Tausende Fische verendeten nach der Chemiekatastrophe von Sandoz 1986.
Tausende Fische verendeten nach der Chemiekatastrophe von Sandoz 1986. | Foto: dpa

30 Jahre nach Sandoz

Im toten Fluss ist heute wieder Leben

Blutrot färbt sich der Rhein, eine Giftwelle lässt Tausende Fische verenden, Forscher sprechen von einem „toten Fluss“: Als am 1. November nach einem Großbrand auf dem Gelände des Pharmaunternehmens Sandoz bei Basel hochgiftige Chemikalien in den Rhein fließen, nimmt eine der bis dahin größten Umweltkatastrophen in Mitteleuropa ihren Lauf. Gerade jährte sich das Unglück zum 30. Mal – die Fische sind längst zurückgekehrt. Und Vater Rhein?

Katastrophe  lösten Umdenken aus

Der Fluss erholte sich schneller als erwartet, ist heute sauberer als je zuvor. Weltweit gelte dies in der Fachwelt als ein positives Beispiel der Umweltpolitik, teilen die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) und die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) in Karlsruhe anlässlich des Jahrestags mit. „Allen Verantwortlichen war bewusst, dass die Herkulesaufgabe der Regeneration des Rheins nur gelingen kann, wenn das Rheinwasser konsequent und langfristig über nationale Grenzen hinweg vor weiteren giftigen Einträgen geschützt wird“, betont Margareta Barth, Präsidentin der LUBW. Langfristig betrachtet sei das Unglück die Initialzündung für eine internationale und verbindliche Zusammenarbeit für einen sauberen Rhein gewesen. Hierin sind sich die Präsidenten des Landesamtes für Umwelt Rheinland-Pfalz, Stefan Hill, und des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie, Thomas Schmid sowie die Präsidentin der LUBW einig. „Der öffentliche Druck hat damals der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheines und damit dem Gewässerschutz zu mehr Einfluss verholfen“, erläutert Hill.

Rund 1 350 Tonnen hochgefährliche Chemikalien gingen bei dem Unglück in Flammen auf.
Rund 1 350 Tonnen hochgefährliche Chemikalien gingen bei dem Unglück in Flammen auf. | Foto: dpa

Die LUBW erinnert zum Jahrestag der Katastrophe daran, wie die Mannschaft des LUBW-Messschiffes Max Honsell noch rund 36 Stunden nach dem Unfall nicht wusste, welchen gefährlichen Cocktail an Chemikalien sie beprobte. „Wir waren zum Zeitpunkt des Vorfalls auf dem Neckar bei Stuttgart unterwegs“, blickt Schiffführer Karlheinz Sommer zurück. „Nach rund eineinhalb Tagen konnten wir die ersten Wasserproben aus dem Rhein entnehmen. Dass es nicht ganz ungefährlich war, wurde uns erst bewusst, als uns der Wachschutz von Sandoz vom Ufer aus zurief, wir sollten aus der Fahne fahren und uns vom Betriebsarzt untersuchen lassen.“ Erst am 18. November berichtet Sandoz erstmals, dass das Lager auch 1,9 Tonnen des hochgiftigen Insektizids Endosulfan enthalten habe.

Positivbeispiel der Umweltpolitik

Bereits eineinhalb Monate nach dem Unfall aber verabschiedet die Rheinministerkonferenz am 19. Dezember 1986 in Rotterdam das Aktionsprogramm Rhein und überträgt die Koordinierung und Erfolgskontrolle an die IKSR. Ziel war es, die gute Wasserqualität und ein intaktes Ökosystem bis zum Jahr 2000 wiederherzustellen. Um in Zukunft schneller auf Verunreinigungen reagieren zu können, etablieren die Rheinanliegerstaaten ein vernetztes Mess- und Frühwarnsystem. Bereits 15 Jahre nach dem Sandoz-Unglück waren Flora und Fauna des Rheins in einem besseren Zustand als davor. Heute wird die Qualität des Rheinwassers mit 13 Messstationen entlang des Rheins überwacht.

Neue Herausforderungen für Rheinanlieger

Schneller und koordinierter könnte man heute auf ein solches Unglück reagieren, sagt Burkhard Schneider, stellvertretender Präsident der LUBW und Leiter der Abteilung 4 Wasser. Der Rhein sei besser überwacht und die Kommunikation zwischen allen Rheinanliegerstaaten durch den Internationalen Warn- und Alarmplan Rhein klar geregelt. Sieben internationale Hauptwarnzentralen (IHWZ) koordinieren im Schadensfall das Vorgehen entlang des Rheins. „Ein unbemerkter Eintrag ist kaum möglich. Entsprechend melden heute Unternehmen Verunreinigungen und deren Ursachen meist sofort.“ Dennoch bleibt laut LUBW und IKSR viel zu tun. Beispielsweise gebe es neben der Verschmutzung mit Mikroplastik noch viele Mikroverunreinigungen wie Medikamente, Hormone der Antibabypille, Insektizide, Duftstoffe aus Reinigungsmitteln und Röntgenkontrastmittel. „Spurenstoffe sind eine neue Herausforderung. Diese Stoffe bringt jeder von uns unbewusst ins Abwasser, zu denken ist insbesondere an Rückstände aus Arzneimitteln. Diese haben wir flächendeckend in allen Wasserproben gefunden“, betont Schneider. Auch Haushaltschemikalien und Schadstoffe, die in der Umwelt ubiquitär vorhanden sind, etwa Quecksilber, belasteten Gewässer immer stärker. Darübe hinaus sei der Hochwasserschutz etwa mit dem Bau von mehr Rückhalteräumen eine weitere Herausforderung der Zukunft und müsse gerade mit Blick auf den Klimawandel weiter vorangetrieben werden.