Der Hummer ist in Kanadas Atlantikprovinz Nova Scotia allgegenwärtig.
Der Hummer ist in Kanadas Atlantikprovinz Nova Scotia allgegenwärtig. | Foto: wit

Im Reich des Hummers

Nova Scotias Meeresschatz

Roby, der junge Fischer der „Harbour Mist“, ist noch wortkarger als gewöhnlich. Ob ihm die morgendliche Nebelsuppe auf den Magen geschlagen ist oder die magere Ausbeute, die sich in seinen bauchigen Hummerkörben verfangen hat – wer weiß das schon. Mürrisch schrubt der junge Kanadier die Planken, dreht sich demonstrativ um, als die Horde Japaner die malerische Idylle aus seetüchtigen Fischerbooten, kunterbunten Puppenstubenhäusern und einem meeresumrauschten, schneeweißen Leuchtturm knipsen will. So pittoresk die Szenerie auch sein mag, so hart ist das Leben auf See. „Wenn ich könnte, hätte ich die Fischerei schon lange an den Nagel gehängt“, verrät der Bursche, während er das gute Dutzend Hummerreusen in dem verwitterten Holzschuppen verstaut. Von November bis Mai ist er jeden Tag rausgefahren, bei eisigen Winden und höllischem Seegang, nie wissend, wie ergiebig der Fang sein würde und was seine Abnehmer für die Scherenungetüme zahlen werden. „In guten Jahren bekomme ich bis zu elf Dollar pro Pfund, in schlechten mickrige drei“, erzählt der Herr über 300 Reusen. So sehr er sich auch nach einem geregelten Arbeitstag sehnt, nach freien Wochenenden mit Familie und Freunden: Wenn Ende November die Männer aus Peggy’s Cove, Lunenburg oder Liverpool aufs Meer hinausfahren, wenn die hübschen Restaurants Hummer in allen Variationen auftischen und selbst Mcdonald’s Lobster Rolls verscherbelt, wird Roby wieder am Steuer der „Harbour Mist“ stehen. So wie der Vater, der Großvater und der Urgroßvater.

Der Hummerfang begann erst, als Kabeljau und Dorsch ausblieben.
Der Hummerfang begann erst, als Kabeljau und Dorsch ausblieben. | Foto: wit

Dabei standen die heiß begehrten, kalorienarmen Delikatessen aus dem Meer zunächst gar nicht im Fokus der Fischer. In der kanadischen Provinz Nova Scotia, deren Gestalt entfernt an einen Hummer erinnert und wo der Atlantik nie mehr als 50 Kilometer entfernt ist, lebte man Jahrhunderte lang ganz gut von Kabeljau und Dorsch, die in unvorstellbaren Mengen gefangen wurden. Die fetten Jahre brachten Wohlstand in die hübschen Orte an der Südküste, deren Bewohner sich Schulen wie Paläste und Kirchen wie Kathedralen leisten konnten. Dutzende Schoner samt ihren hölzernen Beibooten, den Dorys, lagen einst im Hafen von Lunenburg vor Anker, doch dann kamen Motorsegler und moderne Trawler. Den schwimmenden Fischfabriken hielten die Bestände auf Sable Islands, dem „Friedhof des Atlantiks“, und den Grand Banks nicht lange stand. 1992 sah sich die kanadische Regierung zu einem Fangverbot gezwungen, so dass sich die Fischer kurzerhand auf Hummer und Muscheln verlegten.

