Verführt alle Völker und Fans: Daenerys Sturmtochter (Emilia Clarke)
Verführt alle Völker und Fans: Daenerys Sturmtochter (Emilia Clarke) | Foto: obs/Sky Deutschland

Game of Thrones unter der Lupe

Im lieben GOT steckt das Detail

 

Es hat schon die Resistentesten umgehauen: das Spiel um den eisernen Thron. Das Lied von Eis und Feuer. Menschen, die sich lieber geißeln würden als sich Serien-Junkie zu nennen, fressen sie nur so hinunter: die Staffeln von „Game of Thrones“, kurz GOT, derer es sechs gibt. Oder die Bücher von George R. R. Martin, zehn an der Zahl in der deutschen Ausgabe. Momentan warten alle gespannt darauf wie es weitergeht. Die siebte Staffel soll erst im August 2017 anlaufen. Wie gut, dass es Carolyne Larrington gibt, einen GOT-Fan mit geballtem Wissen über mittelalterliche Literatur. Und sie hat sich damit auf Suche gemacht nach Parallelen zu Sitten, Bräuchen und Überlieferungen längst vergangener Jahrhunderte. Herausgekommen ist das sehr aufschlussreiche Buch „Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones“.

Faszination GOT

Zimperlich darf man freilich nicht sein als GOT-Fan. Denn so sehr die fiktive Welt aus dem kulturellen, sozial- und religionsgeschichtlichen Hintergrund des Mittelalters schöpft, so gnadenlos, brutal und krass werden einem die Szenen in einer immens aufwendig ausgestatteten und detailgetreuen Kulisse vor Augen geführt. Es ist die riesige Kluft, die fasziniert: zwischen ästhetisch Schönem und Abstoßendem, zwischen niveauvollen Dialogen und barbarischen Kämpfen und Enthäuptungen, sinnlichen Frauen in pittoresken Freudenhäusern und literweise Blut. Vielleicht schwingt auch die Sehnsucht nach starken Persönlichkeiten mit und ihrem Mut und der Fähigkeit zu harten Entscheidungen wie der einer Danaerys Sturmtochter oder der in der sechsten Staffel endlich über sich hinauswachsenden Sansa Stark.

Sansa erstarkt: Sophie Turner mit Alfie Allen als Theon Graufreud in Staffel 6
Sansa erstarkt: Sophie Turner mit Alfie Allen als Theon Graufreud in Staffel 6 | Foto: obs/Sky Deutschland

Im Bann der Charakterschweine

Selten nur formen einen Plot derart menschliche Charaktere, die nichts mit der bemühten Schwarz-Weiß-Zeichnung der Filmwelt zu tun haben. Ein Ekel wie Jamie Lannister wird plötzlich zum Sympathieträger, ein versoffener, kleinwüchsiger Zyniker wie dessen Bruder Tyrion zum absoluten Bildschirm-Liebling. Und als nähme es nicht Wunder genug, dass Menschen dieser Serie folgen, deren TV-Konsum ansonsten gen Null tendiert, outet sich jetzt auch die Literaturwissenschaftlerin aus Oxford als Fan und schenkt Gleichgesinnten 320 Seiten des Vergleichs zwischen der fiktiven Welt von GOT und dem realen Mittelalter.

Conleth Hill as Varys and Auf der Flucht: Tyrion Lannister (Peter Dinklage)
Auf der Flucht: Tyrion Lannister (Peter Dinklage) und Varys (Conleth Hill) | Foto: obs/Sky Deutschland

Erhellende Einsichten für Eingeweihte

Mit Larringtons Buch kommt jetzt genau das Richtige für die Wartezeit bis zur Fortsetzung der Staffeln und Bücher: Der Streifzug, auf den die Forscherin in ihrem Buch nimmt, gleicht einer Erkundungstour durch die für kurze Zeit eingefrorenen Szenerien, Kulturen und Kulissen von Westeros und Essos, durch die sogenannte „Bekannte Welt“ und ihre Protagonisten, deren Familien und Stämme. Bekannt? An dieser Stelle sei darauf hingewiesen: Das Buch ist aufgrund seiner dichten Verzahnung zwischen der fiktiven Welt Martins und der realen des Mittelalters für Unkundige eher verwirrend. Wer Larringtons dramaturgisch spannend geführten Untersuchungen folgen möchte, sollte mit dem Stoff gut vertraut sein. Somit hat die Forscherin immerhin für Millionen potenzieller Leser geschrieben, die sich womöglich immer schon gefragt haben, wie viel Mittelalter tatsächlich in dieser Gesellschaft steckt, die erbittert um den eisernen Thron kämpft.

Von Lepra und Meuchelmördern

Larrington stellt jene Fragen, die einen umtreiben zwischen den zahlreichen überraschenden Wendungen im Verlauf der Bände und Folgen. Woher kommt das alles? Wie und woraus hat George R. R. Martin sein fulminantes Universum erschaffen? Wie viel hat es zu tun mit jener Welt aus Feindschaften und Krieg, Liebe und Hass, Gier, Macht und Verrat wie man sie in den Rosenkriegen in England findet. Wie viel mit dem Frauenbild vergangener Jahrhunderte, mit Aberglauben, Kampftechniken, kulinarischen Exzessen?
Larringtons Reise beginnt in Winterfell, dessen Architektur normannischen Ringburgen gleicht, stellt die Eisenmänner in Vergleich zu den Wikingern des 8. bis 11. Jahrhunderts, und führt weiter nach Königsmund, wo sie am Beispiel von Cercei die Rolle als Königinmutter im europäischen Mittelalter erläutert. Im meerumschlossenen Drachenstein wird der Vergleich zwischen den ausgestoßenen Steinmenschen und Lepra gezogen, in den Freien Städten begegnen wir am Beispiel Jaqen H’ghars der Geheimgesellschaft realer Meuchelmörder. Über die Küste von Essos geht es weiter auf dem Pferd zur Sklavenbucht und schließlich zurück in „die Heimat“. Vorab entschlüsselt die Autorin jene Kulturen, die hauptsächlich durch die Normen von Westeros geprägt sind und zeigt deren Verbindungen zu im Mittelalter verwurzelten Ansichten über Stand und Geschlechterrolle, Ehre und Ansehen, Gastfreundschaft, Gerechtigkeit und Drachen.

Keine Angst vor Spoiler

Dankenswerterweise hat Larrington dort, wo sie an verräterischen Inhalten nicht vorbeikommt, Spoiler-Warnungen in Form eines Raben platziert. Vom letzten Kapitel aber sollte jeder die Finger lassen, der Martins Romane noch nicht gelesen hat. Denn hier stellt die Forscherin, deren Leidenschaft für GOT nicht unerkannt bleibt, ihre Vision einer Fortführung der Geschichte vor und freut sich auf die Heirat zweier Sympathieträger.

Aus Liebe zum Detail

Kurzum: Dieses Buch ist der wissenschaftlich unterfütterte Beweis für das, was jede Zeile und jede Szene dem Liebhaber des grandiosen Epos suggeriert: Im lieben GOT steckt das Detail.

Carolyne Larrington: Winter is Coming. Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones. Theiss, 320 Seiten, 40  S-W-Abbildungen, 19,95 Euro.