Ausgetrocknete Flussbetten - die werden in wenigen Jahrzehnten auch im Badischen typische Erscheinungen des Sommers sein.  Foto: dpa
Ausgetrocknete Flussbetten - die werden in wenigen Jahrzehnten auch im Badischen typische Erscheinungen des Sommers sein. Foto: dpa

KIT-Forscher fordern Anpassung

„Hitzewelllen werden 2040 normal sein“

Braune Wassermassen, die Autos und sogar Häuser mit sich fortreißen. Menschen, die entsetzt durch ihre schlammverschmierten Wohnungen waten: Solche Bilder aus Baden-Württemberg erlangten diesen Sommer traurige Bekanntheit. Beim Schlagwort „Klimawandel“ erinnern sich viele Menschen sofort daran. Klimaforscher Michael Kunz bereitet ein anderes Szenario jedoch mehr Sorgen: „Die Wahrscheinlichkeit für Hitzewellen nimmt extrem zu – da sehe ich die große Gefahr“, sagt der Meteorologe vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der mit seinen Kollegen kommende Woche die Konferenz „Klimawandel in Regionen“ veranstaltet.
Ausgetrocknete Flussbetten, ausgedörrte Pflanzen und Menschen am Rande des Zusammenbruchs – so hat sich der extreme Hitzesommer 2003 in Deutschland gezeigt. „Im Jahr 2040 wird so ein Sommer wie damals normal sein – und im Sommer 2080 eher mild“, prophezeit Kunz. Da geht es dann nicht nur um wirtschaftliche Schäden und Hitze-Gejammer, sondern um Menschenleben.

100 000 Tote im Rekordsommer 2003

Senioren leiden besonders unter extremer Hitze - aber auch junge sportbegeisterte Menschen sind unter den Todesopfern von Hitzesommern. Foto: dpa
Senioren leiden besonders unter extremer Hitze – aber auch junge Sportler sind unter den Todesopfern von Hitzesommern.   Foto: dpa | Foto: dpa

„9 355 Todesfälle hat die Hitzewelle 2003 in Deutschland verursacht“, zitiert Kunz aus der Statistik, „europaweit waren es rund 100 000“. Und aus diesen Zahlen seien die Todkranken, die ohnehin innerhalb kurzer Zeit gestorben wären, bereits herausgerechnet. „Auch junge Menschen, die sich nicht angepasst haben, waren unter den Opfern“, betont Kunz. Neben zahlreichen Herz- und Kreislaufpatienten traf der Hitzetod zum Beispiel Fitnessfreunde, die trotz Temperaturen um 40 Grad ungerührt Sport trieben. „Auch Kleinkinder, die bei Hitze im Auto zurückgelassen werden, sind immer unter den Opfern“, sagt Kunz.

14,5 Zentimeter dicke Hagelbälle

Häufiger wüten werden voraussichtlich auch Hagel-Unwetter in Baden-Württemberg. „Die Wahrscheinlichkeit für Hagel hat in den vergangenen 30 Jahren um 20 Prozent zugenommen“, berichtet Kunz. Ein Ort auf der Schwäbischen Alb hält den deutschen Rekord: Wahre Hagelbälle prasselten auf Undingen im August 2013 herunter. „Die Hagelkörner waren 14,5 Zentimeter groß und somit die größten bisher gemessenen“, sagt Kunz. Die finanziellen Folgen der Hagelunwetter jenes Sommers waren ebenfalls rekordverdächtig: „Hagelstürme haben Schäden von fast fünf Milliarden Euro verursacht“, sagt Kunz. Reutlingen hat sich als einer der deutschen Hagel-Gefahrenherde herauskristallisiert.

Dicke Hagelkörner prasseln künftig voraussichtlich häufiger auf das Land nieder. Reutlingen ist eine Risikozone im Südwesten. Foto: dpa
Dicke Hagelkörner prasseln künftig voraussichtlich häufiger auf das Land nieder. Das bedeutet auch horrende Versicherungskosten.  Foto: dpa

Wie können Hausbesitzer sich gegen künftige solche Unwetter wappnen? Dieser Frage kommt eine enorme Bedeutung zu – und auch auf der Karlsruher Konferenz soll sie eine wichtige Rolle spielen. „Man muss das schon beim Bauen bedenken“, mahnt Kunz. „Holz kriegt Einkerbungen, Blech kriegt Dellen – in Regionen wie Reutlingen würde ich auf solche Baustoffe eher verzichten.“

Rolläden oben lassen. Moderne Fenster halten das aus.

Und viel geringer könnten die Schäden bei Hagelunwettern ausfallen, wenn die Menschen einen Rat beherzigten: „Rollläden oben lassen“, empfiehlt Kunz. „Der Rollladen hilft nichts, moderne Fenster halten das aus.“

Relativ simple Schutzmaßnahmen würden auch die Folgekosten von Stürmen und Starkregen deutlich senken. „Es gibt zum Beispiel Sturmklammern, mit denen man Dachziegel festmachen kann“, sagt Kunz. Rückstauventile einbauen, Lichtschächte abdichten, keine Wertsachen im Keller unterbringen – das seien effektive Tipps für Privatleute.

Vorhersage immer noch schwierig

Schwierig ist es immer noch, Ereignisse wie Hagel und Extremregen präzise vorherzusagen. Denn: „Gewitterereignisse sind sehr kleinräumig“, erklärt Kunz. Bei Hitzewellen ist die Datenlage eine ganz andere – auch aus der Vergangenheit. Für Karlsruhe liegen Temperaturmessungen seit 1764 vor. Aus solchen Langzeitbeobachtungen speisen sich auch die beunruhigenden Prognosen für künftige extreme Hitzesommer. Doch Kunz, der die KIT-Arbeitsgruppe „Atmosphärische Risiken“ leitet, möchte keine „Endzeitstimmung“ schüren.
„Wir müssen nicht fatalistisch sein“, meint er. Sollte die Erderwärmung zumindest auf 1,5 reduziert werden, wären einige Folgen zumindest abzufedern. Dringend gefragt seien aber Anpassungsstrategien. Das Land Baden-Württemberg hat schon ein Konzept, viele Kommunen müssen sie noch erarbeiten – zum Beispiel für Städtebau und Gesundheitswesen. „Hitzewelle ist nicht gleich Hitzewelle“, sagt Kunz. In begrünten und gut durchlüfteten Städten ließen sich Rekordsommer schon deutlich besser ertragen. Hitzewarndienste dürften im Jahr 2080 laut Kunz längst Normalität sein – und manchen Senior vor tödlicher Dehydrierung bewahren: „Alte Leute haben ja oft das Problem, dass sie zu wenig trinken.“

Klima-Vorträge
Die Konferenz „Klimawandel in Regionen“ findet am Mittwoch, 5. Oktober, ab 9.30 Uhr im Gartensaal des Karlsruher Schlosses statt.
Die Vorträge richten sich an Fachleute und interessierte Bürger. Ab 11.15 Uhr geht es um Vorhersagen, ab 13.30 Uhr beleuchtet ein Forscher die Frage, warum die globale Erwärmung nicht automatisch mehr Wetterextreme bringt, zudem geht es um Versicherungsrisiken und Karlsruhes Anpassungsstrategie. Um 15 Uhr beginnt eine Podiumsdiskussion über Zukunftsstrategien, um 16.30 Uhr der historische Vortrag „Mensch, Hagel, Naturängste“.
Die detaillierte Programmübersicht finden Sie im Internet bei der Forschungsinitiative Regionale Klimaänderungen (REKLIM) www.reklim.de/konferenz-2016.