Schon die Hochseefischerei war ein Saisongeschäft, die Küstenfischerei ist es noch mehr – auch wenn die Schalentiere, die bis zu 100 Jahre alt werden können, nirgendwo vor der menschlichen Gier sicher sind: Stets ist irgendwo Hummersaison, weil die auf wenige Monate begrenzte Fangerlaubnis im Uhrzeigersinn um die Halbinsel herumwandert. Wie viele andere Kollegen kommt Roby ohne ein zweites Standbein nicht über die Runden. Im Herbst, wenn die Reusen geflickt und die „Harbour Mist“ frisch gestrichen ist, hilft der Bär von einem Mann im Restaurant der Schwester aus.
Womöglich wäre Lunenburg in völliger Bedeutungslosigkeit versunken, wäre die Stadt an der Leuchtturmroute nicht 1995 von der UNESCO zum Weltkulturerbe geadelt worden – als perfektes Beispiel für eine am Reißbrett geplante, schachbrettartige Siedlung auf dem nordamerikanischen Kontinent. „Von ehemals vier Schiffswerften ist nur noch eine übrig“, erzählt Ralph Getson, dessen deutsche Vorfahren einst in Ostfriesland zuhause waren, ehe sie den Verlockungen der Neuen Welt erlagen. Und mit den Fischern verschwanden Geschäfte, Handwerker und kleine Fabriken. Dafür entdeckten Stadtmüde die protzigen viktorianischen Villen in der hufeisenförmigen Bucht, verliebten sich junge Paare mit Unternehmergeist in heimelige Lebkuchenhäuser mit lichtdurchfluteten Erkern, Türmchen und Witwengängen, von denen Kapitänsgattinnen einst Ausschau nach dem Liebsten hielten. Im rosa-gestrichenen „Wedding Cake House“, wo einst Lunenburgs Bürgermeister residierte, leben nun Neuankömmlinge aus Halifax; in die Liegenschaften an der Kings Street, die sich in Quietschgrün, Kürbisgelb und knallig-Pink präsentieren – was ihnen den ironischen Namen „Unesco Fresko“ eingebracht hat–, sind Büros und ein Restaurant eingezogen. Fast 400 geschützte Bauten gibt es in dem musealen Puppenstubenort, neben einem halben Dutzend Kirchen, die stolz zur Schau stellen, was den Wohlstand der ebenso frommen, wie fleißigen Lunenburger einst begründete: der Kabeljau. Auf der Kirche St. Andrews gleich neben dem anglikanischen Gotteshaus muss er als Wetterhahn herhalten.

"Unesco fresco" heißen diese knallbunt gestrichenen Häuser in Lunenburg im Volksmund.
„Unesco fresco“ heißen diese knallbunt gestrichenen Häuser in Lunenburg im Volksmund. | Foto: wit

Die deutschen Spuren sind in Kanadas einstiger Fischfang-Metropole unübersehbar. Die Namen, eingraviert auf Stelen, Grabsteinen und Denkmälern, klingen vertraut, auch wenn die Zwickers, Walters und Geertzins längst nicht mehr der deutschen Sprache mächtig sind. Englands König George, gleichzeitig Fürst von Braunschweig-Lüneburg, setzte im Streben um die Vorherrschaft in der neuen Provinz auf tüchtige Siedler. Seine eigenen hannoverschen Untertanen blieben außen vor, stattdessen schickte er seine Werber nach Süddeutschland und in die Schweiz. Die großzügigen Versprechungen von 25 Hektar Land pro Person, Steuerbefreiung für viele Jahre, Waffen und Munition sowie 170 Meter Holz für den Hausbau verfehlten ihre Wirkung nicht. Und die Überfahrt von höchstens sieben Tagen sei auch zu meistern. Dumm nur, dass aus einer Woche leicht 60 Tage und mehr wurden und sich das versprochene Land als gänzlich ungeeignet für die Landwirtschaft entpuppte. „Viele Neuankömmlinge warfen schon nach kurzer Zeit das Handtuch, kehrten in die alte Heimat zurück oder siedelten in die Neuenglandstaaten um“, erzählt Ralph Getson. Wer blieb, musste sich umorientieren. Aus fleißigen Schreinern, Schmieden und Landwirten wurden innerhalb einer einzigen Generation Fischer und Schiffsbauer, deren schnelle Schoner bis an die Küsten Grönlands führen und halb Amerika während der Prohibition mit Rum und anderen geistigen Erzeugnissen versorgten, wobei sich ein gewisser Joseph P. Kennedy, Vater des späteren US-Präsidenten, als begnadeter Schmuggler hervortat. Ein Schiff ist der ganze Stolz der Lunenburger: die „Bluenose“, deren Nachbau im Hafen schaukelt. Der schnelle Zweimaster schlug bei Schiffsregatten in den 30er Jahren regelmäßig die ungeliebte amerikanische Konkurrenz, was ihm einen Platz auf der Zehn-Cent-Münze des Ahornstaates einbrachte.

