BEREIT ZUM KAMPF: Stephan Bross am Brunnen hinter dem Rathaus Am Markt, wo sich eine Arena von „Pokémon Go“ befindet.
BEREIT ZUM KAMPF: Stephan Bross am Brunnen hinter dem Rathaus Am Markt, wo sich eine Arena von „Pokémon Go“ befindet. | Foto: Dominic Körner

„Pokémon Go“-Spieler ziehen Blicke auf sich

Kampf um die Arenen tobt mitten in der Stadt

Es ist ein bizarres Schauspiel, das täglich am Alisi-Brunnen auf dem Acherner Marktplatz zu beobachten ist. Seit drei Wochen versammeln sich dort vornehmlich junge Menschen, die wie gebannt auf ihr Handy starren. Nach wenigen Minuten ziehen sie wieder von dannen – manche begeistert, andere weniger. Am Brunnen befindet sich eine „Arena“ des Spiels „Pokémon Go“. Durch GPS und und einen Online-Kartendienst nutzt es die reale Umgebung als Kulisse und hat seit seiner Veröffentlichung Mitte Juli einen regelrechten Hype ausgelöst.

Arena am Brunnen

Gespielt wird auf dem Handy oder Tablet-PC. In die von der Gerätekamera abgebildete Realität werden durch eine Software virtuelle Spielfiguren eingefügt. Die heißen Pokémon und sind Fantasiewesen aus dem gleicharmigen Videospiel, das in den Neunziger Jahren die Kinderzimmer der Welt eroberte. Zur Sache geht es vor allem in den sogenannten „Arenen“, weil Spieler dort eine eigene Figur in den Kampf gegen den Platzhirsch schicken können. So auch am Acherner Brunnen, wo Stephan Bross zum Angriff bläst. Mit seinem Handy in der Hand nähert sich der 24-Jährige dem Wasserspiel, das auf dem Bildschirm sogleich als Kampfstätte ausgewiesen wird. Sein Kontrahent, die Figur eines zuvor am Brunnen siegreichen Spielers, erweist sich aber als zu stark.

Akkufresser mit Suchtpotenzial

„Vielleicht beim nächsten Mal“, sagt Bross, der „Pokémon Go“ kurz nach dessen Deutschland-Start im Juli für sich entdeckt hat. Wenn er mal nicht um die Vorherrschaft in den Arenen kämpft, sammelt er an „Pokéstops“, virtuellen Stationen, die überall in der Region verteilt sind, „Pokébälle“. Mit ihnen lassen sich Spielfiguren über das Handy oder Tablet abwerfen und so einfangen. An anderen Sammelstellen warten Eier, aus denen, ausreichend Bewegung mit dem Handy in der Hand vorausgesetzt, Pokémons schlüpfen können. Weil das Spiel reichlich Akku frisst („Bei voller Aufladung kann man maximal zwei Stunden zocken“), hat Bross tragbare Energiespender in der Hosentasche dabei.
Zuweilen treibt das Spiel kuriose Blüten: „Mir ist schon eine Familie aufgefallen, Vater, Mutter und zwei Kinder, die zu viert bei einem Spaziergang gespielt hat“, erzählt der junge Mann aus Oberachern. Mehrfach rief das mysteriöse Treiben der Spieler, die sich auf der Suche nach neuen Figuren auch zu nachtschlafender Zeit in Büschen, auf Dächern oder an viel befahrenen Straßen herumschlagen, bereits die Polizei auf den Plan. Weil sich besorgte Bürger keinen Reim auf die Versammlungen der Pokémon-Jünger machen konnten, schlugen sie Alarm. Wegen nächtlicher Ruhestörung am Offenburger Ölberg erhielten unlängst 30 Spieler einen Platzverweis (wir berichteten).

Großstädter haben die Nase vorn

„Die Begeisterung rund um das Spiel ist schon verrückt“, sagt Bross schmunzelnd und verweist auf weitere ihm bekannte Arenen in der Region, die das Interesse der Spieler geweckt haben – etwa in Oberachern am Dichmüllerplatz oder an der Kirche. „Pokéstops“ wiederum enthalten neben Eiern auch Heilmittel für im Kampf verletzte Pokémon oder Beeren, mit denen die Figuren vor dem Fang gefügig gemacht werden können. Sie befinden sich unter anderem in der Acherner Hauptstraße, an der Lourdesgrotte in Oberachern und am „Jockele Guck“.
Von großstädtischen Verhältnissen können Spieler in der nördlichen Ortenau aber nur träumen. Da die Stationen über eine Datenbank an bekannten Stellen und Sehenswürdigkeiten platziert werden, sind Metropolen wie Berlin oder München klar im Vorteil. „Im ländlichen Raum ist die Dichte deutlich geringer“, weiß Bross, der auch schon in Karlsruhe auf Pokémon-Jagd ging – und rund um das Schloss kaum seinen Augen traute: „Wahnsinn, was da los war!“

Wer rollt, gewinnt

Weil die Spielfiguren unterschiedliche Stärken haben, hofft auch Bross auf den ganz großen Fang. „Mein bislang bester war ein Psycho-Pokémon“, erzählt er. Bis zum mächtigen „Dragomir“ ist da noch reichlich Luft nach oben. Klar ist aber auch: Wer gut sein will, muss viel Zeit in das Spiel investieren – oder verdammt schnell sein. Während Bross den verdutzten ABB-Redakteur in die Welt der Pokémons einführt, rollen am Acherner Brunnen andere Spieler auf Inlinern vorbei, den Blick gebannt auf das Smartphone gerichtet. „So kommt man natürlich schneller von Station zu Station“, sagt Bross, der durch „Pokémon Go“ beinahe vergessene Kindheitserinnerungen aufleben lässt. „Als Grundschüler hatte ich bereits die Videospiele“, sagt er. Nun ist Bross erwachsen. Die Pokémons lassen ihn trotzdem nicht los – wie so viele andere auch.