend, als das Morgen noch keine Rolle spielte und alles Sein dem Augenblick galt. Die Bilder wecken Erinnerungen an eine schöne Zeit, wirklich zurückdrehen will das Rad aber kaum jemand – eine Blechlawine auf dem Johannesplatz ist nur noch in der Erinnerung vorstellbar.

In Kapstadt wächst das Heimweh

Peter Gaiser kennt den Johannesplatz eigentlich gar nicht anders. Als die gute Stube der Stadt umgestaltet wurde, lebte er längst elf Flugstunden entfernt. Für ihn haben die Bilder, die er täglich auf Facebook findet, einen ganz besonderen Wert. Jahrgang 1945, ist er aufgewachsen im Bachschlossweg und ab dem zehnten Lebensjahr in der Klosterstraße. Bei der Rheinelektra in der Hauptstraße – auch Firmennamen können Erinnerungen wecken! – absolviert er eine Fernsehtechnikerlehre. Als in den 60ern eine kleine Rezession eintritt, muss er als Jüngster in der Firma gehen. 1966 zieht er nach Frankfurt, im Jahr darauf erhält er eine lukrative Stelle als TV-Techniker bei Siemens in Den Haag. Das Nordsee-Wetter behagt ihm vor allem im Herbst und Winter nicht, und so keimt der Gedanke, „irgendwo hinzugehen, wo die Sonne scheint“. Als er erfährt, dass in Südafrika Techniker gesucht werden – das einzige Kriterium: fünf Jahre Berufserfahrung –, geht Gaiser 1971 an Bord eines Schiffes mit dem Ziel Kapstadt. Er arbeitet ein Jahr lang als Techniker in East London am Indischen Ozean, 1972 macht er sich selbstständig als Restaurantbetreiber (Wimpy Franchise). Nach dem Verkauf 2001 siedelt Gaiser nach Kapstadt um, wo er heute lebt. Die Verbindungen nach Bühl sind geblieben, auch wenn der Faden mit den Jahren dünner wurde. 1976 war er erstmals für einen Besuch zurückgekehrt, danach alle paar Jahre, aber zunehmend seltener. Die Facebook-Gruppe stärkt das Band nun wieder. Durch Zufall hat er in dem Sozialen Netzwerken eine frühere Nachbarin aus der Klosterstraße entdeckt (Gaiser: „Oder hat sie mich gefunden?“). Es war der erste Kontakt seit Jahrzehnten, und so gab es viel zu erzählen. Die „neue alte“ Bekannte führte ihn in die Facebook-Gruppe „Historisches Bühl“ ein. „Dafür bin ich ihr ewig dankbar, denn es interessiert mich unheimlich, noch mal nachzuholen, wie Bühl früher war. Ich war ja noch jung, als ich nach Frankfurt ging, und in dem Alter war das Leben in Bühl nicht gerade aufregend, man interessiert sich nicht für die Umgebung.“Die Initiative von Mario Ibach gefällt Gaiser hervorragend. „Für mich sind solche Bilder vielleicht noch wichtiger als für die Bühler, die ‚daheim wohnen’. Das Wort Heimat bedeutet sehr viel für mich.“ Die Bilder aus dem Sonnengässle und vom Kirchplatz, aus der Hauptstraße und dem Stadtgarten, sie führen ihn zurück in seine Jugend, die „schön und sorglos“ war. Und viele, viele Bühler Erinnerungen erwachen in Kapstadt zum Leben: „Wie ich beim Rauchen erwischt wurde im Stadtgarten, im Winter das Eis auf der Bühlot, Skifahren auf Unterstmatt, mein erstes Fahrrad und der Trip nach Greffern, im Gasthaus ‚Ochsen’ mein Taschengeld verdient, Jahrmarkt und Zwetschgenfest.“ Sein Herz, gesteht Gaiser, fließt über vor lauter Nostalgie, und: „Ich muss zugeben, dass mein Heimweh nach Bühl mit der Facebook-Gruppe zugenommen hat.“