Die Zweimaster "Bluenose" ist der ganze Stolz von Lunenburg.
Die Zweimaster „Bluenose“ ist der ganze Stolz von Lunenburg. | Foto: wit

Wem Lunenburg zu touristisch ist, mit all der verspielten Zimmermanns-Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts: das hinreißende Shelburne mit seinem geschützten Hafen und den geduckten Holzhäusern hat fast ebenso viele Jahre auf dem Buckel, ist aber bei weitem nicht so überlaufen. Der hübsche Ort, der sich in den Sommermonaten in eine Art Freilichtmuseum mit kostümierten Einwohnern verwandelt, verdankt seine Existenz loyalen Royalisten der britischen Krone, die den Unabhängigkeitsbestrebungen der Neuenglandstaaten nichts abgewinnen konnten. Die historische Keimzelle der Stadt rund um die Water Street wirkt so gestrig, dass amerikanische Filmemacher sie zur Kulisse etlicher Kostümstreifen kürten: Für „Der scharlachrote Buchstabe“ wurden kurzerhand die Stromleitungen verbuddelt.

Souvenir gefällig: Das Hummermotiv ziert alles - Turnschuhe, Kaffeetassen und natürlich T-Shirts.
Souvenir gefällig: Das Hummermotiv ziert alles – Turnschuhe, Kaffeetassen und natürlich T-Shirts. | Foto: wit

Für Ken Taylor und seine Frau Sherry gibt es kaum einen besseren Platz als diese lang gezogene Bucht mit den kleinen Felseninseln und den schmucken Leuchttürmen. Wenn sie mit ihrem Boot, der „Brown Eyed Girl“ hinaustuckern und knallgelbe Hummerkörbe an Bord hieven, müssen die zwackenden Kaventsmänner keine Angst vor dem Kochtopf haben, weil es nach ausgiebiger Fotosession wieder ins kühle Nass geht. „In der Schonzeit kennt die Fischereiaufsicht keine Gnade“, bestätigt der Pensionär, der sich mit den Hafentouren ein nettes Zubrot verdient. Im Winter faulenzt das Paar nämlich unter karibischer Sonne, bevor es im Frühling wieder Richtung Norden geht. Für Roby, den jungen Fischer, ist die Saison dann bereits in vollem Gange. Frühmorgens wird er mit der „Harbour Mist“ hinausfahren, die Reusen einholen und vom großen Fang träumen. So wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater.

Informationen

Nova Scotia ist zwar eine der kleineren kanadischen Provinzen, doch immerhin 55 000 Quadratkilometer groß. Von Barrington im Südwesten nach Cape Breton am nordöstlichen Ende fährt man einen guten Tag. Für die Leuchtturm-Route zwischen Halifax und Yarmouth sollte man mindestens drei, vier Tage einplanen.

Anreise: Condor fliegt in den Sommermonaten dreimal die Woche von Frankfurt direkt nach Halifax. Flüge gibt es ab 350 Euro pro Strecke.
www.condor.com

Sehr viel umständlicher ist die Anreise mit Air Canada, da die Zwischenlandung in Toronto oder Montreal die Flugzeit erheblich verlängert. Allerdings gibt es dadurch mehrere Verbindungen täglich. www.aircanada.com

Einreise: Für Kanada ist eine elektronische Reisegenehmigung (eTA) erforderlich. Der Antrag kostet sieben Kanadische Dollar, die eTA ist maximal fünf Jahre gültig. Sie kann im Internet beantragt werden.
http://www.cic.gc.ca/francais/visiter/ave.asp

Touren: „Essential Lunenburg“ ist eine einstündige Tour zu den schönsten Häuser der Stadt überschrieben. Erwachsene zahlen 20 kanadische Dollar, Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren, zehn kanadische Dollar. Daneben gibt es in den Sommermonaten eine einstündige Geistertour in den Abendstunden. Kosten: 20 Dollar für Erwachsene, zehn Dollar für Jugendliche.

Rund drei Stunden dauern die Hafentouren mit der „Brown Eyed Girl“ vorbei an der historischen Waterfront und zahlreichen Leuchttürmen. Für Erwachsene kostet das Ticket 35 kanadische Dollar, Jugendliche zahlen 15 Dollar.

Auskünfte: Destination Canada c/o Travelmarketing Romberg, Schwarzbachstraße 32, 40822 Mettmann, Telefon (02104) 95 24 110.
www.kanada-entdecker.de