Das "Gedicht mit drei Rosenknospen" mit einem Aquarell in Schablonentechnik von Kaspar Hauser  ist derzeit im Markgrafen-Museum in Ansbach (Bayern) ausgestellt.
Das "Gedicht mit drei Rosenknospen" mit einem Aquarell in Schablonentechnik von Kaspar Hauser ist derzeit im Markgrafen-Museum in Ansbach (Bayern) ausgestellt. | Foto: Daniel Karmann/dpa

Bildwelten eines Rätselhaften

Kaspar Hauser – der Findling einmal anders

Und wieder gibt es ein neues Buch über Kaspar Hauser. Doch dieses wartet weder mit einer weiteren Theorie über die Herkunft des Findlings auf, noch will es den ultimativen Beweis dafür zu erbringen, dass der rätselhafte Jüngling eben doch ein badischer Prinz gewesen sei. Kaspar Hauser einmal anders: Der Kunstwissenschaftler Christian Schoen beschäftigt sich mit den Bildwelten des rätselhaften Mannes, um dem Menschen Kaspar Hauser auf die Spur zu kommen. Einem Menschen, der, ehe er 1828 verwirrt und wankend in Nürnberg aufgegriffen wird, wohl weitgehend isoliert und ohne äußere Reize aufgewachsen ist, aber immerhin einen Namen schreiben kann: Kaspar Hauser.

Früchte- und Blumenstillleben

Der „halbwilde Mensch“, der zunächst ins Gefängnis gebracht und später in die Obhut eines Lehrers gegeben wird, lernt rasant: lesen, rechnen, Klavier- und Schachspielen – aber auch malen. Vor allem in seinen beiden letzten Lebensjahren, ehe er 1833 in Ansbach eines gewaltsamen Todes stirbt, fertigt Kaspar Hauser etliche Früchte- und Blumenstillleben an. In Schoens Buch werden die gesamten erhaltenen Zeichnungen und Aquarelle Kaspar Hausers katalogisiert und analysiert. Einige davon sind derzeit zudem im Ansbacher Markgrafenmuseum in der Ausstellung „Kaspar Hauser. Bildwelten“ ausgestellt, die Schoen gemeinsam mit Museumschef Wolfgang Reddig kuratiert hat.

Biedermeier-Kitsch

Viel Dekor und Blüten sind zu sehen, typischer Biedermeier-Kitsch, möchte man meinen. Es sind Bilder, wie man sie damals gerne verschenkte, um in angenehmer Erinnerung zu bleiben – Wolfgang Reddig weist darauf hin, dass zu jener Zeit ja auch die Poesiealben entstanden.

Mehr Kunsthandwerker als Künstler

Kaspar Hauser hat sich die zeitgenössischen Kulturtechniken zu eigen gemacht und Rosen zu selbst gedichteten Versen gemalt. Doch war er offenbar eher Kunsthandwerker als Künstler: „Den Blättern fehlt in den meisten Fällen eine Vielschichtigkeit, eine fruchtbare Wechselwirkung von Form und Inhalt, die ein Kunstwerk vom Bild unterscheidet“, urteilt Christian Schoen, der in Hausers erhaltenen Werken zudem die „Unmittelbarkeit der spontanen, intuitiven Zeichnung“ schmerzlich vermisst. Es habe allerdings auch nicht dem Zeitgeist entsprochen, das spontane, kreative Zeichnen zu fördern – oder entsprechende Blätter aufzuheben.

„Kaspar Hauser wollte gefallen“

Das Manko, dass die erhaltenen Zeichnungen und Aquarelle in der Konvention verharrten und individuelle Züge durch die von Hauser gern verwendete Schablonentechnik schließlich ganz verloren gingen, versucht Schoen auszugleichen: In einem eher hypothetischen Teil des Buches leuchtet er die „inneren Bildwelten“ des jungen Mannes mit der im Dunklen liegenden Kindheit aus. Doch auch im aufwändigen Aquarellieren harmloser Blumen- und Obstmotive sieht der Kunstwissenschaftler etwas ungemein Rührendes. Kaspar Hauser, der etliche seiner Blätter verschenkte, zielte offenbar darauf ab, den Geschmack der Menschen zu treffen, zu gefallen – seine Malerei trägt die Botschaft in sich, „geliebt werden zu wollen“, meint Christian Schoen.

Eine Lithographie des legendären Findlings Kaspar Hauser von Joh. Nicolaus Hoff nach dem Pastell von Johann Friedrich Carl Kreul - 1830) im Markgrafen-Museum in Ansbach. Kaspar Hauser tauchte im Jahr 1828 in Nürnberg auf. Niemand wusste, woher er kam und wer seine Eltern waren. Gerüchten zufolge war sein Vater Großherzog Karl von Baden. Kaspar soll nach der Erbprinzentheorie als Baby heimlich beiseite geschafft worden sein um später nicht den Thron seines Vaters erben zu können.
Eine Lithographie des legendären Findlings Kaspar Hauser von Joh. Nicolaus Hoff nach dem Pastell von Johann Friedrich Carl Kreul (1830) im Markgrafen-Museum in Ansbach. Kaspar Hauser tauchte im Jahr 1828 in Nürnberg auf. Niemand wusste, woher er kam und wer seine Eltern waren. Gerüchten zufolge war sein Vater Großherzog Karl von Baden. Kaspar soll nach der Erbprinzentheorie als Baby heimlich beiseite geschafft worden sein, um später nicht den badischen Thron erben zu können. | Foto: Daniel Karmann / dpa

Ganz ohne die Erbprinzentheorie geht es nicht

Kaspar Hauser mal anders – aber ganz ohne die Erbprinzentheorie, wonach Hauser der 1812 geborene und wenige Tage später für tot erklärte Sohn des badischen Großherzogs Karl und seiner Frau Stéphanie war, kommt auch dieses Buch nicht aus. Eckart Böhmer, der Intendant der Kaspar-Hauser-Festspiele in Ansbach, liefert die „Zusammenschau“: über die Fakten, so weit bekannt, über das Rätsel von Hausers Herkunft und zur Rezeption seines Schicksals, das bis heute viele Leute bewegt. Vielleicht, weil es dabei um eine zentrale Frage des Daseins geht: die Identität eines Menschen.

Das Buch: Christian Schoen: Kaspar Hauser. Bildwelten. Mit Beiträgen von Eckart Böhmer und Wolfgang F. Reddig, 108 Seiten, 45 Katalognummern, zahlreiche weitere überwiegend farbige Abbildungen, Verlag Friedrich Pustet, 20 Euro.

Die Ausstellung: „Kaspar Hauser – Bildwelten. Bekannte und unbekannte Zeichnungen. Konfrontiert mit Arbeiten von Tobias Regensburger“, bis 4. September im Markgrafenmuseum Ansbach, Kaspar-Hauser-Platz 1.